Verehrter Herr Direktor, ich meine es wäre sehr günstig für
mich folgendes zu probieren. Vielleicht ist den beiden Rindern
die die Geschicke des Konservatoriums in Händen haben, dem
Herrn Präsidenten und dem Herrn Direktor doch noch beizubringen,
wer ich bin, welcher Lehrer dem Konservatorium entgienge
und wie talentlos es von ihnen wäre einen anderen zu
nehmen, wenn man mich haben könnte. Und leider:
man könnte mich haben!!
Ich meine nun dazu folgendes thun zu sollen. Ich möchte
einige Klaviersachen von zwei meiner gegenwärtigen
Schüler an denen mein Lehrerfolg ein geradezu außeror-
dentlicher ist an einem Abend des Tk. Ver. vorführen lassen.
Wenn man die beiden verantwortlichen Redakteure des
Ruins der Akademie dazu einladen wollte und sie
bearbeiten könnte, damit sie das hören, was Begabtere
und Gescheitere von selbst bemerken – vielleicht
ist dann doch etwas zu machen.
Es könnte so leicht überzeugend wirken, was ich
speciell an diesen beiden geleistet habe. Der eine (Alban
Berg
1) ist ein außerordentliches Kompositionstalent. Aber
in dem Zustande in dem er zu mir gekommen ist, war
es seiner Phantasie scheinbar versagt, was anderes als
Lieder zu komponieren. Ja selbst die Klavierbegleitungen
zu diesen, hatten etwas vom Gesangsstil. Einen Instru-
mentalsatz
zu schreiben, ein Instrumentalthema zu erfinden
war ihm absolut unmöglich. Sie können sich kaum vor-
stellen, welche Mittel ich aufgewandt habe um diesen

Mangel im Talent zu beheben. Gewöhnlich gelingt das
Lehrern absolut nicht, weil sie das gar nicht erkennen, wo das Problem steckt und da entstehen dann Komponisten
die nur für ein einziges Instrument denken können.
(ein typisches Beispiel hiefür ist Robert Schumann).
Ich habe diesen Mangel behoben und bin überzeugt, dass
Berg sogar später sehr gut instrumentieren wird.
Aber noch etwas anderes wird man an diesen beiden
SachenLeuten bemerken müssen. Nämlich dass ihre Sachen
absolut nicht wie Schüler-Arbeiten wirken, sondern die
Reife von „Werken“ aufweisen. Und dass sich die
[j]ungen Leute an Probleme mit vollstem Gelingen heranwagen
können, von deren Existent andere keine Ahnung haben, oder
sie doch nicht einmal anzugehen wüssten.
Dabei ist der zweite (Erwin Stein) nach meiner
Meinung kaum ein wirkliches echtes Kompositionstalent, sondern
nur ein phantasiebegabter talentierter Musiker, Dirigent oder
dergleichen. Und dass ich den dazu bringen konnte etwas so
Gutes zu schreiben, wie das Rondo oder das Andante das
[ich] vorführen möchte, halte ich für einen glänzenden Erfolg
meiner Lehrthätigkeit.
Es ist keine Kunst glatte Talente glatt sich entwickeln zu lassen.
Aber wo Probleme dastehen; diese zu erkennen; ihnen bei-
zukommen – und – last not least: Erfolg zu haben:
das ist der Lehrer.
Ich möchte gerne bald wissen, ob Sie dafür wären, mir
recht bald an einem Tonkünstler Ver.-Abend eine halbe
bis 3/4 Stunde für die beiden jungen Leute einzuräumen
und ob Sie die beiden Akademie-Bonzen einladen wollen.
Vielleicht unter Hinweis auf den 14 Jänner2.
Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebener Arnold Schönberg
5/I 1910
Herrn Direktor Emil Hertzka.
Verehrter Herr Direktor, ich meine es wäre sehr günstig für mich folgendes zu probieren. Vielleicht ist den beiden Rindern die die Geschicke des Konservatoriums in Händen haben, dem Herrn Präsidenten und dem Herrn Direktor doch noch beizubringen, wer ich bin, welcher Lehrer dem Konservatorium entgienge und wie talentlos es von ihnen wäre einen anderen zu nehmen, wenn man mich haben könnte. Und leider: man könnte mich haben!!
Ich meine nun dazu folgendes thun zu sollen. Ich möchte einige Klaviersachen von zwei meiner gegenwärtigen Schüler an denen mein Lehrerfolg ein geradezu außerordentlicher ist an einem Abend des Tk. Ver. vorführen lassen. Wenn man die beiden verantwortlichen Redakteure des Ruins der Akademie dazu einladen wollte und sie bearbeiten könnte, damit sie das hören, was Begabtere und Gescheitere von selbst bemerken – vielleicht ist dann doch etwas zu machen.
Es könnte so leicht überzeugend wirken, was ich speciell an diesen beiden geleistet habe. Der eine (Alban Berg1) ist ein außerordentliches Kompositionstalent. Aber in dem Zustande in dem er zu mir gekommen ist, war es seiner Phantasie scheinbar versagt, was anderes als Lieder zu komponieren. Ja selbst die Klavierbegleitungen zu diesen, hatten etwas vom Gesangsstil. Einen Instrumentalsatz zu schreiben, ein Instrumentalthema zu erfinden war ihm absolut unmöglich. Sie können sich kaum vorstellen, welche Mittel ich aufgewandt habe um diesen Mangel im Talent zu beheben. Gewöhnlich gelingt das Lehrern absolut nicht, weil sie gar nicht erkennen, wo das Problem steckt und da entstehen dann Komponisten die nur für ein einziges Instrument denken können. (ein typisches Beispiel hiefür ist Robert Schumann). Ich habe diesen Mangel behoben und bin überzeugt, dass Berg sogar später sehr gut instrumentieren wird.
Aber noch etwas anderes wird man an diesen beiden Leuten bemerken müssen. Nämlich dass ihre Sachen absolut nicht wie Schüler-Arbeiten wirken, sondern die Reife von „Werken“ aufweisen. Und dass sich die jungen Leute an Probleme mit vollstem Gelingen heranwagen können, von deren Existent andere keine Ahnung haben, oder sie doch nicht einmal anzugehen wüssten.
Dabei ist der zweite (Erwin Stein) nach meiner Meinung kaum ein wirkliches echtes Kompositionstalent, sondern nur ein phantasiebegabter talentierter Musiker, Dirigent oder dergleichen. Und dass ich den dazu bringen konnte etwas so Gutes zu schreiben, wie das Rondo oder das Andante das ich vorführen möchte, halte ich für einen glänzenden Erfolg meiner Lehrthätigkeit.
Es ist keine Kunst glatte Talente glatt sich entwickeln zu lassen. Aber wo Probleme dastehen; diese zu erkennen; ihnen beizukommen – und – last not least: Erfolg zu haben: das ist der Lehrer.
Ich möchte gerne bald wissen, ob Sie dafür wären, mir recht bald an einem Tonkünstler Ver.-Abend eine halbe bis 3/4 Stunde für die beiden jungen Leute einzuräumen und ob Sie die beiden Akademie-Bonzen einladen wollen. Vielleicht unter Hinweis auf den 14 Jänner2.
Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebener Arnold Schönberg
5/I 1910
Herrn Direktor Emil Hertzka.

5. Jänner 1910


Ort erschlossen

Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection


Brief, Kopie

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 5. Jänner 1910, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.129.

Download:
Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen