HERR PROF: LACH (, an der Wiener
Universität
für Musikgeschichte)
P. T Redaktion des Anbruch
Im Juni-Juli Heft1 citieren Sie2 eine Äußerung des Professor Lach
und glossieren sie in so mildermaßvoller Form, dass ich Ihre Anständigkeit nicht
genug loben kann. Dennoch aber meine ich, dass man einem Gegner
besser Achtung, die ihm gebührt, bezeugen kann: Indem man
den Gegensatz zwischen sich und ihm deutlich, rücksichtslos deutlich
macht, zeigt man ihm, was er ist; alle können es dann sehen
und sich entscheiden.
Lassen Sie bitte mich das besorgen, so will ich Ih gerne versprechen relativ ebenso maßvoll zu bleiben.
Vor allem eine Entschul[d]igung des Herrn Professors: es ist nicht so
wie Sie sagen, schreiben, dass er „über die neue Musik nichts anderes
zu sagen weiß.“ Denn etwas anderes zu sagen weiß er, [...] nur dass was
er sagen will, kann er nicht sagen. Er sagt immer etwas anderes, als er
weiß. Z Bsp.
Zeile 1 – „Die letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts...
Seither beginnt...
...
bis Seite 339 oben Zeile 4 ... angestürmt wird“
soll doch wohl heißen
„ … bedeuten ein[e] Hochblüte des ... Musiklebens. Danach begann
(also etwa 1898 oder 1902) „eine Zeit des Experimentierens...
...seinen Ausdruck fand. Die Anarchie und der Mangel
...seit dem Zusammenbruch“ (ebenfalls1918) „zum
Ausdruck gekommen sind, waren vorher (1898 oder 1902) schon auf
musikalischem Gebiete in Erscheinung getreten, insofern etc...[“]
Trotzdem dem Herrn Professor hier offenbar der Ueberblick über die
Zeiten gefehlt hat, glaube ich doch nicht, dass da sein Hauptmangel
liegt. Ich glaube, in diesem Falle wenigstens hat ihm mehr
[...] der Ueberblick über die Zeilen gefehlt, über die paar Zeilen, mit die er
zwanzig Jahren des Lebens Wirkens von Dilettanten widmet,
die deren Namen er nicht nennt, weil sie „nicht einmal musikalisch
orthographisch zu schreiben im Stande sind“ – wie würden die erst sich
bei erst blamieren, wenn sie 20 Zeilen überblicken müßten, was
selbst für den Herrn Professor schwer ist.
Man wird vielleicht erkennen, dass der Schreiber dieser Zeilen

