28.October 1934
Herrn Dir. Dr. Kalmus
Wien I. Karlsplatz 6
Lieber Herr Dr. Kalmus,
Vorerst meinen Dank für die gesendeten
Drucksachen, von denen allerdings die Zeitungsausschnitte
bisher nicht eingetroffen sind.
Heute drei andere Angelegenheiten.
1. Ich habe Ihnen gelegentlich unserer neu-
esten Abmachung versprochen, mich eventuell der Oest. Aut.
Ges.
anzuschliessen, falls ich bei der GDT austrete. Diese
Frage wird nun akut und ich stehe vor der Wahl, ob ich
der amerikanischen, der englischen oder tschechoslovaki-
schen
(ich bin tsch. slov. Staatsbürger) beitreten soll und
Sie werden begreifen, dass ich diejenige vorziehen muss, die
mir die grössten Vorteile bietet. Selbstverständlich ziehe
ich auch die Autoren Gesellschaft in Betracht, aber nur,
wenn diese bei dem Angebot dass sie mir zu machen hätte,
zugrundelegt: 1. dass ich zuletzt in Berlin bereits M 4000
erhielt, in welchen aber trotz meiner Proteste, zahlreiche
mir bekannte Aufführungen nicht verrechnet waren. 2. Dass
trotz des Entfalls meiner deutschen Aufführungen, meine
Aufführungszahl zunimmt. 3. Dass die Aut. Ges. mehr als zehn
Jahre zwar für mich einkassiert, mir aber nichts ausgezahlt
hat. 4. weiss ich wohl, dass die Aut. Ges. die meisten ihrer
Mitglieder viel höher schätzt als mich, würde es aber nicht
für ungerecht finden, wenn sie davon Kenntnis nehmen woll-
te, dass das Ausland umgekehrter Meinung ist, so dass so-
gar Gesellschaften in die ich eigentlich nicht hineinge-
höre, mich ehrenhalber aufnehmen wollen (und bezahlen!!!).
5. müsste mir zugesagt werden, dass die Klasse, resp. die Sum-
me, die mir zugestanden wird, als Mindestsumme für die Dauer
des Verwaltungsbetrages angesehen wird.
Ich rechne sehr auf Ihre Unterstützung
in dieser Angelegenheit, umsomehr, als ja die UE wirklich
ein Interesse daran hat, mich auf diese Art zufrieden zu
stellen, wo doch heute so unglaublich geringe Anteile in
ihren Abrechnungen ausgewiesen werden.
2. Durch Verschulden der UE und ohne mein Wissen sind eini-
ge meiner Hauptwerke und eben diejenigen, welche jetzt
reif sind, Erträgnisse zu liefern, nicht copyrightet. Wenn
ich Ihnen jetzt einen Vorschlag mache, der diesen Schaden
teilweise vermeiden hilft, so tue ich das unter Vorbehalt
aller sich aus Ihrer Schuld entstandenen Ansprüche. Ich bin
bereit von der Verklärten Nacht, den Gurreliedern und der
Kammersymphonie neue Partituren, Neubearbeitungen, herzustel-
len, welche dann zum Copyright angemeldet werden können und
nicht bloss in Amerika, sondern auch in Europa weiter an Stel-
le der Erstausgaben

verwendet werden sollen. Diese Bearbeitungen würden die
Aufführungsschwierigkeiten (auf Grund meiner Erfahrungen)
auf einen Bruchteil reduzieren, sodass endlich die Gurrelie-
der
wirklich in kleineren Städten, mit schwächeren Chören
und mit einem Wort „soweit die vorhandenen Kräfte reichen“
gegeben werden könnten und die Kammersymphonie endlich
ihren Platz im Konzertleben einnehmen könnte. Ich habe da-
für eine Menge neuer Ideen; praktische! Ich hätte damit un-
gefähr sechs Monate zu tun und müsste dafür entschädigt
werden, würde aber die neuen Partituren, voraussichtlich
auf Transparentpapier schreiben, sodass die Druckkosten we-
sentlich geringer würden. Ich empfehle Ihnen die Sache
mit einem amerikanischen Verleger gemeinschaftlich zu ma-
chen. In erster Linie mit Schirmer, bei dem ich jetzt einiges
verlege1. Bitte schreiben Sie mir Ihre Meinung hierüber um-
gehend, denn diese Sache muss unbedingt repariert werden –
und wenn ich es selbst tun müsste!
