Arnold Schönberg an Erwin Stein
13. Mai 1927
Lieber Stein, das Heft1 ist ausgezeichnet. Ich bin wirklich [n]
nun stolz darauf, dass sich endlich nun doch soviele finden,
die nicht bloss durch Begeisterung für mich zu wirken im-
stand sind, sondern dadurch, dass das was sie schreiben an
sich beachtenswert ist als geistige Leistung. Vor Allem
Sie selbst: das ist wieder ein ausgezeichneter Artikel,
voll Klarheit, Klugheit und Verständnis. Es muss unbedingt
jedem schon das Niveau auf welchem alles sich bewegt, impo[ni]
nieren. Das ist kein Herumgerede mehr; hier wird mit ganz
neuen und doch so alten ästhetischen Begriffen in einer
eleganten und sicheren Weise operiert, dass man sieht, es
sind alle in einer so exakten Denkweise wirklich zuhause.
Wie wohltuend ist der Unterschied einer solchen Schreib-
weise gegen die der Schriftsteller des Impressionismus.
HierDa ist doch überall der Wille zu einer wirklichen Er-
kenntnis ästhetischer Werte vorhanden: hier wird nirgends
mehr auf die Mitgerissenheit des Lesers gerechnet. Dass
2 mal 2 vier ist, muss und kann man ohne Gemütsbewegung
glauben! Es stimmt ohne Stimmung.
nun stolz darauf, dass sich endlich nun doch soviele finden,
die nicht bloss durch Begeisterung für mich zu wirken im-
stand sind, sondern dadurch, dass das was sie schreiben an
sich beachtenswert ist als geistige Leistung. Vor Allem
Sie selbst: das ist wieder ein ausgezeichneter Artikel,
voll Klarheit, Klugheit und Verständnis. Es muss unbedingt
jedem schon das Niveau auf welchem alles sich bewegt, impo[ni]
nieren. Das ist kein Herumgerede mehr; hier wird mit ganz
neuen und doch so alten ästhetischen Begriffen in einer
eleganten und sicheren Weise operiert, dass man sieht, es
sind alle in einer so exakten Denkweise wirklich zuhause.
Wie wohltuend ist der Unterschied einer solchen Schreib-
weise gegen die der Schriftsteller des Impressionismus.
HierDa ist doch überall der Wille zu einer wirklichen Er-
kenntnis ästhetischer Werte vorhanden: hier wird nirgends
mehr auf die Mitgerissenheit des Lesers gerechnet. Dass
2 mal 2 vier ist, muss und kann man ohne Gemütsbewegung
glauben! Es stimmt ohne Stimmung.
Da es mir wirklich an Zeit fehlt allen TeolnehmernMitarbeitern an die-
sem Heft selbst zu schreiben, bitte ich Sie irgend einen
Rahmenbrief, etwa unter Citierung des Anfangs und anderer
Teile dieses Briefes im Bureau in sieben Exemplaren her-
stellen zu lassen, einiges verbindendes selbst hinzuzufügen
und die beiliegende Kopie dieses Briefes in entsprechend
viele Teile zer[s]schneiden zu lassen und jedem das auf ihn
bezügliche Stück mit dem Rahmenbrief zusammen zuzusenden.
sem Heft selbst zu schreiben, bitte ich Sie irgend einen
Rahmenbrief, etwa unter Citierung des Anfangs und anderer
Teile dieses Briefes im Bureau in sieben Exemplaren her-
stellen zu lassen, einiges verbindendes selbst hinzuzufügen
und die beiliegende Kopie dieses Briefes in entsprechend
viele Teile zer[s]schneiden zu lassen und jedem das auf ihn
bezügliche Stück mit dem Rahmenbrief zusammen zuzusenden.
Ich bin aber nun doch
von dieser Sache mit dem Rahmenbrief wie-
der abgekommen. Das ist zu umständlich. Ich glaube es ist am bes-
ten, wenn Sie den einzelnen meine Grüsse sagen und dass ich alle
sehr gut gefunden habe und mich sehr g[e]freut habe. Insbesondere
über das Niveau des Ganzen.
der abgekommen. Das ist zu umständlich. Ich glaube es ist am bes-
ten, wenn Sie den einzelnen meine Grüsse sagen und dass ich alle
sehr gut gefunden habe und mich sehr g[e]freut habe. Insbesondere
über das Niveau des Ganzen.
