Wien, 30.IV. 1936
Lieber Herr Schönberg, Ich danke Ihnen herzlich für Ihren
Brief vom 9. und 11. März. Die Gründe, die Sie veranlasst haben,
die Vollendung der Lulu aufzugeben verstehe ich vollkommen,
und sie verstehen auch die wenigen Leute, denen ich den wirk-
lichen Sachverhalt mitgeteilt und Ihren Brief gezeigt habe; das sind ausser meiner
Frau: Winter und Jalow[e]tz. Steuermann habe ich auch einige
Andeutungen gemacht. Ich bin nicht dafür, dass sonst noch
jemand davon erfährt, auch Webern nicht. Höchstens werde
ich den Brief noch Kalmus zeigen, der jetzt in New York ist
und Ende Mai zurückkommt; aber auch nur dann, wenn ihm die
offiziellen Gründe der Ablehnung nicht stichhältig genug scheinen.
Ich glaube aber absolut, dass es von Berg nur Gedankenlosig-
keit war – wenn Sie auch das „nur“ nicht werden gelten lassen.
Er hat das Textbuch immerhin in vorhitlerischen Zeiten bear-
beitet. Dass Sie die Skizze mit der Bemerkung „Gemauschel“
in die Hand bekommen, eine härtere Strafe hätte es für ihn
nicht geben können, glaube ich. Wie gedankenlos auch andere
sind – ich kann mich dabei nicht ausschliessen, obwohl ich
mich nachträglich erinnere, dass mich das „Gott der Gerechte“
in der fertigen Partitur chockiert hat – geht daraus hervor,
dass niemand am Textbuch Anstoss genommen hat und Heinshei-
mer
in einem Gespräch unlängst die Figur des jüdelnden Bankier
erwähnte, als müsste es in einer Oper eben so sein.
Nach dem derzeitigen Stand der Angelegenheit wird die
Lulu unvollendet bleiben. Wir haben Webern und Zemlinsky ge-
fragt, ob sie die Instrumentation machen wollen. Webern hat

noch nicht abgelehnt. Er wird sich noch mit dem Particell befassen.
Aber ich gl ich kann mir nicht vorstellen, dass daraus etwas wird.
Zemlinsky schien als Theaterpraktiker anfangs grosse Lust zu haben.
Nach zwei Tagen Studium sagte er ab und gab den Rat, nur das aufzu-
führen, was von Berg fertig vorliegt. Das wird wahrscheinlich auch
geschehen. Wir haben dem Züricher Direktor vorgeschlagen, nur die zwei
fertigen Akte zu bringen1 und als Epilog rein symphonisch das
Adagio aus den „Symphonische[n] Stücken“ aufzuführen.
Endlich hat man in Wien Ihre Variationen gehört: in einem
Gastkonzert2 des B.B.C.-Orchesters unter Boult, und zwar ausdrück-
lich als ein für Oesterreich repräsentatives Werk. Das Konzert war
hochoffiziell, der Bundespräsident, der englische Gesandte usw.
waren da. Es waren wohl eher Perlen für die guten Wiener. Der Applaus
war aber sehr gross und unwidersprochen. Die Aufführung war sauber,
aber nicht sehr charakteristisch. Ich hab die Variationen zum
erstenmal richtig gehört (vorher nur bei Radioübertragungen), es
ist ein grossartiges Werk. Jammerschade, dass die Leute so blöd
sind, so dass man es nicht öfter hören kann. Es ist melodisch so
reich, in den Farben so bunt und in den Charakteren eigentlich so
deutlich und einleuchtend, dass es ein dankbares Bravourstück sein
müsste, wenn die Leute hören könnten.
Die U. E. hat jetzt von Schirmer für Europa den Vertrieb
Ihrer Streicher-Suite und des Cellokonzerts übernommen. Ich glaube
bestimmt dass dadurch wesentlich mehr Aufführungen hier zustande-
kommen werden. Ich habe im Verlag die Sache propagandistisch in
die Hand genommen. Der Solocellist vom Prager Radio, ein vorzüg-
licher Musiker (ich habe ihn u. a. im Pierrot gehört3) studiert
jetzt das Cellokonzert. Wahrscheinlich werden dort 2 Aufführungen

