Arnold Schönberg an Erwin Stein
9. bis 11. März 1936
Lieber Stein, ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief vom
17.I.36. Ich war solange ohne Nachricht über Bergs Tod
und konnte hier gar nichts erfahren. Ich glaube doch, dass
er umgebracht worden ist durch falsche Behandlung. Allerdings
wer ist schuld? Fast scheint es mir, dass der erste Arzt recht
gehabt hat und die Operationen ihn getötet haben. Es ist
furchbar traurig.
17.I.36. Ich war solange ohne Nachricht über Bergs Tod
und konnte hier gar nichts erfahren. Ich glaube doch, dass
er umgebracht worden ist durch falsche Behandlung. Allerdings
wer ist schuld? Fast scheint es mir, dass der erste Arzt recht
gehabt hat und die Operationen ihn getötet haben. Es ist
furchbar traurig.
Heute erst erhalte ich von Ass. Music
Publishers die Mit-
teilung, dass sie mir die Materiale zu Bergs Oper senden.
Seit Ihrem Brief warte ich immer nervöser auf diese Sen-
dung, welche ich höchstens eine Woche nach Ihrem Brief hätte
erwarten können und kann nicht verstehen, warum das solange
gedauert hat, da ich weiss, dass Photocopien in wenigen Tagen
fertig sein können und nicht einsehe, warum man alles auf
einmal senden musste und mir nicht wenigstens Teile vorher
zur Verfügung stellen konnte. Ich habe ja gar keine Ahnung
von dem Schwierigkeitsgrad dieser Aufgabe und weiss noch
nicht, ob ich sie überhaupt würdig, Bergs und meiner selbst
würdig lösen kann. Bergs Konzeption ist von der meinigen
grundverschieden. Während ich absolut zu gemeinsamer Wirkung
verbundene Orchesterstimmen erfinde, ist seine Denkungsart
doch entschieden pianistisch. Nun aber hat er es verstanden
das in äusserst wirkungsvoller Weise für Orchester umzusetzen
und hat in allen Fällen den Charakter und die Stimmung aus-
drücken können, die er gemeint hat. Das vor Allem, weil sie
ihm bekannt und weil er von ihr dominiert war.
teilung, dass sie mir die Materiale zu Bergs Oper senden.
Seit Ihrem Brief warte ich immer nervöser auf diese Sen-
dung, welche ich höchstens eine Woche nach Ihrem Brief hätte
erwarten können und kann nicht verstehen, warum das solange
gedauert hat, da ich weiss, dass Photocopien in wenigen Tagen
fertig sein können und nicht einsehe, warum man alles auf
einmal senden musste und mir nicht wenigstens Teile vorher
zur Verfügung stellen konnte. Ich habe ja gar keine Ahnung
von dem Schwierigkeitsgrad dieser Aufgabe und weiss noch
nicht, ob ich sie überhaupt würdig, Bergs und meiner selbst
würdig lösen kann. Bergs Konzeption ist von der meinigen
grundverschieden. Während ich absolut zu gemeinsamer Wirkung
verbundene Orchesterstimmen erfinde, ist seine Denkungsart
doch entschieden pianistisch. Nun aber hat er es verstanden
das in äusserst wirkungsvoller Weise für Orchester umzusetzen
und hat in allen Fällen den Charakter und die Stimmung aus-
drücken können, die er gemeint hat. Das vor Allem, weil sie
ihm bekannt und weil er von ihr dominiert war.
Schauen Sie z. B. Seite 20 der Lulu-Stücke an.