3. Eine ganz andere [G]eschichte, worin ich Sie
um eine grosse Gefälligkeit bitten muss. Nämlich mein Sohn,
den man nach Paris gebracht hat, als es anfangs Arbeit für
ihn gab, kann keinesfalls länger in Paris bleiben. Ich bin
nicht in der Lage, ihm mehr als $ 50 monatlich zu geben und
kann nicht garantieren, dass ich es ihm weiterhin zu geben
imstande sein werde. Und das genügt nicht, um in Paris davon
mit Frau und Kind sich einigermassen durchzuschlagen. Und so
muss ich mich entschliessen, ihn hieher zu bringen, wo man
mir von vielen Seiten Arbeit für ihn versprochen hat. Nun
sind hiebei einige grosse Schwerigkeiten und ich wende mich
an Sie, weil Sie Amerika kennen und wissen worum es sich
handelt und wo man sich erkundigen kann.
Die erste Schwierigkeit ist die Reisekostenfrage. Passagier-
dampfer nach NEW York kommt nicht in Frage. Ich glaube, die
einzige Möglichkeit ist ein Frachtdampfer nach San Fran-
cisco
oder Los Angeles. Denn es ist für 2 1/2 Personen
Fahrt und Verpflegung zu bezahlen. Görgi hat von mir den
Auftrag2, sich in Paris zu erkundigen. Aber ich glaube, am bil-
ligsten müsste es doch auf einem italienischen kleineren
Frachtdampfer sein. Und das ist das erste, was ich Sie bitte
zu erfahren: ob inetwa Mitte November ein solches Boot abgeht
und was es für diese 2 1/2 Personen kosten würde.
Die zweite Schwierigkeit ist die Frage, ob ein Immigrations-
Visum beim amerikanischen Konsulat in Wien für ihn, als in
Wien geborenen (wenn auch nach Deutschland zuständigen) aus
Deutschland emigrierten und seine in Oesterreich gebo-
renen Angehörigen zu bekommen ist und was es kostet. *
Die dritte Frage ist: ob Sie die (d. h. die UE) diese Beträge
mir auf meine nächste Abrechnung oder wenigstens für eini-
ge Monate vorstrecken wollen
Viertens aber würde ich Sie bitten, falls Sie das alles im
günstigen Sinn erledigen können, dem Görgi:
Georg Schoenberg, Hotel de la Lorraine, 6, Passage de Clichy
in Paris
einen Luftpostbrief zu schreiben und ihm mitzuteilen, dass
und was er zu tun hat, um hieher zu kommen und
viertens müsste ich Sie dann auch bitten ihm einen auch
für eventuelle Schulden ausreichenden Reisevorschuss so-
wohl nach Paris zu senden, als eventuell auch, damit er sich
in Wien etwas zum Anziehn kaufen kann.
Notfalls kann er auch als temporary visitor kommen. Aber


dann ist es sehr schwer für ihn die Arbeitserlaubnis zu
bekommen und da ich dann allein die Garantie für seinen
Lebensunterhalt zu übernehmen hätte, so wäre das sehr un-
günstig.
* Zu Punkt zwei ist noch hinzuzufügen (da er einen geforder-
ten Dollarbetrag irgend einer Höhe ja keinesfalls nach-
weisen könnte), dass ich ihn als meinen persönlichen Kopi-
sten und Sekretär beschäftigen werde (ich bin Lecturer and
Teacher, Professor of Music) und für seinen Lebensunter-
halt garantiere.
Fünftens würde ich Sie bitten, mir nach Abschluss Ihrer
Ermittlungen auf meine Kosten ein Nightlettertelegram
von 20–40 Worten über das Ergebnis in Schlagworten zu
senden, und womöglich die Abreise so zu senden, dass noch
4–5 Tage Spielraum bleiben, so dass ich noch eine andere
Verfügung treffen kann. Falls nämlich der unwahrschein-
liche Fall eintritt, dass das Pr. Kultusministerium zu
einem Abfindungsvorschlag zustimmt, den ich ihm heute mache.