Insbesondere bitte ich Sie dem Felber der,
in der letzten Zeit
einige sehr schöne Aufsätze2 über mich geschrieben hat von mir
zu grüssen. Dann hat sich der Wiesengrund sehr gebessert. Der
schreibt3 ja jetzt ganz anders, als anfangs. Und die Analyse ist
ausgezeichnet. Das wird Schule machen. Auch Jalowetz4 ist sehr
hübsch und warm. Nur kommt er leider nicht über seinen Fehler
langer Einleitungen hinaus und es fehlt ihm dann der Raum zu
den Tatsachen. Er hätte en[t]schieden schriftstellerische Begabung
schreibt aber zu selten, um diese Anfängerschwierigkeiten zu
überwinden. Sehr hübsch finde ich auch die beiden Aufsätz[e]5 von
Redlich. Aus dem kann was werden, wenn Sie ihn so in die Arbeit
nehmen wie ich es seinerzeit mit Ihnen getan habe: was ein aus-
gezeichnetes Resultat ergeben hat; denn Sie schreiben heute
schon besser als ich! Es sind in dem Redlich'schen Aufsatz ent-
schieden hübsche Gedanken drin. Nur gefällt er sich ein bischen
zu sehr darin ungewöhnliche Termini zu erdenken die er nicht
genügend erklärt, so dass man nur eine vage Vorstellung davon hat
was er meint. Sagen Sie ihm: Beispiele! Und gerade solche Ausdrück[e]
wie „radiale Polytonalität“ „der geometrische Ort“ (wessen?) u.
dgl muss man eng umschreiben. Auch was Kunwald6 und Zemlinsky7
schreiben, ist sehr interessant und auch für mich günstig, weil
es Dirigenten sind, die doch vom Praktischen sprechen. Horenstein8
trifft sich mit Jalowetz in dem Urteil über meinen ersten Stil.
Das ist beides sehr hübsch und ich glaube auch richtig.
einige sehr schöne Aufsätze2 über mich geschrieben hat von mir
zu grüssen. Dann hat sich der Wiesengrund sehr gebessert. Der
schreibt3 ja jetzt ganz anders, als anfangs. Und die Analyse ist
ausgezeichnet. Das wird Schule machen. Auch Jalowetz4 ist sehr
hübsch und warm. Nur kommt er leider nicht über seinen Fehler
langer Einleitungen hinaus und es fehlt ihm dann der Raum zu
den Tatsachen. Er hätte en[t]schieden schriftstellerische Begabung
schreibt aber zu selten, um diese Anfängerschwierigkeiten zu
überwinden. Sehr hübsch finde ich auch die beiden Aufsätz[e]5 von
Redlich. Aus dem kann was werden, wenn Sie ihn so in die Arbeit
nehmen wie ich es seinerzeit mit Ihnen getan habe: was ein aus-
gezeichnetes Resultat ergeben hat; denn Sie schreiben heute
schon besser als ich! Es sind in dem Redlich'schen Aufsatz ent-
schieden hübsche Gedanken drin. Nur gefällt er sich ein bischen
zu sehr darin ungewöhnliche Termini zu erdenken die er nicht
genügend erklärt, so dass man nur eine vage Vorstellung davon hat
was er meint. Sagen Sie ihm: Beispiele! Und gerade solche Ausdrück[e]
wie „radiale Polytonalität“ „der geometrische Ort“ (wessen?) u.
dgl muss man eng umschreiben. Auch was Kunwald6 und Zemlinsky7
schreiben, ist sehr interessant und auch für mich günstig, weil
es Dirigenten sind, die doch vom Praktischen sprechen. Horenstein8
trifft sich mit Jalowetz in dem Urteil über meinen ersten Stil.
Das ist beides sehr hübsch und ich glaube auch richtig.
Also nun habe ich doch alles besprochen: Ihnen brauche ich nicht
zu danken: Sie haben sich selbst gedankt durch den grossen Fort-
schritt, den Sie in Ihrer Schriftstellerei gemacht haben, der Ih-
nen sicher bald eine sehr beachtete Position verschaffen wird.
Nochmals also: ich habe mich sehr gefreut.
zu danken: Sie haben sich selbst gedankt durch den grossen Fort-
schritt, den Sie in Ihrer Schriftstellerei gemacht haben, der Ih-
nen sicher bald eine sehr beachtete Position verschaffen wird.
Nochmals also: ich habe mich sehr gefreut.
Viele herzlichste Grüsse an Sie und Ihre Frau, auch seitens
meiner Frau. Wir kommen in circa 3 Wochen nach Wien. Am 20 gebe
ich in der Akademie ein Kompositionskonzert9 meiner Schüler: Könn-
te die UE Sie nicht zu diesem als Referenten hersenden und um
eventuell den einen oder anderen Autor zu „erwerben“? Billig,
den Zillig!
meiner Frau. Wir kommen in circa 3 Wochen nach Wien. Am 20 gebe
ich in der Akademie ein Kompositionskonzert9 meiner Schüler: Könn-
te die UE Sie nicht zu diesem als Referenten hersenden und um
eventuell den einen oder anderen Autor zu „erwerben“? Billig,
den Zillig!
Ihr
Heft
Pult und Taktstock
1927 (Exemplare aus dem Schönberg-Nachlass; P15).