Die Bässe
sind die linke Hand eines Klaviersatzes. Oder Seite 38–40,
eine Stelle die übrigens sicher sehr schön und charakte
ristisch klingen wird
sind die linke Hand eines Klaviersatzes. Oder Seite 38–40,
eine Stelle die übrigens sicher sehr schön und charakte
ristisch klingen wird
11. März
Als ich hier hielt kam gerade das Paket mit den
Materialien. Ich stürzte mich sofort darüber und konstatier-
te zunächst, dass noch 3/4 des dritten Aktes uninstrumentiert
sind. Dann sah ich, dass die Partitur oder besser der Klavier-
auszug der früheren Akte nicht mitgekommen war, so dass ich
nicht herausfinden hätte können, welche Motive oder Stellen
bereits früher vorkommen und in der Wiederholung genau oder
variiert zu verwenden wären. Ferner sah ich, dass Teile des
Particells fast unentzifferbar sind, was mich mindestens sehr
aufgehalten hätte. Dann sah ich, dass Berg in der Verwendung
der Reihen wesentlich anders vorgeht, als ich: Oktavenverdopp-
lungen etc., so dass die Aufklärung unleserlicher Noten un-
endlich erschwert wird. Daraufhin wusste ich, dass an eine
Einhaltung dieses Termines auch dann nicht zu denken wäre,
wenn ich meine ganze Arbeitszeit dieser Sache widmen könnte.
Aber, wie Sie begreifen werden, wenn ich schon bereit bin, auf
Materialien. Ich stürzte mich sofort darüber und konstatier-
te zunächst, dass noch 3/4 des dritten Aktes uninstrumentiert
sind. Dann sah ich, dass die Partitur oder besser der Klavier-
auszug der früheren Akte nicht mitgekommen war, so dass ich
nicht herausfinden hätte können, welche Motive oder Stellen
bereits früher vorkommen und in der Wiederholung genau oder
variiert zu verwenden wären. Ferner sah ich, dass Teile des
Particells fast unentzifferbar sind, was mich mindestens sehr
aufgehalten hätte. Dann sah ich, dass Berg in der Verwendung
der Reihen wesentlich anders vorgeht, als ich: Oktavenverdopp-
lungen etc., so dass die Aufklärung unleserlicher Noten un-
endlich erschwert wird. Daraufhin wusste ich, dass an eine
Einhaltung dieses Termines auch dann nicht zu denken wäre,
wenn ich meine ganze Arbeitszeit dieser Sache widmen könnte.
Aber, wie Sie begreifen werden, wenn ich schon bereit bin, auf
jede
eigene Arbeit während dieser Zeit zu verzichten,
so kann ich diese Zeit nicht aussparen, die für meinen
Broterwerb erforderlich ist und für viele, viele unangenehme,
aber unabweisliche Abhaltungen.
so kann ich diese Zeit nicht aussparen, die für meinen
Broterwerb erforderlich ist und für viele, viele unangenehme,
aber unabweisliche Abhaltungen.
Das aber alles sind nicht die Gründe, warum
ich die Arbeit nicht machen kann. Denn ich war von Anfang an
zu jedem Opfer bereit und hätte alles mögliche getan,
um zu einem eventuell nur wenig verschobenen Termin fertig[z]
zu werden.
ich die Arbeit nicht machen kann. Denn ich war von Anfang an
zu jedem Opfer bereit und hätte alles mögliche getan,
um zu einem eventuell nur wenig verschobenen Termin fertig[z]
zu werden.
Sondern, nachdem ich mich zuerst in den Noten
ein bischen orientiert hatte, begann ich das Textbuch
zu lesen und fand im 3. Akt, Seite 46 Zeile 13: .. der
Saujud. und Zeile 15 .…. immer mehr ins jüdelnd (sic)
verfallend. Im Particell steht, von Bergs Hand, anstatt
der zweiten Bemerkung: (mauschelnd). Die Musik drückt
durch die kreischend hohen Töne das Ueberschlagen Der
Stimme und durch tiefe 16-tel das Gemauschel (symbolisch)
aus. Ich verschaffte mir Wedekinds beide Originale, in welchen
der Generaldirektor den Namen Puntschu führt und auch
jüdische Redewendungen gebraucht. Aber die beiden, das
Jüdeln respektive Mauscheln verlangenden Anweisungen
kommen nicht vor, sondern sind Zutaten Bergs, welche ihm
leider bei den Nazis nicht genützt haben. Ob er sichs
davon versprochen hatte? Vielleicht hätte ich in der
Vornazizeit das zwar als unangenehm empfunden, aber,
da ja dieser Puntschu bei Wedekind kaum unsympathischer [is]
ist, als seine anderen Heldenfiguren, keine Konsequenzen
daraus gezogen. Aber heute, gleichviel, ob Puntschu sympathi[sc]h
ist, oder nicht: [...] right or wrong. it’s my country1. Und
man kann wirklich nicht von mir erwarten, dass ich mich
für diese Stelle so begeistere, als nötig ist, um diese
Verhöhnung eines „Schuftes, weil er Jude ist“2 durch meine
Instrumentation zur höchsten Charakteristik zu bringen.
