D/M.
Herrn
Katwijk aan Zee,
Sehr verehrter Meister Schönberg!
Ich möchte ganz ausserhalb unserer verlagsmässigen
Beziehungen Ihnen eine Mitteilung machen, die mir soeben zu-
gekommen ist. Der Pächter und Geschäftsführer der Stecherei,
Herr Hirsch, liess mir heute mitteilen, dass er mit Hinblick
auf die notwendig gewordene sehr einschneidende Verkürzung
der Arbeitszeit und des trotzdem noch zu grossen Personal-
standes gezwungen ist, zu den nun schon seit einiger Zeit
vorgenommenen Kündigungen auch noch weitere Kündigungen vor-
zunehmen und dass er daher zu seinem Bedauern nun auch Ihren
Sohn Georg kündigen müsste. Ich war über diese Mitteilung
sehr betroffen und habe alles versucht, um diesen Beschluss
rückgängig zu machen. Man teilte mir nun aber mit, dass Ihr
Sohn Georg, dem andere Arbeiten und Hantierungen nicht zu-
zusagen scheinen, sich ausschliesslich mit Korrekturarbeiten
der Abzüge beschäftigt und es ganz unmöglich ist, ihn bei
dieser fixen Beschäftigung zu belassen, weil die Anzahl der
Sticharbeiten derart abgenommen hat und angeblich für Kor-
rekturarbeiten höchstens 100 Seiten per Woche in Betracht kommen –
eine Arbeit, für die etwa 16 Stunden angenommen werden können,

also eigentlich etwa 2 volle Tage, für die selbstredend seitens
Hirsch nicht der Lohn einer ganzen Woche bezahlt werden kann.
Auf meine Bemerkung, ob man nicht Herrn G. Sch. auch andere Ar-
beiten noch übertragen könnte, wurde mir bedeutet, dass er
solche Arbeiten nicht gerne leistet und dass sie ihm begreif-
licherweise mit Hinblick auf seine Bildung und Vorbildung nicht
sehr angenehm sein können. Es wurde mir gesagt, dass man Herrn
Schönberg gewiss sehr gerne für Korrektur-Lesearbeiten weiter
beschäftigen könnte, dass aber für diese Arbeiten nicht mehr
als ein Betrag von 20 Groschen pro Abzug (das ist der übliche
Satz seit vielen Jahren) bezahlt werden könnte. Mir war diese
Mitteilung im hohen Grade unangenehm und ich habe nun durchge-
setzt, dass die Kündigung vorerst nicht erfolgt und dass man
noch 14 Tage zuwartet in der Annahme, dass sich vielleicht doch
günstigere Arbeitsmöglichkeiten für die Stecherei in dieser
Zeit ergeben könnten. Ich halte mich für verpflichtet, Ihnen
von dieser Sachlage Kenntnis zu geben. Ich muss Ihnen ja zwar
offen sagen, dass die Aussichten, dass die Stecherei in den
nächsten 14 Tagen stärker beschäftigt wird, leider sehr gering
sind und dass ich kaum glaube, dass wir die Macht und die Mit-
tel haben werden, die Stecherei Hirsch zu veranlassen, dass Sie
Ihren Sohn nach 14 Tagen nicht kündigt. Ich möchte Sie bitten
mir mitzuteilen, ob und in welcher Weise ich Ihnen beziehungs-
weise Ihrem Sohne Georg für sein weiteres Fortkommen behilflich
sein kann. Ich will bestimmt mein Möglichstes tun. Wären die

