Verlag Dreililien an Arnold Schönberg
10. April 1904
Lieber Herr Schönberg.
Wofern
Sie also Ihr Sextett „voll
und ganz“ vertreten, wollen
wir es in Verlag nehmen. Wenn
ich nicht irre, sagten Sie mir
einmal, dass Sie irgendwelche
Aenderungen1 vornehmen wollten,
Kürzungen oder sonst was?
Meine Erinnerung an jene
Berliner Aufführung2 ist, dass
sie sehr schlecht war. Trotz-
dem hatte ich stellenweise einen
starken Eindruck. Ob die
Längen, die mich ermüdeten,
wirklich Längen waren, oder
ob ich Längen empfand, weil
die Leute so miserabel spiel-
ten, vermag ich nicht zu ent-
scheiden. Sie werden ja wohl
selbst unter der lebendigen
Vorführung darüber nachge-
dacht haben und vielleicht
auch auf Freunde3 gehört haben
Sie also Ihr Sextett „voll
und ganz“ vertreten, wollen
wir es in Verlag nehmen. Wenn
ich nicht irre, sagten Sie mir
einmal, dass Sie irgendwelche
Aenderungen1 vornehmen wollten,
Kürzungen oder sonst was?
Meine Erinnerung an jene
Berliner Aufführung2 ist, dass
sie sehr schlecht war. Trotz-
dem hatte ich stellenweise einen
starken Eindruck. Ob die
Längen, die mich ermüdeten,
wirklich Längen waren, oder
ob ich Längen empfand, weil
die Leute so miserabel spiel-
ten, vermag ich nicht zu ent-
scheiden. Sie werden ja wohl
selbst unter der lebendigen
Vorführung darüber nachge-
dacht haben und vielleicht
auch auf Freunde3 gehört haben
deren Urteil Sie schätzen!?
Allerdings – ich halte Sie
für einen eigensinnigen und
in die eigenen Arbeiten ver-
liebten Menschen. – Wenn wir
an den Verlag des Werkes gehen,
so rechnen wir von vornherein
natürlich auf keinen Gewinn,
denn dieses Sextett werden nur
wenig auserlesene Vereinigungen
spielen, spielen können! Wir
müssen auch davon absehen eine
Vorschussverrechnung eintreten
zu lassen. Das werden Sie als
honett und billig denkender Mann
einsehen. Ich bin nebenbei überzeugt
dass Sie keinen Verleger finden
würden. Wenn wirklich durch
Mahlers Empfehlung etwa Eberle
sich bereit fände, so würden
Sie sich wahrscheinlich ein für
alle Mal (ohne Honorar erhal-
ten zu haben) jeden Nutzens ent-
äussern müssen. – Wir denken
natürlich daran das Sextett
stechen zu lassen – kleines
Format in billiger Ausgabe4
etwa MK 1.50 – MK 2.– .–, auch
die Stimmen dürften nicht
autographiert werden.
Allerdings – ich halte Sie
für einen eigensinnigen und
in die eigenen Arbeiten ver-
liebten Menschen. – Wenn wir
an den Verlag des Werkes gehen,
so rechnen wir von vornherein
natürlich auf keinen Gewinn,
denn dieses Sextett werden nur
wenig auserlesene Vereinigungen
spielen, spielen können! Wir
müssen auch davon absehen eine
Vorschussverrechnung eintreten
zu lassen. Das werden Sie als
honett und billig denkender Mann
einsehen. Ich bin nebenbei überzeugt
dass Sie keinen Verleger finden
würden. Wenn wirklich durch
Mahlers Empfehlung etwa Eberle
sich bereit fände, so würden
Sie sich wahrscheinlich ein für
alle Mal (ohne Honorar erhal-
ten zu haben) jeden Nutzens ent-
äussern müssen. – Wir denken
natürlich daran das Sextett
stechen zu lassen – kleines
Format in billiger Ausgabe4
etwa MK 1.50 – MK 2.– .–, auch
die Stimmen dürften nicht
autographiert werden.
Die Bestrebungen der
Wiener Komponisten5 sind
sehr lobenswert, und ich
wünsche in ihrem und
im Interesse der allgemeinen
Musikpflege guten Erfolg
wünschen. Ich habe nur
das eine, allerdings ziemlich
schwere Bedenken, dass es
Ihnen an wirklich wertvollen
Werken fehlen6 wird. Ich
weiss, was Rich. Strauss
hier für einen Schund brin-
gen musste7. Und das Publi-
kum – o je – wird in Wien
nicht besser sein als in
Berlin. Immerhin – alle
Bemühungen aus dem Sumpf
heraus zu kommen müssen
mit Freuden begrüsst werden.
Wiener Komponisten5 sind
sehr lobenswert, und ich
wünsche in ihrem und
im Interesse der allgemeinen
Musikpflege guten Erfolg
wünschen. Ich habe nur
das eine, allerdings ziemlich
schwere Bedenken, dass es
Ihnen an wirklich wertvollen
Werken fehlen6 wird. Ich
weiss, was Rich. Strauss
hier für einen Schund brin-
gen musste7. Und das Publi-
kum – o je – wird in Wien
nicht besser sein als in
Berlin. Immerhin – alle
Bemühungen aus dem Sumpf
heraus zu kommen müssen
mit Freuden begrüsst werden.
Aenderungen
Die Autographe Reinschrift (ASGA B 22, Quelle B) enthält Änderungen, deren Ausführung
nicht datiert werden kann.
Berliner Aufführung
Freunde
Alexander Zemlinsky hatte Schönberg eine Überarbeitung wegen „grosse[r] Längen u. Gespreiztheiten in der Mitte des Werkes“ empfohlen
(Alexander Zemlinsky an Arnold Schönberg, 19. März 1902; ASCC
18662).