Wobei nicht zu vergessen wäre, dass man auch diesen
Schuften auf dem Theater, so, wie die anderen Schufte,
noch weit charakteristischer durch [...] seine spezielle
Gemeinheit charakterisiert hätte, als durch sein Mauscheln,
so wie ich ja zögern würde, einen falschen Kerl durch
polnischen Akzent oder einen MaulHelden durch preussischen
auszudrücken.
ein bischen orientiert hatte, begann ich das Textbuch
zu lesen und fand im 3. Akt, Seite 46 Zeile 13: .. der
Saujud. und Zeile 15 .…. immer mehr ins jüdelnd (sic)
verfallend. Im Particell steht, von Bergs Hand, anstatt
der zweiten Bemerkung: (mauschelnd). Die Musik drückt
durch die kreischend hohen Töne das Ueberschlagen Der
Stimme und durch tiefe 16-tel das Gemauschel (symbolisch)
aus. Ich verschaffte mir Wedekinds beide Originale, in welchen
der Generaldirektor den Namen Puntschu führt und auch
jüdische Redewendungen gebraucht. Aber die beiden, das
Jüdeln respektive Mauscheln verlangenden Anweisungen
kommen nicht vor, sondern sind Zutaten Bergs, welche ihm
leider bei den Nazis nicht genützt haben. Ob er sichs
davon versprochen hatte? Vielleicht hätte ich in der
Vornazizeit das zwar als unangenehm empfunden, aber,
da ja dieser Puntschu bei Wedekind kaum unsympathischer [is]
ist, als seine anderen Heldenfiguren, keine Konsequenzen
daraus gezogen. Aber heute, gleichviel, ob Puntschu sympathi[sc]h
ist, oder nicht: [...] right or wrong. it’s my country1. Und
man kann wirklich nicht von mir erwarten, dass ich mich
für diese Stelle so begeistere, als nötig ist, um diese
Verhöhnung eines „Schuftes, weil er Jude ist“2 durch meine
Instrumentation zur höchsten Charakteristik zu bringen.
Wobei nicht zu vergessen wäre, dass man auch diesen
Schuften auf dem Theater, so, wie die anderen Schufte,
noch weit charakteristischer durch [...] seine spezielle
Gemeinheit charakterisiert hätte, als durch sein Mauscheln,
so wie ich ja zögern würde, einen falschen Kerl durch
polnischen Akzent oder einen MaulHelden durch preussischen
auszudrücken.
