W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Ihr Schreiben1 vom 10. ds. habe ich gestern erhalten
und sofort Hofmeister telegrafisch angewiesen, Ihnen wieder
150 Mark zuzuschicken. Auch wir leben äusserst knapp und müs-
sen auf allen Seiten haushalten, damit man die schwere Zeit
die leider noch recht lange dauern wird, durchhalten kann.
Dass Sie Ostern hier die „Neunte“ von Beethoven
dirigieren2 sollen, erfahre ich erst von Ihnen und zwar mit
freudigstem Erstaunen. Es ist schade dass diejenigen Faktoren
die diese Sache veranstalten, mich nicht in ihren Plan einge-
weiht haben, denn ich hätte vielleicht nützen können und könn-
te es noch immer tun, denn ich habe bei schwierigen Veranstal-
tungen schon manchen Weg geebnet. Wenn die Sache aber auch so
glatt gegangen ist, dann ist es umso besser, jedenfalls freue
ich mich, dass Sie wieder nach Wien kommen, denn meine Absicht,
im März nach Berlin zu kommen, ist wieder vereitelt worden.
Dass Sie zur Musterung kommen, war mir ja bekannt, aber
ich bin nicht so optimistisch wie Sie und glaube, dass Sie nicht
gehalten werden.

Von den Aufführungen Ihres Sextetts3 habe ich mit
Freude gehört. Was Sie mir über die Mitteilungen4 Ihres Schü-
lers Clark aus dem Ruhlebener Gefangenenlager schreiben, habe
ich mit Interesse gelesen und ich bin selbst Ihrer Ansicht,
dass – wenn wir wieder Frieden haben – auf künstlerischem Ge-
biete Manches viel rascher wieder gut wird, als es jetzt den
Anschein hat. Einige Engländer, wie Delius und Ethel Smyth
mit denen ich in regelmässiger wöchentlicher Korrespondenz
stehe, versichern mich und durch mich all die vielen Ihnen
nahestehenden Oesterreicher nach wie vor ihrer herzlichsten
Sympathie und wenn der gegenseitige Hass nicht mehr vonnöten
sein wird, dann wird sich ja sicherlich Vieles sehr rasch ändern.
Bitte lassen Sie mich rechtzeitig vorher wissen, wann
Sie nach Wien kommen, damit ich sicher hier bin und mir auch
Zeit für Sie freihalten kann.
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr in warmer Verehrung ergebener

W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Ihr Schreiben1 vom 10. ds. habe ich gestern erhalten und sofort Hofmeister telegrafisch angewiesen, Ihnen wieder 150 Mark zuzuschicken. Auch wir leben äusserst knapp und müssen auf allen Seiten haushalten, damit man die schwere Zeit die leider noch recht lange dauern wird, durchhalten kann.
Dass Sie Ostern hier die „Neunte“ von Beethoven dirigieren2 sollen, erfahre ich erst von Ihnen und zwar mit freudigstem Erstaunen. Es ist schade dass diejenigen Faktoren die diese Sache veranstalten, mich nicht in ihren Plan eingeweiht haben, denn ich hätte vielleicht nützen können und könnte es noch immer tun, denn ich habe bei schwierigen Veranstaltungen schon manchen Weg geebnet. Wenn die Sache aber auch so glatt gegangen ist, dann ist es umso besser, jedenfalls freue ich mich, dass Sie wieder nach Wien kommen, denn meine Absicht, im März nach Berlin zu kommen, ist wieder vereitelt worden.
Dass Sie zur Musterung kommen, war mir ja bekannt, aber ich bin nicht so optimistisch wie Sie und glaube, dass Sie nicht gehalten werden.
Von den Aufführungen Ihres Sextetts3 habe ich mit Freude gehört. Was Sie mir über die Mitteilungen4 Ihres Schülers Clark aus dem Ruhlebener Gefangenenlager schreiben, habe ich mit Interesse gelesen und ich bin selbst Ihrer Ansicht, dass – wenn wir wieder Frieden haben – auf künstlerischem Gebiete Manches viel rascher wieder gut wird, als es jetzt den Anschein hat. Einige Engländer, wie Delius und Ethel Smyth mit denen ich in regelmässiger wöchentlicher Korrespondenz stehe, versichern mich und durch mich all die vielen Ihnen nahestehenden Oesterreicher nach wie vor ihrer herzlichsten Sympathie und wenn der gegenseitige Hass nicht mehr vonnöten sein wird, dann wird sich ja sicherlich Vieles sehr rasch ändern.
Bitte lassen Sie mich rechtzeitig vorher wissen, wann Sie nach Wien kommen, damit ich sicher hier bin und mir auch Zeit für Sie freihalten kann.
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr in warmer Verehrung ergebener
Emil Hertzka

16. März 1915


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 16. März 1915, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.17573.

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