Lieber Herr Schönberg.
Wofern
Sie also Ihr Sextett „voll
und ganz“ vertreten, wollen
wir es in Verlag nehmen. Wenn
ich nicht irre, sagten Sie mir
einmal, dass Sie irgendwelche
Aenderungen1 vornehmen wollten,
Kürzungen oder sonst was?
Meine Erinnerung an jene
Berliner Aufführung2 ist, dass
sie sehr schlecht war. Trotz-
dem hatte ich stellenweise einen
starken Eindruck. Ob die
Längen, die mich ermüdeten,
wirklich Längen waren, oder
ob ich Längen empfand, weil
die Leute so miserabel spiel-
ten, vermag ich nicht zu ent-
scheiden. Sie werden ja wohl
selbst unter der lebendigen
Vorführung darüber nachge-
dacht haben und vielleicht
auch auf Freunde3 gehört haben

deren Urteil Sie schätzen!?
Allerdings – ich halte Sie
für einen eigensinnigen und
in die eigenen Arbeiten ver-
liebten Menschen. – Wenn wir
an den Verlag des Werkes gehen,
so rechnen wir von vornherein
natürlich auf keinen Gewinn,
denn dieses Sextett werden nur
wenig auserlesene Vereinigungen
spielen, spielen können! Wir
müssen auch davon absehen eine
Vorschussverrechnung eintreten
zu lassen. Das werden Sie als
honett und billig denkender Mann
einsehen. Ich bin nebenbei überzeugt
dass Sie keinen Verleger finden
würden. Wenn wirklich durch
Mahlers Empfehlung etwa Eberle
sich bereit fände, so würden
Sie sich wahrscheinlich ein für
alle Mal (ohne Honorar erhal-
ten zu haben) jeden Nutzens ent-
äussern müssen. – Wir denken
natürlich daran das Sextett
stechen zu lassen – kleines
Format in billiger Ausgabe4
etwa MK 1.50 – MK 2.– .–, auch
die Stimmen dürften nicht
autographiert werden.

Die Bestrebungen der
Wiener Komponisten
5 sind
sehr lobenswert, und ich
wünsche in ihrem und
im Interesse der allgemeinen
Musikpflege guten Erfolg
wünschen. Ich habe nur
das eine, allerdings ziemlich
schwere Bedenken, dass es
Ihnen an wirklich wertvollen
Werken fehlen6 wird. Ich
weiss, was Rich. Strauss
hier für einen Schund brin-
gen musste
7. Und das Publi-
kum – o je – wird in Wien
nicht besser sein als in
Berlin. Immerhin – alle
Bemühungen aus dem Sumpf
heraus zu kommen müssen
mit Freuden begrüsst werden.
Herzlichst Ihr
Max Marschalk
Lieber Herr Schönberg.
Wofern Sie also Ihr Sextett „voll und ganz“ vertreten, wollen wir es in Verlag nehmen. Wenn ich nicht irre, sagten Sie mir einmal, dass Sie irgendwelche Aenderungen1 vornehmen wollten, Kürzungen oder sonst was? Meine Erinnerung an jene Berliner Aufführung2 ist, dass sie sehr schlecht war. Trotzdem hatte ich stellenweise einen starken Eindruck. Ob die Längen, die mich ermüdeten, wirklich Längen waren, oder ob ich Längen empfand, weil die Leute so miserabel spielten, vermag ich nicht zu entscheiden. Sie werden ja wohl selbst unter der lebendigen Vorführung darüber nachgedacht haben und vielleicht auch auf Freunde3 gehört haben deren Urteil Sie schätzen!? Allerdings – ich halte Sie für einen eigensinnigen und in die eigenen Arbeiten verliebten Menschen. – Wenn wir an den Verlag des Werkes gehen, so rechnen wir von vornherein natürlich auf keinen Gewinn, denn dieses Sextett werden nur wenig auserlesene Vereinigungen spielen, spielen können! Wir müssen auch davon absehen eine Vorschussverrechnung eintreten zu lassen. Das werden Sie als honett und billig denkender Mann einsehen. Ich bin nebenbei überzeugt dass Sie keinen Verleger finden würden. Wenn wirklich durch Mahlers Empfehlung etwa Eberle sich bereit fände, so würden Sie sich wahrscheinlich ein für alle Mal (ohne Honorar erhalten zu haben) jeden Nutzens entäussern müssen. – Wir denken natürlich daran das Sextett stechen zu lassen – kleines Format in billiger Ausgabe4 etwa MK 1.50 – MK 2.– .–, auch die Stimmen dürften nicht autographiert werden.
Die Bestrebungen der Wiener Komponisten5 sind sehr lobenswert, und ich wünsche in ihrem und im Interesse der allgemeinen Musikpflege guten Erfolg . Ich habe nur das eine, allerdings ziemlich schwere Bedenken, dass es Ihnen an wirklich wertvollen Werken fehlen6 wird. Ich weiss, was Rich. Strauss hier für einen Schund bringen musste7. Und das Publikum – o je – wird in Wien nicht besser sein als in Berlin. Immerhin – alle Bemühungen aus dem Sumpf heraus zu kommen müssen mit Freuden begrüsst werden.
Herzlichst Ihr
Max Marschalk

10. April 1904


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Verlag Dreililien an Arnold Schönberg, 10. April 1904, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.12381.

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