Verlag Dreililien an Arnold Schönberg
31. Jänner 1908
Lieber Herr Schönberg.
Ich komme j[e]tzt endlich dazu Ihren Brief1 vom 29. November zu be-
antworten. Das nennt man prompte Justiz, nicht wahr? Sie werfen mir
Zwiespältigkeit in meinem Verhalten vor. Ist diese Zwiespältigkeit
so wunderbar? Als Mensch, als Musikmensch interessiere ich mich in
hohem Masse für Sie und Ihre musikalische Entwickelung, und wenn ich
in der Lage wäre, würde ich einen Verlag gründen nur um Ihre Werke
zu verlegen und Ihnen die Möglichkeit zu ruhigem und sorglosem
Schaffen zu geben. Da ich aber kein Mäcen bin und auch keinen eige-
nen Verlag habe, sondern nur einen fremden Verlag berate, so muss ich
mich plötzlich anders geben, als ich mich geben möchte. Ich muss mich
immer fragen: kann ich es vor dem Eigentümer des Verlages, der volles
Zutrauen zu mir hat, verantworten?! Wie die Sachen nun einmal liegen,
ist an ein Geschäft mit Ihren Werken in absehbarer Zeit nicht zu den-
ken! Wer soll Ihre Lieder singen, wer Ihre Kammermusik spielen, wer es
wagen Ihre Orchesterwerke aufzuführen? Das ist ja doch alles viel zu
schwer zugänglich, und wenn wirklich dieser oder jener Künstler, diese
oder jene Korporation sich entschliesst den Versuch mit einem oder
mit einigen Ihrer Werke zu wagen, so bleibt es doch immer bei dem Ver-
such. Auf einen Absatz an das grosse Publikum ist doch einstweilen
nicht zu rechnen. Und wer soll Pelleas und Melisande aufführen, wer
antworten. Das nennt man prompte Justiz, nicht wahr? Sie werfen mir
Zwiespältigkeit in meinem Verhalten vor. Ist diese Zwiespältigkeit
so wunderbar? Als Mensch, als Musikmensch interessiere ich mich in
hohem Masse für Sie und Ihre musikalische Entwickelung, und wenn ich
in der Lage wäre, würde ich einen Verlag gründen nur um Ihre Werke
zu verlegen und Ihnen die Möglichkeit zu ruhigem und sorglosem
Schaffen zu geben. Da ich aber kein Mäcen bin und auch keinen eige-
nen Verlag habe, sondern nur einen fremden Verlag berate, so muss ich
mich plötzlich anders geben, als ich mich geben möchte. Ich muss mich
immer fragen: kann ich es vor dem Eigentümer des Verlages, der volles
Zutrauen zu mir hat, verantworten?! Wie die Sachen nun einmal liegen,
ist an ein Geschäft mit Ihren Werken in absehbarer Zeit nicht zu den-
ken! Wer soll Ihre Lieder singen, wer Ihre Kammermusik spielen, wer es
wagen Ihre Orchesterwerke aufzuführen? Das ist ja doch alles viel zu
schwer zugänglich, und wenn wirklich dieser oder jener Künstler, diese
oder jene Korporation sich entschliesst den Versuch mit einem oder
mit einigen Ihrer Werke zu wagen, so bleibt es doch immer bei dem Ver-
such. Auf einen Absatz an das grosse Publikum ist doch einstweilen
nicht zu rechnen. Und wer soll Pelleas und Melisande aufführen, wer
die Kammersymphonie? Sie sehen doch, wie Fried, der einzige Dirigent,
der heute noch etwas riskieren mag, vor der Aufführung2 zurückschreckt,
erstens weil sie zu teuer ist, zweitens, weil er fürchtet es mit sei-
nem Publikum zu verderben. Und nun möchte ich auf die allgemeine schlch
schlechte Lage des Musikalienverlagsgeschäftes zu sprechen kommen
und auf die besondere Lage des Verlages Dreililien, die auch nicht
gut ist, insofern nicht gut ist, als wir mit allen unseren Unternehmun-
gen kein [G]Glück haben. Wenn unser Verlag ginge, wenn er durch andere
Objekte gehalten würde, dann würden wir mit Ihnen nicht so ängstlich
sein, sondern fri[s]chweg alles drucken, was Sie uns zum Drucken anbieten.
Wir haben ja unser Mögliches getan; wer weiss, ob Sie für das Sextett
und das Quartett einen Verleger gefunden hätten –! Mit Pelleas und Me-
lisande könnten wir doch nun wirklich warten bis irgendwo wieder ein-
mal eine Aufführung durchgesetzt sein wird. Part.3 u. Stimmen4 sind ja
vorrätig. Und schliesslich könnten wir es ja machen wie andere Ver-
leger in ähnlichen Fällen auch: wir könnten einfach das Material nur
verleihen. Ich habe gestern noch einmal an Fried geschrieben und er-
warte nunmehr seinen Bescheid. Grosse Hoffnungen habe ich nicht. – Dass
die Aera Weingartner5 nicht sehr erquicklich werden wird, glaube ich
auch. Was er einstweilen macht, ist ja nicht sehr sympathisch. Für Sie
besonders ist das Scheiden Mahlers6 sicherlich ein schwerer Verlust.
