W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
In sofortiger Beantwortung Ihres Schreibens1 vom 1. ds.
freue ich mich, dass Sie sich schon wieder von den Wiener Stra-
pazen erholt haben und ich bitte Sie überzeugt zu sein, dass
ich weder ungehalten noch beleidigt, geschweige denn bös war,
weil Sie ohne Abschied abgereist sind. Es hat mir nur sehr,
sehr leid getan, dass ich so wenig mit Ihnen zusammen sein
konnte und dass Sie sich vom ersten Moment ab mehr als es
mir für Sie gut schien, gesellschaftlichen Verpflichtungen
hingegeben haben. Ich schätze die Leute mit denen Sie umge-
hen viel zu hoch, als dass ich glauben könnte, dass sie sich
deswegen beleidigt hätten oder bös gewesen wären, wenn Sie die
wenigen Tage vor dem Konzert2 sich ausschliesslich und allein
auf dieses konzentriert hätten. Doch das ist ja nun geschehen
und wenn auch das Ergebnis in Wien nicht allen Wünschen entspro-
chen hat, so glaube ich, dass Sie sich darüber kein graues
Haar wachsen lassen sollen.
Zu Ihrer Musterung werden Sie ja doch hoffentlich
wieder nach Wien kommen. Nach den grossen Siegen der letzten

Tage ist ja Hoffnung vorhanden, dass Sie gar nicht mehr für
die Front in Betracht kommen.
Inmitten der Kriegszeit haben wir gestern eine recht
gelungene Kriegsmusik-Ausstellung3 des Wiener Tonkünstler-Vereins
eröffnet, in der viel interessantes Material gut zusammengestellt
zu sehen ist. Schade, dass Sie das nicht mehr sehen konnten, denn
Sie hätten hier unter den ausgestellten 40 oder 50 Schlachten-
Musiken vom 16. bis zum 20. Jahrhundert Vorstudien für Ihre
42 cm Symphonie4 machen können.
Sollten Sie sich in Berlin stellen, so würde ich
mich freuen, von Ihnen nach Entscheidung recht bald Nachricht
zu erhalten.
Inzwischen verbleibe ich mit herzlichen Grüssen
Ihr in Hochschätzung ergebener
N.S.
Das Monodram ist inzwischen zu Herrn
Kapellmeister Stein gekommen5.
Wir erlauben uns Sie an die 10
Materiale der Kammersymphonie
zu erinnern6.
Rothe

W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
In sofortiger Beantwortung Ihres Schreibens1 vom 1. ds. freue ich mich, dass Sie sich schon wieder von den Wiener Strapazen erholt haben und ich bitte Sie überzeugt zu sein, dass ich weder ungehalten noch beleidigt, geschweige denn bös war, weil Sie ohne Abschied abgereist sind. Es hat mir nur sehr, sehr leid getan, dass ich so wenig mit Ihnen zusammen sein konnte und dass Sie sich vom ersten Moment ab mehr als es mir für Sie gut schien, gesellschaftlichen Verpflichtungen hingegeben haben. Ich schätze die Leute mit denen Sie umgehen viel zu hoch, als dass ich glauben könnte, dass sie sich deswegen beleidigt hätten oder bös gewesen wären, wenn Sie die wenigen Tage vor dem Konzert2 sich ausschliesslich und allein auf dieses konzentriert hätten. Doch das ist ja nun geschehen und wenn auch das Ergebnis in Wien nicht allen Wünschen entsprochen hat, so glaube ich, dass Sie sich darüber kein graues Haar wachsen lassen sollen.
Zu Ihrer Musterung werden Sie ja doch hoffentlich wieder nach Wien kommen. Nach den grossen Siegen der letzten Tage ist ja Hoffnung vorhanden, dass Sie gar nicht mehr für die Front in Betracht kommen.
Inmitten der Kriegszeit haben wir gestern eine recht gelungene Kriegsmusik-Ausstellung3 des Wiener Tonkünstler-Vereins eröffnet, in der viel interessantes Material gut zusammengestellt zu sehen ist. Schade, dass Sie das nicht mehr sehen konnten, denn Sie hätten hier unter den ausgestellten 40 oder 50 Schlachten-Musiken vom 16. bis zum 20. Jahrhundert Vorstudien für Ihre 42 cm Symphonie4 machen können.
Sollten Sie sich in Berlin stellen, so würde ich mich freuen, von Ihnen nach Entscheidung recht bald Nachricht zu erhalten.
Inzwischen verbleibe ich mit herzlichen Grüssen Ihr in Hochschätzung ergebener
Hertzka
N.S.
Das Monodram ist inzwischen zu Herrn Kapellmeister Stein gekommen5.
Wir erlauben uns Sie an die 10 Materiale der Kammersymphonie zu erinnern6.
Rothe

6. Mai 1915


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 6. Mai 1915, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.17574.

Download:
Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen