16.III.1935
Herrn Direktor
Wien
Lieber Herr Dr. Kalmus,
bitte zahlen Sie an meinen Sohn Georg Schön-
berg
bis auf Widerruf monatlich $50.
Ich warte schon lange auf Ihre Entscheidung
über die Orchesterbearbeitung der Kammersymphonie,
von welcher 2/3 fertig sind und welche ich bis Ende
des Monats vollenden werde. Ich möchte nun unbedingt
mit einem hiesigen Verleger (voraussichtlich Schirmer)
über die amerikanischen Rechte verhandeln, aber da
mir daran liegt, mich Ihnen für Ihr hilfreiches Ver-
halten Görgi gegenüber erkenntlich zu zeigen, möchte
ich im Einverständnis mit Ihnen handeln und bitte Sie
umgehend um einen akzeptablen Vorschlag. Ich bitte Sie
sehr, nicht zu übersehen, dass mir die Universal Edition
trotz aller Freundschaft für den Schaden der durch
das versäumte Copyright entstanden ist verantwortlich
bleibt und dass ich an den unhonorierten Aufführungen
der Verklärten Nacht genug einbüsse. Ich will die UE
für einen vor Jahren begangenen Fehler nicht bestrafen,
aber ich bin heute nicht in der Lage, grösseren Scha-
den auf mich zu nehmen.
Ich will Ihnen daher meine Wünsche skizzie-
ren:
Ich will unbedingt vermeiden, dass meine ame-
rikanischen
Einkünfte aus diesem Werk durch Ansprüche
der Universal Edition verkürzt werden, bin dagegen da-
gegen bereit, Ihnen die Neuausgabe zu den Bedingungen
unseres Vertrages für die Ausseramerikanischen Länder
zu überlassen, ohne einen Vorschuss zu verlangen. Ob Sie
das nun etwa so machen, dass Sie die Anfertigung der
Materialien besorgen und sie dem amerikanischen Ver-
leger zu einem fixen Preis liefern, oder auf einem an-
deren Weg, möchte ich nicht entscheiden, sofern, wie
oben gesagt, meine Amerikanischen Einkünfte dadurch
nicht geschmälert werden. Ich nehme an, dass Sie dem
hiesigen Verleger die Materialien billiger liefern
können, als er sie hier herstellt und daran immerhin
einen ansehnlichen Gewinn haben könnten, obwohl Sie
an den Aufführungstantiemen nicht beteiligt sind. Bei
einem solchen Vorschlag würde ich absolut Ihre Rechte
wahren und bin auch überzeugt, dass die Kammersymphonie

in der neuen Ausgabe viel gespielt werden wird,
weil die Orchesterbesetzung normal (3faches Holz,
4 Hörner, 3 Trp, 3 Pos) ist und so, dass ein gutes Orchester
sie mit 1 1/2–2 Proben sehr anständig spielen kann.
Und weil ich sicher bin, dass sie das nächste Werk von
mir ist, welches verstanden werden kann. Die Partitur1
ist sehr gut auf Transparentpapier geschrieben und
die Blue-Print die ich Ihnen senden werde kostet mich
hier etwas über $2, wahrscheinlich wird sie also in Wien nur
einen Bruchteil davon kosten, falls Sie mit dem Druck
zögern sollten – aber warum sollten Sie?
XX
Nun etwas anderes, sehr Wichtiges: Alle Welt hat sich
schon früher bei mir über die Associated Publishers
beklagt. Nicht genug, dass sie wirklich sehr hohe Leih-
gebühren verlangen, über welche wir bisher nicht infor-
miert waren, so machen sie Dinge, von denen ich selbst
bei zwei Konzerten in Mitleidenschaft gezogen waren.
In San Francisco2 hatte ich mit einem furchtbaren Ma-
terial zu arbeiten; zerrissen, beschmutzt und unvoll-
ständig: ohne Klavierpart. Zudem aber kam es, nach mehr-
wöchiger Vorausbestellung so spät, dass die Musiker
ihre Partien nicht mehr ansehen konnten und ich enorm
zu arbeiten hatte, so dass ich nur 7 Stücke aufführen
konnte. – Aber hier in Los Angeles3 war ich gezwungen
Pelleas vom Programm abzusetzen4, weil sie ein unkorri-
giertes altes Material5 (autographierte Partitur6; ohne
die Retouchen!!) sandten und erklärten, kein anderes
zu besitzen. Ich kann mich keinesfalls weiter so
schädigen lassen und bitte Sie energisch einzuschrei-
ten, weil ich im Wiederholungsfall es nicht so hinnehmen
könnte. Ich selbst werde allerdings auch eine Mitteilung
dorthin gelangen lassen.
Noch etwas: wer hat das gemacht, in den Stimmen meiner
Choralvorspiele7: wer hat das veranlasst, wer hat die
Korrektur gelesen? Ich nummeriere dort jeden Takt und
bei der Probe erfahre ich, dass in den gedruckten
Stimmen nur jeder fünfte Takt eine Nummer hat. Ich
verlange den Kopf des Schuldigen!
Persönlich: es geht mir nicht besonders gut, Husten
schon wieder: allerdings habe ich leider wieder zu rau-
chen angefangen. Und ich bin sehr überarbeitet. Zudem
weiss ich nicht recht, ob ich das Engagement an die
Juilliard School of Music nach New York annehmen

soll: werde ich dieses furchtbare Klima überleben? Ich
habe hier jetzt einen Kurs von 22 Schüler[n] (fast nur
Musiklehrer) und werde im Juni an der hiesigen Univer-
sität
einen sechswöchigen Sommerkurs (täglich 2 Stunden,
das ist auch sehr anstrengend) halten. Sonst geht es uns
gut. Die fabelhaft geschriebene Partitur8 von Berg hat
mir viel Freude gemacht und findet hier viel Bewunde-
rung, was Sie sicher freuen wird.
Nun muss ich meine Partituren für mein
Konzert (21.III ) weiterstudieren. Also:
viele herzlichste Grüsse an Sie
alle und an meine Freunde, Ihr
Arnold Schoenberg
16.III.1935
Herrn Direktor
Wien
Lieber Herr Dr. Kalmus,
bitte zahlen Sie an meinen Sohn Georg Schönberg bis auf Widerruf monatlich $50.
Ich warte schon lange auf Ihre Entscheidung über die Orchesterbearbeitung der Kammersymphonie, von welcher 2/3 fertig sind und welche ich bis Ende des Monats vollenden werde. Ich möchte nun unbedingt mit einem hiesigen Verleger (voraussichtlich Schirmer) über die amerikanischen Rechte verhandeln, aber da mir daran liegt, mich Ihnen für Ihr hilfreiches Verhalten Görgi gegenüber erkenntlich zu zeigen, möchte ich im Einverständnis mit Ihnen handeln und bitte Sie umgehend um einen akzeptablen Vorschlag. Ich bitte Sie sehr, nicht zu übersehen, dass mir die Universal Edition trotz aller Freundschaft für den Schaden der durch das versäumte Copyright entstanden ist verantwortlich bleibt und dass ich an den unhonorierten Aufführungen der Verklärten Nacht genug einbüsse. Ich will die UE für einen vor Jahren begangenen Fehler nicht bestrafen, aber ich bin heute nicht in der Lage, grösseren Schaden auf mich zu nehmen.
Ich will Ihnen daher meine Wünsche skizzieren:
Ich will unbedingt vermeiden, dass meine amerikanischen Einkünfte aus diesem Werk durch Ansprüche der Universal Edition verkürzt werden, bin dagegen bereit, Ihnen die Neuausgabe zu den Bedingungen unseres Vertrages für die Ausseramerikanischen Länder zu überlassen, ohne einen Vorschuss zu verlangen. Ob Sie das nun etwa so machen, dass Sie die Anfertigung der Materialien besorgen und sie dem amerikanischen Verleger zu einem fixen Preis liefern, oder auf einem anderen Weg, möchte ich nicht entscheiden, sofern, wie oben gesagt, meine Amerikanischen Einkünfte dadurch nicht geschmälert werden. Ich nehme an, dass Sie dem hiesigen Verleger die Materialien billiger liefern können, als er sie hier herstellt und daran immerhin einen ansehnlichen Gewinn haben könnten, obwohl Sie an den Aufführungstantiemen nicht beteiligt sind. Bei einem solchen Vorschlag würde ich absolut Ihre Rechte wahren und bin auch überzeugt, dass die Kammersymphonie in der neuen Ausgabe viel gespielt werden wird, weil die Orchesterbesetzung normal (3faches Holz, 4 Hörner, 3 Trp, 3 Pos) ist und so, dass ein gutes Orchester sie mit 1 1/2–2 Proben sehr anständig spielen kann. Und weil ich sicher bin, dass sie das nächste Werk von mir ist, welches verstanden werden kann. Die Partitur1 ist sehr gut auf Transparentpapier geschrieben und die Blue-Print die ich Ihnen senden werde kostet mich hier etwas über $2, wahrscheinlich wird sie also in Wien nur einen Bruchteil davon kosten, falls Sie mit dem Druck zögern sollten – aber warum sollten Sie?
––
Nun etwas anderes, sehr Wichtiges: Alle Welt hat sich schon früher bei mir über die Associated Publishers beklagt. Nicht genug, dass sie wirklich sehr hohe Leihgebühren verlangen, über welche wir bisher nicht informiert waren, so machen sie Dinge, von denen ich selbst bei zwei Konzerten in Mitleidenschaft gezogen war. In San Francisco2 hatte ich mit einem furchtbaren Material zu arbeiten; zerrissen, beschmutzt und unvollständig: ohne Klavierpart. Zudem aber kam es, nach mehrwöchiger Vorausbestellung so spät, dass die Musiker ihre Partien nicht mehr ansehen konnten und ich enorm zu arbeiten hatte, so dass ich nur 7 Stücke aufführen konnte. – Aber hier in Los Angeles3 war ich gezwungen Pelleas vom Programm abzusetzen4, weil sie ein unkorrigiertes altes Material5 (autographierte Partitur6; ohne die Retouchen!!) sandten und erklärten, kein anderes zu besitzen. Ich kann mich keinesfalls weiter so schädigen lassen und bitte Sie energisch einzuschreiten, weil ich im Wiederholungsfall es nicht so hinnehmen könnte. Ich selbst werde allerdings auch eine Mitteilung dorthin gelangen lassen.
Noch etwas: wer hat das gemacht, in den Stimmen meiner Choralvorspiele7: wer hat das veranlasst, wer hat die Korrektur gelesen? Ich nummeriere dort jeden Takt und bei der Probe erfahre ich, dass in den gedruckten Stimmen nur jeder fünfte Takt eine Nummer hat. Ich verlange den Kopf des Schuldigen!
Persönlich: es geht mir nicht besonders gut, Husten schon wieder: allerdings habe ich leider wieder zu rauchen angefangen. Und ich bin sehr überarbeitet. Zudem weiss ich nicht recht, ob ich das Engagement an die Juilliard School of Music nach New York annehmen soll: werde ich dieses furchtbare Klima überleben? Ich habe hier jetzt einen Kurs von 22 Schülern (fast nur Musiklehrer) und werde im Juni an der hiesigen Universität einen sechswöchigen Sommerkurs (täglich 2 Stunden, das ist auch sehr anstrengend) halten. Sonst geht es uns gut. Die fabelhaft geschriebene Partitur8 von Berg hat mir viel Freude gemacht und findet hier viel Bewunderung, was Sie sicher freuen wird.
Nun muss ich meine Partituren für mein Konzert (21.III ) weiterstudieren. Also:
viele herzlichste Grüsse an Sie alle und an meine Freunde, Ihr Arnold Schoenberg

16. März 1935


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection



Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 16. März 1935, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.7248.

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