CHARLOTTENBURG 2
PENSION BAVARIA
8.IV.lIQZ 1927
Lieber Stein, ich habe nichts dagegen, dass das Fis-Moll-
Quartett
in die Streichorchester-Bibliothek aufgenommen
wird. Dass Berg eine Partitur1 davon besitzt, wundert mich
allerdings sehr, da ich doch eine haben müsste. Auch kann ich
mich nicht erinnern, ob ich wirklich Kontrabässe habe mit-
spielen lassen. Fragen Sie jedenfalls auch Webern darüber.
Leider kann ich nicht bei meinen Materialen nachschauen,
da sie in meinen Kisten beim Spediteur liegen. Keinesfalls
wäre übrigens die von mir im letzten Satz angezeichnete
Zerlegung jedes 4/4 Taktes in je 2 4/8 Takte
2 beizubehalten.
Die hat sich meines Erachtens nicht bewährt. Denn es wurden
dadurch noch vielmehr Accente gespielt, als sonst. Der 8/8-
Takt, wie in der Original-Ausgabe muss also wiederhergestellt
werden.
Was nun die Frage einer reducierten Partitur von Pelleas für
Provinzorchester anbelangt, so glaube ich, dass eine solche in
verbindlicher Form ziemlich schwer herzustellen sein dürfte.
Sind Sie ganz sicher, ob die Gurrelieder-Reduktion gut aus-
gefallen ist? Sie wissen: ich habe sie nicht gehört, aber ich
weiss nicht, ob die Schwierigkeiten nicht grösser werden, durch
solche Erleichterungen. Die Anlage der Partituren ist gewiss grö-
sser, als ich sie heute machte; aber andererseits ist es inn[n]erhal[b]
dieses Systems doch sehr gut und mit viel Klanggefühl instru-
mentiert und, was das wichtigste ist: auf Grund der Erfahrungen
ausprobiert! Natürlich wäre es besser, diesen Leuten ein fixes
Material in die Hand zu geben, als es den Herrn Generalmusik-
Direktoren zu überlassen, das eigenhändig zu machen. Aber ich

halte es doch für sehr schwer. Ich weiss, dass ich sehr lang
nachdenken muss, wenn ich so etwas probiere. Und zum Schluss
stimmt es doch, trotz aller Erfahrung nicht überall. Die
Schwierigkeit ist ja die, dass man auch die Klangproportionen
berücksichtigen und darum eigentlich auch an Stellen reduzie-
ren müsste, wo kein Instrument fehlt: und da soll man nun einen
ausprobierten Klang sich zu zerstören trauen?!
Aber wenn Sie glauben, dass es gut zu machen ist will ich nichts
dagegen einwenden. Wie überhaupt natürlich, was ich hier sage, [k]ein
Misstrauen gegen Sie ist!
Ueberlegen Sie sich es also, und, wenn Sie finden, dass es geht,
so machen Sie es.
Heute Abend dirigiere3 ich Pelleas im Radio. Es wird, obwohl ich
nur 3 Proben hatte, recht gut gehen. Ni[v]cht so fein, wie ich es
gerne hätte, aber ziemlich sauber.
Mit vielen herzlichen Grüssen, auch an Ihre Frau auch von
meiner Frau, Ihr
CHARLOTTENBURG 2
PENSION BAVARIA
8.IV. 1927
Lieber Stein, ich habe nichts dagegen, dass das Fis-Moll-Quartett in die Streichorchester-Bibliothek aufgenommen wird. Dass Berg eine Partitur1 davon besitzt, wundert mich allerdings sehr, da ich doch eine haben müsste. Auch kann ich mich nicht erinnern, ob ich wirklich Kontrabässe habe mitspielen lassen. Fragen Sie jedenfalls auch Webern darüber. Leider kann ich nicht bei meinen Materialen nachschauen, da sie in meinen Kisten beim Spediteur liegen. Keinesfalls wäre übrigens die von mir im letzten Satz angezeichnete Zerlegung jedes 4/4 Taktes in je 2 4/8 Takte2 beizubehalten. Die hat sich meines Erachtens nicht bewährt. Denn es wurden dadurch noch vielmehr Accente gespielt, als sonst. Der 8/8-Takt, wie in der Original-Ausgabe muss also wiederhergestellt werden.
Was nun die Frage einer reducierten Partitur von Pelleas für Provinzorchester anbelangt, so glaube ich, dass eine solche in verbindlicher Form ziemlich schwer herzustellen sein dürfte. Sind Sie ganz sicher, ob die Gurrelieder-Reduktion gut ausgefallen ist? Sie wissen: ich habe sie nicht gehört, aber ich weiss nicht, ob die Schwierigkeiten nicht grösser werden, durch solche Erleichterungen. Die Anlage der Partituren ist gewiss grösser, als ich sie heute machte; aber andererseits ist es innerhalb dieses Systems doch sehr gut und mit viel Klanggefühl instrumentiert und, was das wichtigste ist: auf Grund der Erfahrungen ausprobiert! Natürlich wäre es besser, diesen Leuten ein fixes Material in die Hand zu geben, als es den Herrn Generalmusik-Direktoren zu überlassen, das eigenhändig zu machen. Aber ich halte es doch für sehr schwer. Ich weiss, dass ich sehr lang nachdenken muss, wenn ich so etwas probiere. Und zum Schluss stimmt es doch, trotz aller Erfahrung nicht überall. Die Schwierigkeit ist ja die, dass man auch die Klangproportionen berücksichtigen und darum eigentlich auch an Stellen reduzieren müsste, wo kein Instrument fehlt: und da soll man nun einen ausprobierten Klang sich zu zerstören trauen?!
Aber wenn Sie glauben, dass es gut zu machen ist will ich nichts dagegen einwenden. Wie überhaupt natürlich, was ich hier sage, kein Misstrauen gegen Sie ist!
Ueberlegen Sie sich es also, und, wenn Sie finden, dass es geht, so machen Sie es.
Heute Abend dirigiere3 ich Pelleas im Radio. Es wird, obwohl ich nur 3 Proben hatte, recht gut gehen. Nicht so fein, wie ich es gerne hätte, aber ziemlich sauber.
Mit vielen herzlichen Grüssen, auch an Ihre Frau auch von meiner Frau, Ihr

8. April 1927


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief, Kopie

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Erwin Stein, 8. April 1927, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.1300.

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