sein, eine öffentlich und eine im Radio. Man muss den LeutenDie Leute fragen
immer, warum die Suite tonal ist. Ich stelle es als ein Beispiel
hin, wie Sie sich heute eine tonale Komposition vorstellen; Sie
wollten zeigen, wie so etwas aussehen darf. Ist diese Interpreta-
tion richtig? Ich bitte Sie, mir ein paar Worte darüber zu schrei-
ben, um den Leuten Fragern (es waren z. B. Volmar Andreae aus Zürich,
Kabasta, Wellesz) richtig antworten zu können.
Der U.E. geht es jetzt materiell ganz gut, jedenfalls viel
besser als in den letzten Jahren. Der geniale Hertzka hat den
Verlag in recht schlechter Situation hinterlassen. Es ist haupt-
sächlich das Verdienst von Winter, dass er sich seitdem konsoli-
diert hat. – Von mir selbst ist nicht viel zu erzählen. Ich küm-
mere mich um die U.E. mehr als früher und verwende mehr Zeit da-
rauf. Seit dem Tod meines Vaters hat der Sohn meines Bruders Manz
übernommen, wie das mein Bruder seinerzeit vertraglich abgemacht
hatte. Ich und meine Geschwister4 sollen ausgezahlt werden. Na-
türlich ist Manz nicht mehr, was er war. – Von unseren alten
Freunden bin ich am meisten mit Jalowetz beisammen. Der hat wie
Sie wohl wissen grosse Sorgen. Wenn man nur eine Stellung für
ihn finden könnte! – Seit meiner Operation geht es mir gesundheit-
lich viel besser. Ich bin durch sie ein viele Jahre altes Magen-
leiden, das die Aerzte nie diagnostizieren konnten, los geworden.
Jetzt plötzlich wissen aber alle, dass Magenleiden öfters vom
Blinddarm her kommen. – Marion kommt im Herbst ins Realgymnasium, sie
entwickelt sich sehr gut und ist auch nicht unmusikalisch. Vor
kurzem hatte sie eine leichte Diphteritis überstanden. Die Krank-
heit der Kleinen, die mir(sie wird mir allerdings in sehr bald über den Kopf
gewachsen sein dürfte), war die Ursache, weshalb ich auf Ihren