Ich glaube Sie sollten Frau Berg keinen
anderen
Grund angeben, als den ich in dem beiliegenden Brief an die
U.E. vorschütze. Auch halte ich es für überflüssig, dass
die Oeffentlichkeit etwas davon erfährt, obwohl ich persön-
lich das ruhig auf mich nähme. Aber ich will Berg in keinem,
auch nicht in meinem Kreis schaden und vor Allem: ich will
die Möglichkeit haben, ihm das selbst zu vergessen. Denn
es tut mir leid, dass ich heute nicht mehr im stand bin,
Judenhass durch einen Liebesdienst, den ich ihm gerne er-
wiesen hätte, zu vergelten. Ich überlasse es Ihrer Einsicht,
ob Sie Kalmus oder Winter meine Gründe (im Wortlaut!) mit-
teilen wollen oder Sie bloss bei dem lassen, was ich der
UE schreibe. Verstehen Sie mich recht: ich bin gerne bereit,
anzunehmen, dass Berg das aus allerdings schwerverzeihlicher
Gedankenlosigkeit getan hat, obwohl es in der Zeit weit-
gehendster Judenverfolgungen kaum glaubwürdig erscheint,
dass einer an das gar nicht denkt, was seine Freunde so viel
[v]
Grund angeben, als den ich in dem beiliegenden Brief an die
U.E. vorschütze. Auch halte ich es für überflüssig, dass
die Oeffentlichkeit etwas davon erfährt, obwohl ich persön-
lich das ruhig auf mich nähme. Aber ich will Berg in keinem,
auch nicht in meinem Kreis schaden und vor Allem: ich will
die Möglichkeit haben, ihm das selbst zu vergessen. Denn
es tut mir leid, dass ich heute nicht mehr im stand bin,
Judenhass durch einen Liebesdienst, den ich ihm gerne er-
wiesen hätte, zu vergelten. Ich überlasse es Ihrer Einsicht,
ob Sie Kalmus oder Winter meine Gründe (im Wortlaut!) mit-
teilen wollen oder Sie bloss bei dem lassen, was ich der
UE schreibe. Verstehen Sie mich recht: ich bin gerne bereit,
anzunehmen, dass Berg das aus allerdings schwerverzeihlicher
Gedankenlosigkeit getan hat, obwohl es in der Zeit weit-
gehendster Judenverfolgungen kaum glaubwürdig erscheint,
dass einer an das gar nicht denkt, was seine Freunde so viel
[v]
denken macht. Aber Gedankenlosigkeit zugegeben: so
er-
scheint mir Mauscheln heute gewiss eher ehrwürdig, als
Symptom von Schufterei, wo ich soviele Ehrwürdige kenne,
die Mauscheln und von sovielen weiss, die durch nichts anderes
als durch ihr Mauscheln der Ehre eines Martertodes würdig
befunden worden waren. Soll ich mich nun daran inspirieren,
zur Instrumentation einer Musik, die eine besondere Art
von Gemeinheit bereits durch den Umstand gekennzeichnet
findet, dass diese Person ein Jude ist, da sie mauschelt?
scheint mir Mauscheln heute gewiss eher ehrwürdig, als
Symptom von Schufterei, wo ich soviele Ehrwürdige kenne,
die Mauscheln und von sovielen weiss, die durch nichts anderes
als durch ihr Mauscheln der Ehre eines Martertodes würdig
befunden worden waren. Soll ich mich nun daran inspirieren,
zur Instrumentation einer Musik, die eine besondere Art
von Gemeinheit bereits durch den Umstand gekennzeichnet
findet, dass diese Person ein Jude ist, da sie mauschelt?
Es tut mir sehr leid, dass durch mich eine Ver-
zögerung der Instrumentation entsteht, aber ich konnte das
nicht vorhersehen. Ich hoffe trotzdem, dass ein Anderer
das noch rechtzeitig wird fertig machen können, insbesondere,
wenn er gute technische Informationen von Ihnen oder Reich
erhält, die für mich nicht rechtzeitig erhältlich gewesen
wären. Aber vielleicht tröstet es alle Beteiligten, wenn
ich sage, dass ich beinahe sicher bin, dass ich diesen
Termin nicht hätte einhalten können und bei aller Opfer-
bereitschaft nicht sicher bin, ob ich [1] Jahr verlieren darf,
heute, wo ich bald zweiundsechzig bin und nur eine beschränk-
te Anzahl von Jahren für meine eigene Arbeit übrig habe.
Aber nochmals: das hat mich nicht zu dieser Ablehnung bewogen.
zögerung der Instrumentation entsteht, aber ich konnte das
nicht vorhersehen. Ich hoffe trotzdem, dass ein Anderer
das noch rechtzeitig wird fertig machen können, insbesondere,
wenn er gute technische Informationen von Ihnen oder Reich
erhält, die für mich nicht rechtzeitig erhältlich gewesen
wären. Aber vielleicht tröstet es alle Beteiligten, wenn
ich sage, dass ich beinahe sicher bin, dass ich diesen
Termin nicht hätte einhalten können und bei aller Opfer-
bereitschaft nicht sicher bin, ob ich [1] Jahr verlieren darf,
heute, wo ich bald zweiundsechzig bin und nur eine beschränk-
te Anzahl von Jahren für meine eigene Arbeit übrig habe.
Aber nochmals: das hat mich nicht zu dieser Ablehnung bewogen.
Nun danke ich Ihnen noch für die lieben Briefe3,
die Sie mir aus diesem Anlass geschrieben haben und bitte
Sie, doch mehr und öfter, solange man noch miteinander kommu-
nizieren kann und von sich selbst zu schreiben, was mich
immer sehr interessiert.
die Sie mir aus diesem Anlass geschrieben haben und bitte
Sie, doch mehr und öfter, solange man noch miteinander kommu-
nizieren kann und von sich selbst zu schreiben, was mich
immer sehr interessiert.
Viele herzliche Grüsse Ihnen[,] Ihrer Frau und
Ihrer Tochter, von meiner Frau und mir. Unsere Nuria ist auch
schon bald vier Jahre alt und sehr, sehr lieb.
Ihr
Ihrer Tochter, von meiner Frau und mir. Unsere Nuria ist auch
schon bald vier Jahre alt und sehr, sehr lieb.
Ihr
Photo liegt bei!
right or wrong. it’s my country
Patriotische Redewendung, die auf den
amerikanischen Marineoffizier Stephen
Decatur zurückgeht.
„Schuftes, weil er Jude ist“
Hier handelt es sich
nicht um ein Zitat aus dem Libretto, sondern Schönberg nimmt Bezug auf einen
antisemitischen Vorfall im Sommer 1911: die
Eskalation eines Nachbarschaftsstreits mit Ing. Philipp Josef van Wouvermans in der
Hietzinger Hauptstraße
113. Anschuldigung Wouvermans, Schönbergs Tochter Gertrude habe seinen Sohn
unsittlich berührt und übe generell einen schlechten Einfluss auf
seine Kinder aus. Der Konflikt kulminierte, als Wouvermans im Haus randalierte,
Schönberg mit
antisemitischen Verbalinjurien attackierte und ihm mit dem Umbringen
drohte. In einem Gedächtnisprotokoll dokumentierte Schönberg wiederholte Dispute: „Hier
schimpfte er nun folgendermaßen: ‚Dieser Schuft, dieser Jude, hat
hinter meinem Rücken (!!) etwas gegen mich unternommen. Ich bringe
ihn um! Er muss sich mir stellen. Dieser moralische Schweinehund.
Ich bin der Herr im Haus! etc‘ […]“ (Arnold Schönberg,
Zum Process Schönberg–W., Beilage zu Arnold Schönberg an Viktor
Rosenfeld, 12. September 1911; ASCC 6328; ÖNB F21.Berg.1321/47
MUS MAG). In Abwesenheit Schönbergs war Alban
Berg in die Kommunikation mit Schönbergs Anwalt Viktor Rosenfeld eingebunden und
damit beauftragt über den Verhandlungsfortgang bei Gericht zu
berichten (Arnold Schönberg an Alban Berg, 16. September 1911; ASCC 189; Alban Berg an Arnold Schönberg, 17. September
1911; ASCC 19707; Alban Berg an Arnold Schönberg, 20. September
1911; ASCC 19711; Alban Berg an Arnold Schönberg, 22. September
1911; ASCC 19712). Berg kam
nach dem sogenannten „Mattsee-Ereignis“ vom Frühsommer
1921, einer antisemitischen Aktion
gegen Schönberg, in
vergleichendem Sinne nochmals auf den „verrückte[n]
Ingenieur“ zu sprechen (Alban Berg an Arnold Schönberg, 28.
Juni 1921; ASCC 20049; Muxeneder 2018, S. 146ff.).
Briefe
Der einzige erhaltene Brief
seit dem Tod Alban Bergs ist
Erwin Stein an Arnold Schönberg, 17.