Aufsätze
Neben dem hier gemeinten Text
Pelleas und Melisande z. B. Felber 1927.
schreibt
Jalowetz
Aufsätz[e]
Kunwald
Zemlinsky
Horenstein
Kompositionskonzert
Choralpartituren
13.V.1927
Lieber Stein, das Heft1 ist ausgezeichnet. Ich bin wirklich
nun stolz darauf, dass sich endlich nun doch soviele finden, die nicht
bloss durch Begeisterung für mich zu wirken imstand sind, sondern dadurch, dass das was sie schreiben an
sich beachtenswert ist als geistige Leistung. Vor Allem Sie selbst:
das ist wieder ein ausgezeichneter Artikel,
voll Klarheit, Klugheit und Verständnis. Es muss unbedingt jedem schon
das Niveau auf welchem alles sich bewegt, impo
nieren. Das ist kein Herumgerede mehr; hier wird mit ganz
neuen und doch so alten ästhetischen Begriffen in einer eleganten und
sicheren Weise operiert, dass man sieht, es sind alle in einer so exakten Denkweise wirklich zuhause. Wie wohltuend ist der Unterschied einer solchen Schreibweise gegen die der Schriftsteller des Impressionismus.
Da ist doch überall der Wille zu einer wirklichen Erkenntnis ästhetischer Werte vorhanden: hier wird nirgends
mehr auf die Mitgerissenheit des Lesers gerechnet. Dass 2 mal 2 vier
ist, muss und kann man ohne Gemütsbewegung glauben! Es stimmt ohne
Stimmung.
Da es mir wirklich an Zeit fehlt allen Mitarbeitern an diesem Heft selbst zu schreiben, bitte ich Sie irgend einen
Rahmenbrief, etwa unter Citierung des Anfangs und anderer Teile dieses
Briefes im Bureau in sieben Exemplaren herstellen zu lassen, einiges verbindendes selbst hinzuzufügen
und die beiliegende Kopie dieses Briefes in
entsprechend viele Teile zerschneiden zu lassen und jedem das auf ihn bezügliche Stück mit dem
Rahmenbrief zusammen zuzusenden. Ich bin aber nun doch
von dieser Sache mit dem Rahmenbrief wieder abgekommen. Das ist zu umständlich. Ich glaube es ist am
besten, wenn Sie den einzelnen meine Grüsse sagen und dass ich alle
sehr gut gefunden habe und mich sehr gefreut habe. Insbesondere über das Niveau des Ganzen.
Insbesondere bitte ich Sie dem Felber der,
in der letzten Zeit einige sehr schöne Aufsätze2 über mich geschrieben hat von mir zu grüssen. Dann hat sich der
Wiesengrund sehr gebessert. Der
schreibt3 ja jetzt ganz anders, als anfangs. Und die Analyse ist ausgezeichnet. Das wird Schule machen. Auch Jalowetz4 ist sehr hübsch und warm. Nur kommt er leider nicht über seinen
Fehler langer Einleitungen hinaus und es fehlt ihm dann der Raum zu
den Tatsachen. Er hätte entschieden
schriftstellerische Begabung schreibt aber zu selten, um diese
Anfängerschwierigkeiten zu überwinden. Sehr hübsch finde ich auch die
beiden Aufsätze5 von
Redlich. Aus dem kann was werden, wenn Sie
ihn so in die Arbeit nehmen wie ich es seinerzeit mit Ihnen getan habe: was
ein ausgezeichnetes Resultat ergeben hat; denn Sie schreiben heute
schon besser als ich! Es sind in dem Redlich'schen Aufsatz entschieden hübsche Gedanken drin. Nur gefällt er sich ein bischen
zu sehr darin ungewöhnliche Termini zu erdenken die er nicht genügend
erklärt, so dass man nur eine vage Vorstellung davon hat was er meint.
Sagen Sie ihm: Beispiele! Und gerade solche Ausdrücke
wie „radiale Polytonalität“ „der geometrische Ort“ (wessen?) u. dgl
muss man eng umschreiben. Auch was Kunwald6 und Zemlinsky7
schreiben, ist sehr interessant und auch für mich günstig, weil es
Dirigenten sind, die doch vom Praktischen sprechen. Horenstein8
trifft sich mit Jalowetz in dem Urteil
über meinen ersten Stil. Das ist beides sehr hübsch und ich glaube auch
richtig.
Also nun habe ich doch alles besprochen: Ihnen brauche ich nicht zu danken:
Sie haben sich selbst gedankt durch den grossen Fortschritt, den Sie in Ihrer Schriftstellerei gemacht haben, der
Ihnen sicher bald eine sehr beachtete
Position verschaffen wird. Nochmals also: ich habe mich sehr gefreut.
Viele herzlichste Grüsse an Sie und Ihre Frau, auch seitens meiner Frau. Wir kommen in circa 3 Wochen nach Wien. Am 20 gebe ich in der
Akademie ein Kompositionskonzert9 meiner Schüler: Könnte die UE Sie nicht zu diesem als
Referenten hersenden und um eventuell den einen oder anderen Autor zu
„erwerben“? Billig, den Zillig!
Ihr
Heft
Pult und Taktstock
1927 (Exemplare aus dem Schönberg-Nachlass; P15).
Aufsätze
Neben dem hier gemeinten Text
Pelleas und Melisande z. B. Felber 1927.
schreibt
Jalowetz
Aufsätz[e]
Kunwald
Zemlinsky
Horenstein
Kompositionskonzert
Choralpartituren
13. Mai 1927
The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Brief
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an Erwin Stein, 13. Mai 1927, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.1313.