Ausgabe
Die Publikation wird im Mai 1905 angezeigt (Hofmeister 1905, S. 244).
Bestrebungen der Wiener Komponisten
Vereinigung schaffender Tonkünstler,
konstituierende Hauptversammlung am 23. April
1904 (Neues
Wiener Journal 1904, S. 7); Vorstand: Alexander von Zemlinsky, Arnold Schönberg, Oskar C.
Posa, Robert Gound,
Erich J. Wolff, Josef Venantius von Wöss.
Werken fehlen
Am 5. Mai 1904 veröffentlichte die
Vereinigung schaffender
Tonkünstler einen Aufruf zur Einreichung von Werken.
Mitte Oktober 1904 lagen 858 Werke von
127 Komponist:innen vor (Die Lyra 1904).
Uraufführungen u. a. von Werken Gustav
Mahlers, Arnold
Schönbergs und Alexander
Zemlinskys.
bringen musste
1901 gründete Richard Strauss das Berliner
Tonkünstler-Orchester und führte in der Serie „Moderne
Konzerte“ zeitgenössische Musik auf. Nach dem Sommer 1903 gab Strauss die Konzerte wieder auf (Repertoire vgl. Steinitzer 1911).
Lieber Herr Schönberg.
Wofern Sie also Ihr Sextett „voll und
ganz“ vertreten, wollen wir es in Verlag nehmen. Wenn ich nicht irre,
sagten Sie mir einmal, dass Sie irgendwelche
Aenderungen1 vornehmen wollten, Kürzungen oder sonst was? Meine Erinnerung
an jene
Berliner Aufführung2 ist, dass sie sehr schlecht war. Trotzdem hatte ich stellenweise einen starken Eindruck. Ob die
Längen, die mich ermüdeten, wirklich Längen waren, oder ob ich
Längen empfand, weil die Leute so miserabel spielten, vermag ich nicht zu entscheiden. Sie werden ja wohl selbst unter der lebendigen
Vorführung darüber nachgedacht haben und vielleicht auch auf Freunde3 gehört haben deren Urteil Sie schätzen!?
Allerdings – ich halte Sie für einen eigensinnigen und in die
eigenen Arbeiten verliebten Menschen. – Wenn wir an den Verlag des Werkes
gehen, so rechnen wir von vornherein natürlich auf keinen Gewinn,
denn dieses Sextett werden nur wenig auserlesene Vereinigungen
spielen, spielen können! Wir müssen auch davon absehen eine
Vorschussverrechnung eintreten zu lassen. Das werden Sie als
honett und billig denkender Mann einsehen. Ich bin nebenbei überzeugt
dass Sie keinen Verleger finden würden. Wenn wirklich durch
Mahlers Empfehlung etwa Eberle
sich bereit fände, so würden Sie sich wahrscheinlich ein für alle
Mal (ohne Honorar erhalten zu haben) jeden Nutzens entäussern müssen. – Wir denken natürlich daran das Sextett
stechen zu lassen – kleines Format in billiger Ausgabe4
etwa MK 1.50 – MK 2.– .–, auch die Stimmen dürften nicht
autographiert werden.
Die Bestrebungen der Wiener Komponisten5 sind sehr lobenswert, und ich wünsche in ihrem und im
Interesse der allgemeinen Musikpflege guten Erfolg . Ich habe nur das eine, allerdings ziemlich
schwere Bedenken, dass es Ihnen an wirklich wertvollen
Werken fehlen6 wird. Ich weiss, was Rich.
Strauss
hier für einen Schund bringen musste7. Und das Publikum – o je – wird in Wien
nicht besser sein als in
Berlin. Immerhin – alle Bemühungen
aus dem Sumpf heraus zu kommen müssen mit Freuden begrüsst werden.
Aenderungen
Die Autographe Reinschrift (ASGA B 22, Quelle B) enthält Änderungen, deren Ausführung
nicht datiert werden kann.
Berliner Aufführung
Freunde
Alexander Zemlinsky hatte Schönberg eine Überarbeitung wegen „grosse[r] Längen u. Gespreiztheiten in der Mitte des Werkes“ empfohlen
(Alexander Zemlinsky an Arnold Schönberg, 19. März 1902; ASCC
18662).
Ausgabe
Die Publikation wird im Mai 1905 angezeigt (Hofmeister 1905, S. 244).
Bestrebungen der Wiener Komponisten
Vereinigung schaffender Tonkünstler,
konstituierende Hauptversammlung am 23. April
1904 (Neues
Wiener Journal 1904, S. 7); Vorstand: Alexander von Zemlinsky, Arnold Schönberg, Oskar C.
Posa, Robert Gound,
Erich J. Wolff, Josef Venantius von Wöss.
Werken fehlen
Am 5. Mai 1904 veröffentlichte die
Vereinigung schaffender
Tonkünstler einen Aufruf zur Einreichung von Werken.
Mitte Oktober 1904 lagen 858 Werke von
127 Komponist:innen vor (Die Lyra 1904).
Uraufführungen u. a. von Werken Gustav
Mahlers, Arnold
Schönbergs und Alexander
Zemlinskys.
bringen musste
1901 gründete Richard Strauss das Berliner
Tonkünstler-Orchester und führte in der Serie „Moderne
Konzerte“ zeitgenössische Musik auf. Nach dem Sommer 1903 gab Strauss die Konzerte wieder auf (Repertoire vgl. Steinitzer 1911).
10. April 1904
The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Brief
Zitierhinweis:
Verlag Dreililien an Arnold Schönberg, 10. April 1904, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.12381.