Ich glaube nun alles klar gesagt zu haben und bitte Sie
in Anbetracht der Dringlichkeit um grösste Beschleunigung.
Mit vielem herzlichen Dank und den allerbesten Grüssen
bin ich Ihr
28.October 1934
Herrn Dir. Dr. Kalmus
Wien I. Karlsplatz 6
Lieber Herr Dr. Kalmus,
Vorerst meinen Dank für die gesendeten Drucksachen, von denen allerdings die Zeitungsausschnitte bisher nicht eingetroffen sind.
Heute drei andere Angelegenheiten.
1. Ich habe Ihnen gelegentlich unserer neuesten Abmachung versprochen, mich eventuell der Oest. Aut. Ges. anzuschliessen, falls ich bei der GDT austrete. Diese Frage wird nun akut und ich stehe vor der Wahl, ob ich der amerikanischen, der englischen oder tschechoslovakischen (ich bin tsch. slov. Staatsbürger) beitreten soll und Sie werden begreifen, dass ich diejenige vorziehen muss, die mir die grössten Vorteile bietet. Selbstverständlich ziehe ich auch die Autoren Gesellschaft in Betracht, aber nur, wenn diese bei dem Angebot dass sie mir zu machen hätte, zugrundelegt: 1. dass ich zuletzt in Berlin bereits M 4000 erhielt, in welchen aber trotz meiner Proteste, zahlreiche mir bekannte Aufführungen nicht verrechnet waren. 2. Dass trotz des Entfalls meiner deutschen Aufführungen, meine Aufführungszahl zunimmt. 3. Dass die Aut. Ges. mehr als zehn Jahre zwar für mich einkassiert, mir aber nichts ausgezahlt hat. 4. weiss ich wohl, dass die Aut. Ges. die meisten ihrer Mitglieder viel höher schätzt als mich, würde es aber nicht für ungerecht finden, wenn sie davon Kenntnis nehmen wollte, dass das Ausland umgekehrter Meinung ist, so dass sogar Gesellschaften in die ich eigentlich nicht hineingehöre, mich ehrenhalber aufnehmen wollen (und bezahlen!!!). 5. müsste mir zugesagt werden, dass die Klasse, resp. die Summe, die mir zugestanden wird, als Mindestsumme für die Dauer des Verwaltungsbetrages angesehen wird.
Ich rechne sehr auf Ihre Unterstützung in dieser Angelegenheit, umsomehr, als ja die UE wirklich ein Interesse daran hat, mich auf diese Art zufrieden zu stellen, wo doch heute so unglaublich geringe Anteile in ihren Abrechnungen ausgewiesen werden.
2. Durch Verschulden der UE und ohne mein Wissen sind einige meiner Hauptwerke und eben diejenigen, welche jetzt reif sind, Erträgnisse zu liefern, nicht copyrightet. Wenn ich Ihnen jetzt einen Vorschlag mache, der diesen Schaden teilweise vermeiden hilft, so tue ich das unter Vorbehalt aller sich aus Ihrer Schuld entstandenen Ansprüche. Ich bin bereit von der Verklärten Nacht, den Gurreliedern und der Kammersymphonie neue Partituren, Neubearbeitungen, herzustellen, welche dann zum Copyright angemeldet werden können und nicht bloss in Amerika, sondern auch in Europa weiter an Stelle der Erstausgaben verwendet werden sollen. Diese Bearbeitungen würden die Aufführungsschwierigkeiten (auf Grund meiner Erfahrungen) auf einen Bruchteil reduzieren, sodass endlich die Gurrelieder wirklich in kleineren Städten, mit schwächeren Chören und mit einem Wort „soweit die vorhandenen Kräfte reichen“ gegeben werden könnten und die Kammersymphonie endlich ihren Platz im Konzertleben einnehmen könnte. Ich habe dafür eine Menge neuer Ideen; praktische! Ich hätte damit ungefähr sechs Monate zu tun und müsste dafür entschädigt werden, würde aber die neuen Partituren, voraussichtlich auf Transparentpapier schreiben, sodass die Druckkosten wesentlich geringer würden. Ich empfehle Ihnen die Sache mit einem amerikanischen Verleger gemeinschaftlich zu machen. In erster Linie mit Schirmer, bei dem ich jetzt einiges verlege1. Bitte schreiben Sie mir Ihre Meinung hierüber umgehend, denn diese Sache muss unbedingt repariert werden – und wenn ich es selbst tun müsste!
