Halensee, 11.6.06
Lieber Herr Schönberg – ich
muss Ihnen leider gestehen, dass
ich mit Ihren mir eingeschickten
Arbeiten
1 einstweilen nichts an-
zufangen weiss – aber auch gar-
nichts! Das ist für mich zum
grössten Teil nicht das, was
ich unter Musik empfinde.
Vor allem sehe ich bei Ihnen eine

Entwickelung ins Ufer- und
Bodenlose. Seien Sie mir
nicht böse, aber ich muss
Ihnen doch eine Erklärung
dafür geben, dass das Geschäft-
liche sich nicht so ohne Weiteres
erledigen lässt. Die Arbeiten
haben einem zweiten Vertrau-
ensmann des Herrn Peters
vorgelegen, der Folgendes schreibt:
„Mit Schönbergs Art kann ich

mich beim besten Willen nicht
befreunden. Im Grunde ist die
Erfindung ziemlich konventio-
nell. Die harmonischen Extrava-
ganzen würde ich schon in
Kauf nehmen, wenn sie sich
mit dem Sinn für grosse Flächen
und zielbewussten Aufbau ver-
bänden. Das Quartett empfinde
ich beim Lesen als einen mäch-
tigen Bandwurm. Relativ am

besten gefallen mir: Natur,
Voll jener Süsse. Schade um
die aussergewöhnlich brillante
Technik –!“ Herr Peters ist
dermassen in Anspruch genommen,
dass ich ihn erst wenige Augen-
blicke habe sprechen können.
Ich hoffe, dass ich ihn heute
Abend sehen werde, und dann
will ich ihn fragen, ob er geneigt
wäre Ihnen das Geld einst-

weilen einmal in Form eines
Darlehens zu geben.
Ja, es liesse sich vieles
sagen über Ihre Arbeiten –
aber ich will mich mit Liebe
noch mehrfach in sie vertie-
fen, um zu versuchen einen
günstigen Standpunkt ihnen
gegenüber zu gewinnen.
Mit besten Grüssen auch
an Ihre Frau Ihr
Halensee, 11.6.06
Lieber Herr Schönberg – ich muss Ihnen leider gestehen, dass ich mit Ihren mir eingeschickten Arbeiten1 einstweilen nichts anzufangen weiss – aber auch garnichts! Das ist für mich zum grössten Teil nicht das, was ich unter Musik empfinde. Vor allem sehe ich bei Ihnen eine Entwickelung ins Ufer- und Bodenlose. Seien Sie mir nicht böse, aber ich muss Ihnen doch eine Erklärung dafür geben, dass das Geschäftliche sich nicht so ohne Weiteres erledigen lässt. Die Arbeiten haben einem zweiten Vertrauensmann des Herrn Peters vorgelegen, der Folgendes schreibt: „Mit Schönbergs Art kann ich mich beim besten Willen nicht befreunden. Im Grunde ist die Erfindung ziemlich konventionell. Die harmonischen Extravaganzen würde ich schon in Kauf nehmen, wenn sie sich mit dem Sinn für grosse Flächen und zielbewussten Aufbau verbänden. Das Quartett empfinde ich beim Lesen als einen mächtigen Bandwurm. Relativ am besten gefallen mir: Natur, Voll jener Süsse. Schade um die aussergewöhnlich brillante Technik –!“ Herr Peters ist dermassen in Anspruch genommen, dass ich ihn erst wenige Augenblicke habe sprechen können. Ich hoffe, dass ich ihn heute Abend sehen werde, und dann will ich ihn fragen, ob er geneigt wäre Ihnen das Geld einst weilen einmal in Form eines Darlehens zu geben.
Ja, es liesse sich vieles sagen über Ihre Arbeiten – aber ich will mich mit Liebe noch mehrfach in sie vertiefen, um zu versuchen einen günstigen Standpunkt ihnen gegenüber zu gewinnen.
Mit besten Grüssen auch an Ihre Frau Ihr
Max Marschalk

11. Juni 1906


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Verlag Dreililien an Arnold Schönberg, 11. Juni 1906, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.13033.

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