Brief nicht früher geantwortet habe. Ich wollte vorsichtshalber
einige Zeit verstreichen lassen, bevor obwohl ich nicht glaube,
dass überdurch einen Brief und auf so lange Strecken hin eine Ueber-
tragung stattfinden kann.
Ganz abgesehen davon, dass ich während der Krankheit
von Marion getrennt war. Gott sei Dank ist sie längst wieder vollständig
erholt.
Leider weiss ich von Ihnen selbst nur sehr wenig authen-
tisches, weder von Ihrer Arbeit, noch von Ihrem persönlichen Be-
finden. Schreiben Sie mir doch davon, bitte! Sie können mir ja
sagen, was ich weitererzählen soll und was nicht. Die Teilnahme
an Ihrer Person ist ja keine Neugierde. Wenn man auch nicht mehr
so mit einander leben darf wie früher einmal, will man doch wissen,
wie es Ihnen geht. Sie sind für die Leute, und beinahe auch für uns
eine mythische Person geworden, die irgendwo im fernen Westen lebt.
Bitte schreiben Sie mir bald! Ihnen, Ihrer lieben Frau und
Nuria – wann werde ich sie einmal sehen? – die herzlichsten Grüsse[.]
von uns Dreien. Alles Liebe und Gute! Ihr getreuer
Wien, 30.IV. 1936
Lieber Herr Schönberg, Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Brief vom 9. und 11. März. Die Gründe, die Sie veranlasst haben, die Vollendung der Lulu aufzugeben verstehe ich vollkommen, und sie verstehen auch die wenigen Leute, denen ich den wirklichen Sachverhalt mitgeteilt und Ihren Brief gezeigt habe; das sind ausser meiner Frau: Winter und Jalowetz. Steuermann habe ich auch einige Andeutungen gemacht. Ich bin nicht dafür, dass sonst noch jemand davon erfährt, auch Webern nicht. Höchstens werde ich den Brief noch Kalmus zeigen, der jetzt in New York ist und Ende Mai zurückkommt; aber auch nur dann, wenn ihm die offiziellen Gründe der Ablehnung nicht stichhältig genug scheinen. Ich glaube aber absolut, dass es von Berg nur Gedankenlosigkeit war – wenn Sie auch das „nur“ nicht werden gelten lassen. Er hat das Textbuch immerhin in vorhitlerischen Zeiten bearbeitet. Dass Sie die Skizze mit der Bemerkung „Gemauschel“ in die Hand bekommen, eine härtere Strafe hätte es für ihn nicht geben können, glaube ich. Wie gedankenlos auch andere sind – ich kann mich dabei nicht ausschliessen, obwohl ich mich nachträglich erinnere, dass mich das „Gott der Gerechte“ in der fertigen Partitur chockiert hat – geht daraus hervor, dass niemand am Textbuch Anstoss genommen hat und Heinsheimer in einem Gespräch unlängst die Figur des jüdelnden Bankier erwähnte, als müsste es in einer Oper eben so sein.
Nach dem derzeitigen Stand der Angelegenheit wird die Lulu unvollendet bleiben. Wir haben Webern und Zemlinsky gefragt, ob sie die Instrumentation machen wollen. Webern hat noch nicht abgelehnt. Er wird sich noch mit dem Particell befassen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass daraus etwas wird. Zemlinsky schien als Theaterpraktiker anfangs grosse Lust zu haben. Nach zwei Tagen Studium sagte er ab und gab den Rat, nur das aufzuführen, was von Berg fertig vorliegt. Das wird wahrscheinlich auch geschehen. Wir haben dem Züricher Direktor vorgeschlagen, nur die zwei fertigen Akte zu bringen1 und als Epilog rein symphonisch das Adagio aus den „Symphonischen Stücken“ aufzuführen.
Endlich hat man in Wien Ihre Variationen gehört: in einem Gastkonzert2 des B.B.C.-Orchesters unter Boult, und zwar ausdrücklich als ein für Oesterreich repräsentatives Werk. Das Konzert war hochoffiziell, der Bundespräsident, der englische Gesandte usw. waren da. Es waren wohl eher Perlen für die guten Wiener. Der Applaus war aber sehr gross und unwidersprochen. Die Aufführung war sauber, aber nicht sehr charakteristisch. Ich hab die Variationen zum erstenmal richtig gehört (vorher nur bei Radioübertragungen), es ist ein grossartiges Werk. Jammerschade, dass die Leute so blöd sind, so dass man es nicht öfter hören kann. Es ist melodisch so reich, in den Farben so bunt und in den Charakteren eigentlich so deutlich und einleuchtend, dass es ein dankbares Bravourstück sein müsste, wenn die Leute hören könnten.
Die U. E. hat jetzt von Schirmer für Europa den Vertrieb Ihrer Streicher-Suite und des Cellokonzerts übernommen. Ich glaube bestimmt dass dadurch wesentlich mehr Aufführungen hier zustandekommen werden. Ich habe im Verlag die Sache propagandistisch in die Hand genommen. Der Solocellist vom Prager Radio, ein vorzüglicher Musiker (ich habe ihn u. a. im Pierrot gehört3) studiert jetzt das Cellokonzert. Wahrscheinlich werden dort 2 Aufführungen sein, eine öffentlich und eine im Radio. Die Leute fragen immer, warum die Suite tonal ist. Ich stelle es als ein Beispiel hin, wie Sie sich heute eine tonale Komposition vorstellen; Sie wollten zeigen, wie so etwas aussehen darf. Ist diese Interpretation richtig? Ich bitte Sie, mir ein paar Worte darüber zu schreiben, um den Fragern (es waren z. B. Volmar Andreae aus Zürich, Kabasta, Wellesz) richtig antworten zu können.
Der U.E. geht es jetzt materiell ganz gut, jedenfalls viel besser als in den letzten Jahren. Der geniale Hertzka hat den Verlag in recht schlechter Situation hinterlassen. Es ist hauptsächlich das Verdienst von Winter, dass er sich seitdem konsolidiert hat. – Von mir selbst ist nicht viel zu erzählen. Ich kümmere mich um die U.E. mehr als früher und verwende mehr Zeit darauf. Seit dem Tod meines Vaters hat der Sohn meines Bruders Manz übernommen, wie das mein Bruder seinerzeit vertraglich abgemacht hatte. Ich und meine Geschwister4 sollen ausgezahlt werden. Natürlich ist Manz nicht mehr, was er war. – Von unseren alten Freunden bin ich am meisten mit Jalowetz beisammen. Der hat wie Sie wohl wissen grosse Sorgen. Wenn man nur eine Stellung für ihn finden könnte! – Seit meiner Operation geht es mir gesundheitlich viel besser. Ich bin durch sie ein viele Jahre altes Magenleiden, das die Aerzte nie diagnostizieren konnten, los geworden. Jetzt plötzlich wissen aber alle, dass Magenleiden öfters vom Blinddarm her kommen. – Marion kommt im Herbst ins Realgymnasium, sie entwickelt sich sehr gut und ist auch nicht unmusikalisch. Vor kurzem hat sie eine leichte Diphteritis überstanden. Die Krankheit der Kleinen, (sie wird mir allerdings sehr bald über den Kopf gewachsen sein), war die Ursache, weshalb ich auf Ihren Brief nicht früher geantwortet habe. Ich wollte vorsichtshalber einige Zeit verstreichen lassen, obwohl ich nicht glaube, dass durch einen Brief und auf so lange Strecken hin eine Uebertragung stattfinden kann.
Ganz abgesehen davon, dass ich während der Krankheit von Marion getrennt war. Gott sei Dank ist sie längst wieder vollständig erholt.
Leider weiss ich von Ihnen selbst nur sehr wenig authentisches, weder von Ihrer Arbeit, noch von Ihrem persönlichen Befinden. Schreiben Sie mir doch davon, bitte! Sie können mir ja sagen, was ich weitererzählen soll und was nicht. Die Teilnahme an Ihrer Person ist ja keine Neugierde. Wenn man auch nicht mehr so mit einander leben darf wie früher einmal, will man doch wissen, wie es Ihnen geht. Sie sind für die Leute, und beinahe auch für uns eine mythische Person geworden, die irgendwo im fernen Westen lebt.
Bitte schreiben Sie mir bald! Ihnen, Ihrer lieben Frau und Nuria – wann werde ich sie einmal sehen? – die herzlichsten Grüsse von uns Dreien. Alles Liebe und Gute! Ihr getreuer Stein

30. April 1936


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Erwin Stein an Arnold Schönberg, 30. April 1936, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.16833.

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