Jänner 1936.
9. März 1936
Lieber Stein, ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief vom
17.I.36. Ich war solange ohne Nachricht über
Bergs Tod und konnte hier gar
nichts erfahren. Ich glaube doch, dass er umgebracht worden ist durch
falsche Behandlung. Allerdings wer ist schuld? Fast scheint es mir,
dass der erste Arzt recht gehabt hat und die Operationen ihn getötet
haben. Es ist furchbar traurig.
Heute erst erhalte ich von Ass. Music
Publishers die Mitteilung, dass sie mir die
Materiale zu Bergs
Oper senden. Seit Ihrem Brief warte ich
immer nervöser auf diese Sendung, welche ich höchstens eine Woche nach Ihrem Brief hätte
erwarten können und kann nicht verstehen, warum das solange
gedauert hat, da ich weiss, dass Photocopien in wenigen Tagen
fertig sein können und nicht einsehe, warum man alles auf einmal
senden musste und mir nicht wenigstens Teile vorher zur Verfügung
stellen konnte. Ich habe ja gar keine Ahnung von dem Schwierigkeitsgrad
dieser Aufgabe und weiss noch nicht, ob ich sie überhaupt würdig,
Bergs und meiner selbst würdig
lösen kann. Bergs Konzeption ist von der
meinigen grundverschieden. Während ich absolut zu gemeinsamer Wirkung
verbundene Orchesterstimmen erfinde, ist seine Denkungsart doch
entschieden pianistisch. Nun aber hat er es verstanden das in äusserst
wirkungsvoller Weise für Orchester umzusetzen und hat in allen Fällen
den Charakter und die Stimmung ausdrücken können, die er gemeint hat. Das vor Allem, weil sie
ihm bekannt und weil er von ihr dominiert war.
Schauen Sie z. B. Seite 20 der Lulu-Stücke an.
Die Bässe sind die linke Hand eines Klaviersatzes. Oder Seite 38–40,
eine Stelle die übrigens sicher sehr schön und charakteristisch klingen wird
11. März
Als ich hier hielt kam gerade das Paket mit den Materialien. Ich stürzte
mich sofort darüber und konstatierte zunächst, dass noch 3/4 des dritten Aktes
uninstrumentiert sind. Dann sah ich, dass die Partitur oder besser der
Klavierauszug der früheren Akte nicht mitgekommen war, so dass ich
nicht herausfinden hätte können, welche Motive oder Stellen
bereits früher vorkommen und in der Wiederholung genau oder
variiert zu verwenden wären. Ferner sah ich, dass Teile des
Particells fast unentzifferbar sind, was mich mindestens sehr
aufgehalten hätte. Dann sah ich, dass Berg in der Verwendung der Reihen wesentlich anders
vorgeht, als ich: Oktavenverdopplungen etc., so dass die Aufklärung unleserlicher Noten unendlich erschwert wird. Daraufhin wusste ich, dass an eine
Einhaltung dieses Termines auch dann nicht zu denken wäre, wenn
ich meine ganze Arbeitszeit dieser Sache widmen könnte. Aber, wie Sie
begreifen werden, wenn ich schon bereit bin, auf jede
eigene Arbeit während dieser Zeit zu verzichten, so kann ich diese Zeit
nicht aussparen, die für meinen Broterwerb erforderlich ist und für
viele, viele unangenehme, aber unabweisliche Abhaltungen.
Das aber alles sind nicht die Gründe, warum ich die Arbeit nicht machen
kann. Denn ich war von Anfang an
zu jedem Opfer bereit und hätte alles mögliche getan, um zu einem
eventuell nur wenig verschobenen Termin fertig
zu werden.
Sondern, nachdem ich mich zuerst in den Noten ein bischen orientiert
hatte, begann ich das Textbuch zu lesen und fand im 3. Akt, Seite 46
Zeile 13: .. der Saujud. und Zeile 15 .…. immer mehr ins jüdelnd (sic)
verfallend. Im Particell steht, von Bergs Hand, anstatt der zweiten
Bemerkung: (mauschelnd). Die Musik drückt durch die kreischend hohen
Töne das Ueberschlagen Der Stimme und durch tiefe 16-tel das Gemauschel
(symbolisch) aus. Ich verschaffte mir Wedekinds beide Originale, in welchen der
Generaldirektor den Namen Puntschu führt und auch jüdische
Redewendungen gebraucht. Aber die beiden, das Jüdeln respektive
Mauscheln verlangenden Anweisungen kommen nicht vor, sondern sind
Zutaten Bergs, welche ihm leider
bei den Nazis nicht genützt haben. Ob er sichs davon versprochen hatte?
Vielleicht hätte ich in der Vornazizeit das zwar als unangenehm
empfunden, aber, da ja dieser Puntschu bei Wedekind kaum unsympathischer
ist, als seine anderen Heldenfiguren, keine Konsequenzen daraus
gezogen. Aber heute, gleichviel, ob Puntschu sympathisch ist, oder nicht:
right or wrong. it’s my country1. Und man kann wirklich nicht von mir erwarten, dass ich mich
für diese Stelle so begeistere, als nötig ist, um diese Verhöhnung
eines „Schuftes, weil er Jude ist“2 durch meine
Instrumentation zur höchsten Charakteristik zu bringen. Wobei
nicht zu vergessen wäre, dass man auch diesen Schuften auf dem Theater,
so, wie die anderen Schufte, noch weit charakteristischer durch seine spezielle Gemeinheit charakterisiert hätte, als durch sein
Mauscheln, so wie ich ja zögern würde, einen falschen Kerl durch
polnischen Akzent oder einen
MaulHelden durch preussischen
auszudrücken.
Ich glaube Sie sollten Frau Berg keinen
anderen Grund angeben, als den ich in dem beiliegenden Brief an die
U.E. vorschütze. Auch halte ich es für
überflüssig, dass die Oeffentlichkeit etwas davon erfährt, obwohl ich
persönlich das ruhig auf mich nähme. Aber ich will Berg in keinem, auch nicht in meinem
Kreis schaden und vor Allem: ich will die Möglichkeit haben, ihm das
selbst zu vergessen. Denn es tut mir leid, dass ich heute nicht mehr im
stand bin, Judenhass durch einen Liebesdienst, den ich ihm gerne erwiesen hätte, zu vergelten. Ich überlasse es Ihrer Einsicht,
ob Sie Kalmus oder Winter meine Gründe (im Wortlaut!) mitteilen wollen oder Sie bloss bei dem lassen, was ich der
UE schreibe. Verstehen Sie mich recht: ich
bin gerne bereit, anzunehmen, dass Berg das aus allerdings schwerverzeihlicher
Gedankenlosigkeit getan hat, obwohl es in der Zeit weitgehendster Judenverfolgungen kaum glaubwürdig erscheint,
dass einer an das gar nicht denkt, was seine Freunde so viel
denken macht. Aber Gedankenlosigkeit zugegeben: so
erscheint mir Mauscheln heute gewiss eher ehrwürdig, als
Symptom von Schufterei, wo ich soviele Ehrwürdige kenne, die
Mauscheln und von sovielen weiss, die durch nichts anderes als durch
ihr Mauscheln der Ehre eines Martertodes würdig befunden worden waren.
Soll ich mich nun inspirieren, zur
Instrumentation einer Musik, die eine besondere Art von Gemeinheit
bereits durch den Umstand gekennzeichnet findet, dass diese Person ein
Jude ist, da sie mauschelt?
Es tut mir sehr leid, dass durch mich eine Verzögerung der Instrumentation entsteht, aber ich konnte das
nicht vorhersehen. Ich hoffe trotzdem, dass ein Anderer das noch
rechtzeitig wird fertig machen können, insbesondere, wenn er gute
technische Informationen von Ihnen oder Reich
erhält, die für mich nicht rechtzeitig erhältlich gewesen wären.