3. Eine ganz andere Geschichte, worin ich Sie um eine grosse Gefälligkeit bitten muss. Nämlich mein Sohn, den man nach Paris gebracht hat, als es anfangs Arbeit für ihn gab, kann keinesfalls länger in Paris bleiben. Ich bin nicht in der Lage, ihm mehr als $ 50 monatlich zu geben und kann nicht garantieren, dass ich es ihm weiterhin zu geben imstande sein werde. Und das genügt nicht, um in Paris davon mit Frau und Kind sich einigermassen durchzuschlagen. Und so muss ich mich entschliessen, ihn hieher zu bringen, wo man mir von vielen Seiten Arbeit für ihn versprochen hat. Nun sind hiebei einige grosse Schwerigkeiten und ich wende mich an Sie, weil Sie Amerika kennen und wissen worum es sich handelt und wo man sich erkundigen kann.
Die erste Schwierigkeit ist die Reisekostenfrage. Passagierdampfer nach NEW York kommt nicht in Frage. Ich glaube, die einzige Möglichkeit ist ein Frachtdampfer nach San Francisco oder Los Angeles. Denn es ist für 2 1/2 Personen Fahrt und Verpflegung zu bezahlen. Görgi hat von mir den Auftrag2, sich in Paris zu erkundigen. Aber ich glaube, am billigsten müsste es doch auf einem italienischen kleineren Frachtdampfer sein. Und das ist das erste, was ich Sie bitte zu erfahren: ob inetwa Mitte November ein solches Boot abgeht und was es für diese 2 1/2 Personen kosten würde.
Die zweite Schwierigkeit ist die Frage, ob ein Immigrations-Visum beim amerikanischen Konsulat in Wien für ihn, als in Wien geborenen (wenn auch nach Deutschland zuständigen) aus Deutschland emigrierten und seine in Oesterreich geborenen Angehörigen zu bekommen ist und was es kostet.
Die dritte Frage ist: ob Sie die (d. h. die UE) diese Beträge mir auf meine nächste Abrechnung oder wenigstens für einige Monate vorstrecken wollen
Viertens aber würde ich Sie bitten, falls Sie das alles im günstigen Sinn erledigen können, dem Görgi:
Georg Schoenberg, Hotel de la Lorraine, 6, Passage de Clichy in Paris
einen Luftpostbrief zu schreiben und ihm mitzuteilen, dass und was er zu tun hat, um hieher zu kommen und
viertens müsste ich Sie dann auch bitten ihm einen auch für eventuelle Schulden ausreichenden Reisevorschuss sowohl nach Paris zu senden, als eventuell auch, damit er sich in Wien etwas zum Anziehn kaufen kann.
Notfalls kann er auch als temporary visitor kommen. Aber dann ist es sehr schwer für ihn die Arbeitserlaubnis zu bekommen und da ich dann allein die Garantie für seinen Lebensunterhalt zu übernehmen hätte, so wäre das sehr ungünstig.
Zu Punkt zwei ist noch hinzuzufügen (da er einen geforderten Dollarbetrag irgend einer Höhe ja keinesfalls nachweisen könnte), dass ich ihn als meinen persönlichen Kopisten und Sekretär beschäftigen werde (ich bin Lecturer and Teacher, Professor of Music) und für seinen Lebensunterhalt garantiere.
Fünftens würde ich Sie bitten, mir nach Abschluss Ihrer Ermittlungen auf meine Kosten ein Nightlettertelegram von 20–40 Worten über das Ergebnis in Schlagworten zu senden, und womöglich die Abreise so zu senden, dass noch 4–5 Tage Spielraum bleiben, so dass ich noch eine andere Verfügung treffen kann. Falls nämlich der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass das Pr. Kultusministerium zu einem Abfindungsvorschlag zustimmt, den ich ihm heute mache.
Ich glaube nun alles klar gesagt zu haben und bitte Sie in Anbetracht der Dringlichkeit um grösste Beschleunigung.
Mit vielem herzlichen Dank und den allerbesten Grüssen bin ich Ihr
Arnold Schoenberg

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 28. Oktober 1934, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.2476.

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