nicht zu jenen gehört, denen der Respekt vor der Autorität fehlt. Er glaubt
seinen sogar fest darüberhinaus [...] versichern zu können, dass er ihn
für [...] alle Zeiten – alles zu seiner Zeit – bewahren und werde
und dass kein Zusammenbruch, auch in den fernsten Zeiten nicht, ihn
bewirken könne, dass er ihn je verlieren werde, weder vorher noch nach[h]er, gleichzeitig oder wie sonst das
Durcheinander dann genannt werden mag. Und eben auswegen diesems
Respekt vor dem wahren Verdienst überließe er es lieber einem der
gerügten, namenlosen Dilettanten (die nicht musikalisch orthographisch zu
schreiben imstande sind) den Herrn Professor gegen einen anderen
seiner Fehler in Schutz zu nehmen.
In diesem zweiten Falle nämlich Hier verdient Herr Professor Lach nicht bloß Nachsicht sondern wirklich Schutz. Denn
sein Fehler ist die Bescheidenheit und diese Anlagen sind dem Schutze des
Publikums empfohlen.
Zweifellos ist nämlich der Name des Herrn Professor Lach nicht
nur geachtet, sondern auch geschätzt. Und nur dem Schutze des Publikums
empfohlene Anlagen, wie Bescheidenheit, vermögen es zu erklären,
dass es diesen Namen zu wenig schätzt, ja einen bessern wünscht.
Das geht wenigstens aus diesen Sätzen hervor:
„Umso mehr muss man sich freuen...
...es sei hier nur an die Namen wie...
… erinnert! Solange wir diese unser nennen
dürfen, braucht uns nicht bange zu sein...
Er nennt also diese Namen sein? Also nicht Lach? Nennt
er also nicht den Namen Lach sein? Aus Bescheidenheit? Oder
Will er ihn etwa nicht zum Falschen und Eiteln ausgesprochen haben?
Der Herr Professor kann sicherlich musikalisch orthographisch
schreiben. Und Wenn es ihn aber Ueberwindung kostet, seine Sätze
so oft zu lesen, bis er die wichtigsten Schnitzer entdeckt hat, so ist
ihm das nicht zu verargen. Denn uns geht es gradeso: ich habe mich
zwar überwunden, sie mehreremale zu lesen, aber werde das Gefühl noch nicht alle
Schnitzer gefunden zu haben, nicht los.
HERR PROF: LACH (, an der Wiener Universität für Musikgeschichte)
P. T Redaktion des Anbruch
Im Juni-Juli Heft1 citieren Sie2 eine Äußerung des Professor Lach und glossieren sie in so maßvoller Form, dass ich Ihre Anständigkeit nicht genug loben kann. Dennoch aber meine ich, dass man einem Gegner besser Achtung, die ihm gebührt, bezeugen kann: Indem man den Gegensatz zwischen sich und ihm deutlich, rücksichtslos deutlich macht, zeigt man ihm, was er ist; alle können es dann sehen und sich entscheiden.
Lassen Sie bitte mich das besorgen, so will ich gerne versprechen relativ ebenso maßvoll zu bleiben.
Vor allem eine Entschuldigung des Herrn Professors: es ist nicht so wie Sie schreiben, dass er „über die neue Musik nichts anderes zu sagen weiß.“ Denn etwas anderes zu sagen weiß er, nur dass was er sagen will, kann er nicht sagen. Er sagt immer etwas anderes, als er weiß. Z Bsp.
Zeile 1 – „Die letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts... … Seither beginnt... ... bis Seite 339 oben Zeile 4 ... angestürmt wird“ soll doch wohl heißen „ … bedeuten eine Hochblüte des ... Musiklebens. Danach begann“ (also etwa 1898 oder 1902) „eine Zeit des Experimentierens... ...seinen Ausdruck fand. Die Anarchie und der Mangel ...seit dem Zusammenbruch“ (1918) „zum Ausdruck gekommen sind, waren vorher (1898 oder 1902) schon auf musikalischem Gebiete in Erscheinung getreten, insofern etc...“
Trotzdem dem Herrn Professor hier offenbar der Ueberblick über die Zeiten gefehlt hat, glaube ich doch nicht, dass da sein Hauptmangel liegt. Ich glaube, in diesem Falle wenigstens hat ihm mehr der Ueberblick über die Zeilen gefehlt, über die paar Zeilen, die er zwanzig Jahren des Wirkens von Dilettanten widmet, deren Namen er nicht nennt, weil sie „nicht einmal musikalisch orthographisch zu schreiben im Stande sind“ – wie würden die sich erst blamieren, wenn sie 20 Zeilen überblicken müßten, was selbst für den Herrn Professor schwer ist.
Man wird vielleicht erkennen, dass der Schreiber dieser Zeilen nicht zu jenen gehört, denen der Respekt vor der Autorität fehlt. Er glaubt sogar darüberhinaus versichern zu können, dass er ihn für alle Zeiten – alles zu seiner Zeit – bewahren und dass kein Zusammenbruch, auch in den fernsten Zeiten nicht, bewirken könne, dass er ihn je verlieren werde, weder vorher noch nachher, gleichzeitig oder wie sonst das Durcheinander dann genannt werden mag. Und eben wegen dieses Respekt vor dem wahren Verdienst überließe er es lieber einem der gerügten, namenlosen Dilettanten (die nicht musikalisch orthographisch zu schreiben imstande sind) den Herrn Professor gegen einen anderen seiner Fehler in Schutz zu nehmen.
In diesem zweiten Falle nämlich verdient Herr Professor Lach nicht bloß Nachsicht sondern wirklich Schutz. Denn sein Fehler ist die Bescheidenheit und diese Anlagen sind dem Schutze des Publikums empfohlen.
Zweifellos ist nämlich der Name des Herrn Professor Lach nicht nur geachtet, sondern auch geschätzt. Und nur dem Schutze des Publikums empfohlene Anlagen, wie Bescheidenheit, vermögen es zu erklären, dass es diesen Namen zu wenig schätzt, ja einen bessern wünscht.
Das geht wenigstens aus diesen Sätzen hervor:
„Umso mehr muss man sich freuen... ...es sei hier nur an Namen wie... … erinnert! Solange wir diese unser nennen dürfen, braucht uns nicht bange zu sein...
Er nennt also diese Namen sein?? Nennt er also nicht den Namen Lach sein? Aus Bescheidenheit? Will er ihn etwa nicht zum Falschen und Eiteln ausgesprochen haben?
Der Herr Professor kann sicherlich musikalisch orthographisch schreiben. Wenn es ihn aber Ueberwindung kostet, seine Sätze so oft zu lesen, bis er die wichtigsten Schnitzer entdeckt hat, so ist ihm das nicht zu verargen. Denn uns geht es gradeso: ich habe mich zwar überwunden, sie mehreremale zu lesen, aber werde das Gefühl noch nicht alle Schnitzer gefunden zu haben, nicht los.

nach 5. Juni 1925



Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Nachlass Arnold Schönberg

Brief, Entwurf

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Musikblätter des Anbruch, nach 5. Juni 1925, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.7557.

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