Denn er hatte sich doch wohl immer sehr stark für Sie eingesetzt!
Was arbeiten Sie denn jetzt?
der heute noch etwas riskieren mag, vor der Aufführung2 zurückschreckt,
erstens weil sie zu teuer ist, zweitens, weil er fürchtet es mit sei-
nem Publikum zu verderben. Und nun möchte ich auf die allgemeine schlch
schlechte Lage des Musikalienverlagsgeschäftes zu sprechen kommen
und auf die besondere Lage des Verlages Dreililien, die auch nicht
gut ist, insofern nicht gut ist, als wir mit allen unseren Unternehmun-
gen kein [G]Glück haben. Wenn unser Verlag ginge, wenn er durch andere
Objekte gehalten würde, dann würden wir mit Ihnen nicht so ängstlich
sein, sondern fri[s]chweg alles drucken, was Sie uns zum Drucken anbieten.
Wir haben ja unser Mögliches getan; wer weiss, ob Sie für das Sextett
und das Quartett einen Verleger gefunden hätten –! Mit Pelleas und Me-
lisande könnten wir doch nun wirklich warten bis irgendwo wieder ein-
mal eine Aufführung durchgesetzt sein wird. Part.3 u. Stimmen4 sind ja
vorrätig. Und schliesslich könnten wir es ja machen wie andere Ver-
leger in ähnlichen Fällen auch: wir könnten einfach das Material nur
verleihen. Ich habe gestern noch einmal an Fried geschrieben und er-
warte nunmehr seinen Bescheid. Grosse Hoffnungen habe ich nicht. – Dass
die Aera Weingartner5 nicht sehr erquicklich werden wird, glaube ich
auch. Was er einstweilen macht, ist ja nicht sehr sympathisch. Für Sie
besonders ist das Scheiden Mahlers6 sicherlich ein schwerer Verlust.
Denn er hatte sich doch wohl immer sehr stark für Sie eingesetzt!
Was arbeiten Sie denn jetzt?
Sie erhalten demnächst
Revis. Ihrer Quartettstimmen.
Revis. Ihrer Quartettstimmen.
Brief
Aufführung
Part.
Nachgewiesene Quellen: Partiturreinschrift,
autograph (ASGA B 10, Quelle C); Partiturabschrift, möglicherweise
autograph; zugleich Autographiervorlage für den Erstdruck, verschollen
(ASGA B 10, Quelle G*). Die Existenz einer Partiturabschrift
geht aus Verlag Dreililien an Arnold
Schönberg, 15. Oktober 1908 hervor; Herstellungszeitpunkt
nicht ermittelt.
Stimmen
Handschriftliches
Stimmenmaterial der Uraufführung, teilweise autograph, verschollen (ASGA B 10, Quelle E*).
Aera Weingartner
Felix Weingartner war von 1908 bis 1911 Direktor
der Wiener Hofoper. Er folgte in dieser
Funktion Gustav Mahler
nach. Weingartner setzte die
von Gustav Mahler zur Premiere
angenommene Oper Der Traumgörge von Alexander
Zemlinsky ab, dessen von Mahler initiiertes Engagement an der Hofoper ebenfalls Anfang 1908 endete (Zemlinsky et al. 1995, S. 31, 56f.). 1933 wird Arnold
Schönberg mit dem rückblickenden Urteil zitiert,
Felix Weingartner hätte sich
immer als „überzeugter Gegner erwiesen“, womit er sich primär auf die
Nichtberücksichtigung seiner Werke durch die Wiener Philharmoniker unter Weingartners Leitung bezieht (Neue Freie Presse 1933).
Scheiden Mahlers
Nach seinem Ausscheiden aus
der Wiener Hofoper trat Gustav Mahler Ende 1907
ein Engagement an der Metropolitan Opera in New York an. Am 9. Dezember 1907 fand sich ein großer Kreis an Freunden und
Verehrern, darunter Schönberg und
Schüler, am Wiener Westbahnhof
ein, um Mahler und dessen Frau
Alma zu verabschieden (Stefan 1913, S.
92).
Lieber Herr Schönberg.