Aber vielleicht tröstet es alle Beteiligten, wenn ich sage, dass ich
beinahe sicher bin, dass ich diesen Termin nicht hätte einhalten können
und bei aller Opferbereitschaft nicht sicher bin, ob ich 1 Jahr verlieren darf, heute, wo ich bald
zweiundsechzig bin und nur eine beschränkte Anzahl von Jahren für meine eigene Arbeit übrig habe.
Aber nochmals: das hat mich nicht zu dieser Ablehnung bewogen.
Nun danke ich Ihnen noch für die lieben Briefe3, die Sie mir aus diesem Anlass geschrieben haben und bitte
Sie, doch mehr und öfter, solange man noch miteinander kommunizieren kann und von sich selbst zu schreiben, was mich
immer sehr interessiert.
Viele herzliche Grüsse Ihnen, Ihrer Frau und
Ihrer Tochter, von meiner Frau und mir. Unsere Nuria ist auch
schon bald vier Jahre alt und sehr, sehr lieb.
Ihr
Ihrer Tochter, von meiner Frau und mir. Unsere Nuria ist auch
schon bald vier Jahre alt und sehr, sehr lieb.
Ihr
right or wrong. it’s my country
Patriotische Redewendung, die auf den
amerikanischen Marineoffizier Stephen
Decatur zurückgeht.
„Schuftes, weil er Jude ist“
Hier handelt es sich
nicht um ein Zitat aus dem Libretto, sondern Schönberg nimmt Bezug auf einen
antisemitischen Vorfall im Sommer 1911: die
Eskalation eines Nachbarschaftsstreits mit Ing. Philipp Josef van Wouvermans in der
Hietzinger Hauptstraße
113. Anschuldigung Wouvermans, Schönbergs Tochter Gertrude habe seinen Sohn
unsittlich berührt und übe generell einen schlechten Einfluss auf
seine Kinder aus. Der Konflikt kulminierte, als Wouvermans im Haus randalierte,
Schönberg mit
antisemitischen Verbalinjurien attackierte und ihm mit dem Umbringen
drohte. In einem Gedächtnisprotokoll dokumentierte Schönberg wiederholte Dispute: „Hier
schimpfte er nun folgendermaßen: ‚Dieser Schuft, dieser Jude, hat
hinter meinem Rücken (!!) etwas gegen mich unternommen. Ich bringe
ihn um! Er muss sich mir stellen. Dieser moralische Schweinehund.
Ich bin der Herr im Haus! etc‘ […]“ (Arnold Schönberg,
Zum Process Schönberg–W., Beilage zu Arnold Schönberg an Viktor
Rosenfeld, 12. September 1911; ASCC 6328; ÖNB F21.Berg.1321/47
MUS MAG). In Abwesenheit Schönbergs war Alban
Berg in die Kommunikation mit Schönbergs Anwalt Viktor Rosenfeld eingebunden und
damit beauftragt über den Verhandlungsfortgang bei Gericht zu
berichten (Arnold Schönberg an Alban Berg, 16. September 1911; ASCC 189; Alban Berg an Arnold Schönberg, 17. September
1911; ASCC 19707; Alban Berg an Arnold Schönberg, 20. September
1911; ASCC 19711; Alban Berg an Arnold Schönberg, 22. September
1911; ASCC 19712). Berg kam
nach dem sogenannten „Mattsee-Ereignis“ vom Frühsommer
1921, einer antisemitischen Aktion
gegen Schönberg, in
vergleichendem Sinne nochmals auf den „verrückte[n]
Ingenieur“ zu sprechen (Alban Berg an Arnold Schönberg, 28.
Juni 1921; ASCC 20049; Muxeneder 2018, S. 146ff.).
Briefe
Der einzige erhaltene Brief
seit dem Tod Alban Bergs ist
Erwin Stein an Arnold Schönberg, 17.
Jänner 1936.
von 9. März 1936 bis 11. März 1936
Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz Collection
Wien
Archiv
Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz Collection
Brief, Kopie
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an Erwin Stein, 9. bis 11. März 1936, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.6564.