Zeiten nicht so ausserordentlich schwierig und nicht auch wir
gezwungen, einen grossen Abbau in unserem Personal vorzunehmen,
dann hätten wir ja alles daran gesetzt, um für Ihren Sohn
Georg eine feste Beschäftigung im Rahmen unseres Unternehmens
zu finden. So aber ist augenblicklich nicht daran zu denken.
Das, was ich hoffe ist, dass, wenn er die Korrekturen von Hirsch
erhält und diese pro Seite bezahlt werden, wir vielleicht im-
stande sein werden, ihm noch einige Korrekturarbeiten zu über-
lassen.
Ich erwarte jedenfalls Ihre freundliche Rück-
äusserung und verbleibe mit den ergebensten Grüssen, auch
an Ihre verehrte Frau,
in steter Verehrung
D/M.
Herrn
Katwijk aan Zee,
Sehr verehrter Meister Schönberg!
Ich möchte ganz ausserhalb unserer verlagsmässigen Beziehungen Ihnen eine Mitteilung machen, die mir soeben zugekommen ist. Der Pächter und Geschäftsführer der Stecherei, Herr Hirsch, liess mir heute mitteilen, dass er mit Hinblick auf die notwendig gewordene sehr einschneidende Verkürzung der Arbeitszeit und des trotzdem noch zu grossen Personalstandes gezwungen ist, zu den nun schon seit einiger Zeit vorgenommenen Kündigungen auch noch weitere Kündigungen vorzunehmen und dass er daher zu seinem Bedauern nun auch Ihren Sohn Georg kündigen müsste. Ich war über diese Mitteilung sehr betroffen und habe alles versucht, um diesen Beschluss rückgängig zu machen. Man teilte mir nun aber mit, dass Ihr Sohn Georg, dem andere Arbeiten und Hantierungen nicht zuzusagen scheinen, sich ausschliesslich mit Korrekturarbeiten der Abzüge beschäftigt und es ganz unmöglich ist, ihn bei dieser fixen Beschäftigung zu belassen, weil die Anzahl der Sticharbeiten derart abgenommen hat und angeblich für Korrekturarbeiten höchstens 100 Seiten per Woche in Betracht kommen – eine Arbeit, für die etwa 16 Stunden angenommen werden können, also eigentlich etwa 2 volle Tage, für die selbstredend seitens Hirsch nicht der Lohn einer ganzen Woche bezahlt werden kann. Auf meine Bemerkung, ob man nicht Herrn G. Sch. auch andere Arbeiten noch übertragen könnte, wurde mir bedeutet, dass er solche Arbeiten nicht gerne leistet und dass sie ihm begreiflicherweise mit Hinblick auf seine Bildung und Vorbildung nicht sehr angenehm sein können. Es wurde mir gesagt, dass man Herrn Schönberg gewiss sehr gerne für Korrektur-Lesearbeiten weiter beschäftigen könnte, dass aber für diese Arbeiten nicht mehr als ein Betrag von 20 Groschen pro Abzug (das ist der übliche Satz seit vielen Jahren) bezahlt werden könnte. Mir war diese Mitteilung im hohen Grade unangenehm und ich habe nun durchgesetzt, dass die Kündigung vorerst nicht erfolgt und dass man noch 14 Tage zuwartet in der Annahme, dass sich vielleicht doch günstigere Arbeitsmöglichkeiten für die Stecherei in dieser Zeit ergeben könnten. Ich halte mich für verpflichtet, Ihnen von dieser Sachlage Kenntnis zu geben. Ich muss Ihnen ja zwar offen sagen, dass die Aussichten, dass die Stecherei in den nächsten 14 Tagen stärker beschäftigt wird, leider sehr gering sind und dass ich kaum glaube, dass wir die Macht und die Mittel haben werden, die Stecherei Hirsch zu veranlassen, dass Sie Ihren Sohn nach 14 Tagen nicht kündigt. Ich möchte Sie bitten mir mitzuteilen, ob und in welcher Weise ich Ihnen beziehungsweise Ihrem Sohne Georg für sein weiteres Fortkommen behilflich sein kann. Ich will bestimmt mein Möglichstes tun. Wären die Zeiten nicht so ausserordentlich schwierig und nicht auch wir gezwungen, einen grossen Abbau in unserem Personal vorzunehmen, dann hätten wir ja alles daran gesetzt, um für Ihren Sohn Georg eine feste Beschäftigung im Rahmen unseres Unternehmens zu finden. So aber ist augenblicklich nicht daran zu denken. Das, was ich hoffe ist, dass, wenn er die Korrekturen von Hirsch erhält und diese pro Seite bezahlt werden, wir vielleicht imstande sein werden, ihm noch einige Korrekturarbeiten zu überlassen.
Ich erwarte jedenfalls Ihre freundliche Rückäusserung und verbleibe mit den ergebensten Grüssen, auch an Ihre verehrte Frau,
in steter Verehrung
Emil Hertzka

20. September 1929


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 20. September 1929, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.17347.

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