Ich komme jetzt endlich dazu Ihren Brief1 vom 29. November zu beantworten. Das nennt man prompte Justiz, nicht wahr? Sie werfen
mir Zwiespältigkeit in meinem Verhalten vor. Ist diese Zwiespältigkeit
so wunderbar? Als Mensch, als Musikmensch interessiere ich mich in
hohem Masse für Sie und Ihre musikalische Entwickelung, und wenn ich
in der Lage wäre, würde ich einen Verlag gründen nur um Ihre Werke zu
verlegen und Ihnen die Möglichkeit zu ruhigem und sorglosem Schaffen zu
geben. Da ich aber kein Mäcen bin und auch keinen eigenen Verlag habe, sondern nur einen fremden Verlag berate, so muss ich mich plötzlich anders
geben, als ich mich geben möchte. Ich muss mich immer fragen: kann ich es
vor dem Eigentümer des Verlages, der volles
Zutrauen zu mir hat, verantworten?! Wie die Sachen nun einmal liegen,
ist an ein Geschäft mit Ihren Werken in absehbarer Zeit nicht zu denken! Wer soll Ihre Lieder singen, wer Ihre Kammermusik spielen,
wer es wagen Ihre Orchesterwerke aufzuführen? Das ist ja doch alles viel zu
schwer zugänglich, und wenn wirklich dieser oder jener Künstler, diese
oder jene Korporation sich entschliesst den Versuch mit einem oder mit
einigen Ihrer Werke zu wagen, so bleibt es doch immer bei dem Versuch. Auf einen Absatz an das grosse Publikum ist doch
einstweilen nicht zu rechnen. Und wer soll Pelleas
und Melisande aufführen, wer die Kammersymphonie? Sie sehen doch, wie Fried, der einzige Dirigent, der heute noch
etwas riskieren mag, vor der Aufführung2 zurückschreckt, erstens weil sie zu teuer ist, zweitens, weil er
fürchtet es mit seinem Publikum zu verderben. Und nun möchte ich auf die allgemeine
schlechte Lage des Musikalienverlagsgeschäftes zu sprechen kommen und
auf die besondere Lage des Verlages Dreililien,
die auch nicht gut ist, insofern nicht gut ist, als wir mit allen unseren
Unternehmungen kein Glück haben. Wenn unser Verlag ginge, wenn er durch andere Objekte
gehalten würde, dann würden wir mit Ihnen nicht so ängstlich sein, sondern
frischweg alles drucken, was Sie uns zum
Drucken anbieten. Wir haben ja unser Mögliches getan; wer weiss, ob Sie für
das Sextett
und das Quartett einen Verleger gefunden
hätten –! Mit Pelleas und Melisande könnten wir doch nun wirklich warten bis irgendwo wieder einmal eine Aufführung durchgesetzt sein wird. Part.3 u. Stimmen4 sind ja vorrätig. Und schliesslich könnten wir es ja machen wie
andere Verleger in ähnlichen Fällen auch: wir könnten einfach das Material
nur verleihen. Ich habe gestern noch einmal an Fried geschrieben und erwarte nunmehr seinen Bescheid. Grosse Hoffnungen habe ich nicht.
– Dass die Aera Weingartner5 nicht sehr erquicklich werden wird, glaube ich auch. Was er
einstweilen macht, ist ja nicht sehr sympathisch. Für Sie besonders ist das
Scheiden Mahlers6 sicherlich ein schwerer Verlust. Denn er hatte sich doch wohl immer
sehr stark für Sie eingesetzt! Was arbeiten Sie denn jetzt?
Sie erhalten demnächst Revis. Ihrer Quartettstimmen.
Brief
Aufführung
Part.
Nachgewiesene Quellen: Partiturreinschrift,
autograph (ASGA B 10, Quelle C); Partiturabschrift, möglicherweise
autograph; zugleich Autographiervorlage für den Erstdruck, verschollen
(ASGA B 10, Quelle G*). Die Existenz einer Partiturabschrift
geht aus Verlag Dreililien an Arnold
Schönberg, 15. Oktober 1908 hervor; Herstellungszeitpunkt
nicht ermittelt.
Stimmen
Handschriftliches
Stimmenmaterial der Uraufführung, teilweise autograph, verschollen (ASGA B 10, Quelle E*).
Aera Weingartner
Felix Weingartner war von 1908 bis 1911 Direktor
der Wiener Hofoper. Er folgte in dieser
Funktion Gustav Mahler
nach. Weingartner setzte die
von Gustav Mahler zur Premiere
angenommene Oper Der Traumgörge von Alexander
Zemlinsky ab, dessen von Mahler initiiertes Engagement an der Hofoper ebenfalls Anfang 1908 endete (Zemlinsky et al. 1995, S. 31, 56f.). 1933 wird Arnold
Schönberg mit dem rückblickenden Urteil zitiert,
Felix Weingartner hätte sich
immer als „überzeugter Gegner erwiesen“, womit er sich primär auf die
Nichtberücksichtigung seiner Werke durch die Wiener Philharmoniker unter Weingartners Leitung bezieht (Neue Freie Presse 1933).
Scheiden Mahlers
Nach seinem Ausscheiden aus
der Wiener Hofoper trat Gustav Mahler Ende 1907
ein Engagement an der Metropolitan Opera in New York an. Am 9. Dezember 1907 fand sich ein großer Kreis an Freunden und
Verehrern, darunter Schönberg und
Schüler, am Wiener Westbahnhof
ein, um Mahler und dessen Frau
Alma zu verabschieden (Stefan 1913, S.
92).
31. Jänner 1908
The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Brief
Zitierhinweis:
Verlag Dreililien an Arnold Schönberg, 31. Jänner 1908, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.12407.