Universal-Edition an Arnold Schönberg
12. Jänner 1915
UNIVERSAL-EDITION, A.-G.
Jos·Aibl Verlag, G. m. b. H.
LEIPZIG
Seeburgstr. 14–20
WIEN
I·Karlsplatz 6·
Musikvereinsgebäude
Telegramm-Adresse: Musikedition, Wien
Telefon No 3228, 4533·Bank-Konto: k-k·priv·öst·
Länderbank. Wien·Postsparkassen·Konto 57557.
Wien 12. Jänner 1915.
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LEIPZIG
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Wien 12. Jänner 1915.
W
Wohlgeboren
Herrn Arnold Schönberg
Lieber Herr Schönberg!
Ihr liebes Schreiben1 bezüglich Zemlinsky habe ich er-
halten. Die Ansicht2 Z. dass ich die Herausgabe des Quartetts
von einer Aufführung im Tonkünstlerverein „abhängig“ machen
wollte, ist eine irrige. Die Gründe die mich dazu veranlass-
ten, eine Aufführung vor Drucklegung vorzuschlagen, sind klar
und werden Ihnen auch einleuchten. Es handelt sich hauptsäch-
lich um die Korrektheit der Vorlage für den Stich und es ist
eine altbekannte Tatsache, dass Kammermusikwerke, wenn irgend
möglich, aus gespielten Stimmen gestochen werden sollen. So
viel ich weiss, existiert von dem Quartett Zemlinskys nur die
Partitur. Aus dieser Partitur müssten nun die Stimmen heraus-
geschrieben werden und aus diesen herausgeschriebenen Stimmen
müsste gestochen werden. Wenn nun aus diesen Stimmen vorher ge-
spielt wurde, dann ist, abgesehen von der sonstigen gründlichen
Korrektur die ja unter allen Umständen erfolgen muss, ein tadel-
loses Vorlagematerial zu erhalten. Aber auch selbst von diesem
wichtigen Punkte abgesehen, sollte die Drucklegung eines Werkes
nicht früher erfolgen, bevor nicht der Komponist oder möglichst
halten. Die Ansicht2 Z. dass ich die Herausgabe des Quartetts
von einer Aufführung im Tonkünstlerverein „abhängig“ machen
wollte, ist eine irrige. Die Gründe die mich dazu veranlass-
ten, eine Aufführung vor Drucklegung vorzuschlagen, sind klar
und werden Ihnen auch einleuchten. Es handelt sich hauptsäch-
lich um die Korrektheit der Vorlage für den Stich und es ist
eine altbekannte Tatsache, dass Kammermusikwerke, wenn irgend
möglich, aus gespielten Stimmen gestochen werden sollen. So
viel ich weiss, existiert von dem Quartett Zemlinskys nur die
Partitur. Aus dieser Partitur müssten nun die Stimmen heraus-
geschrieben werden und aus diesen herausgeschriebenen Stimmen
müsste gestochen werden. Wenn nun aus diesen Stimmen vorher ge-
spielt wurde, dann ist, abgesehen von der sonstigen gründlichen
Korrektur die ja unter allen Umständen erfolgen muss, ein tadel-
loses Vorlagematerial zu erhalten. Aber auch selbst von diesem
wichtigen Punkte abgesehen, sollte die Drucklegung eines Werkes
nicht früher erfolgen, bevor nicht der Komponist oder möglichst
objektive Musiker, die ihm wohlwollend gegenüberstehen Gele-
genheit haben, das Werk erklingen zu hören. Es gibt auch bei
einem Kammermusikwerk gewiss in Bezug auf Vortragszeichen,
Stricharten, Tempobezeichnungen, Manches, was auf Grund einer
stattgehabten Aufführung gewisse Aenderungen gegenüber dem
Manuskript erfahren könnte und nachdem wir Herrn Z. im Ton-
künstlerverein eine tadellose Manuskriptaufführung verbürgen würden,
so kann doch in dem Wunsche einer solchen Aufführung nicht
etwas für den Komponisten Demütigendes liegen. – Ich erkläre
Ihnen rückhaltlos, dass der Erfolg der Aufführung im Ton-
künstlerverein für die Drucklegung nach gar keiner Richtung
hin massgebend sein soll, noch weniger etwaige Kritiken.
Sollte aber Zemlinsky eine Manuskript-Aufführung in Prag
veranlassen wollen und mir die bei einer derartigen Aufführung
gespielten Stimmen zur Verfügung stellen, dann würde selbstver-
ständlich die Frage der Tonkünstlervereins-Manuskriptaufführung
hinfällig werden.
genheit haben, das Werk erklingen zu hören. Es gibt auch bei
einem Kammermusikwerk gewiss in Bezug auf Vortragszeichen,
Stricharten, Tempobezeichnungen, Manches, was auf Grund einer
stattgehabten Aufführung gewisse Aenderungen gegenüber dem
Manuskript erfahren könnte und nachdem wir Herrn Z. im Ton-
künstlerverein eine tadellose Manuskriptaufführung verbürgen würden,
so kann doch in dem Wunsche einer solchen Aufführung nicht
etwas für den Komponisten Demütigendes liegen. – Ich erkläre
Ihnen rückhaltlos, dass der Erfolg der Aufführung im Ton-
künstlerverein für die Drucklegung nach gar keiner Richtung
hin massgebend sein soll, noch weniger etwaige Kritiken.
Sollte aber Zemlinsky eine Manuskript-Aufführung in Prag
veranlassen wollen und mir die bei einer derartigen Aufführung
gespielten Stimmen zur Verfügung stellen, dann würde selbstver-
ständlich die Frage der Tonkünstlervereins-Manuskriptaufführung
hinfällig werden.
Ich schätze Zemlinsky nach jeder Richtung
hin ausseror-
dentlich und ich will gerne alles was in meinen bescheidenen
Kräften liegt tun, um ihn als Komponisten zu fördern. Diese
Kräfte sind aber derzeit tatsächlich im höchsten Grade bescheiden
und ich muss in diesen schrecklichen Zeiten die allerallerweit-
gehendste Vorsicht üben. – Bei ruhigem Wetter kann man, wenn man
viel Kräfte hat, gegen den Strom schwimmen – bei stürmischem
Wetter aber, in recht entkräftetem Zustande gegen den Strom zu
schwimmen, könnte ein sehr verderbliches Unternehmen werden.
dentlich und ich will gerne alles was in meinen bescheidenen
Kräften liegt tun, um ihn als Komponisten zu fördern. Diese
Kräfte sind aber derzeit tatsächlich im höchsten Grade bescheiden
und ich muss in diesen schrecklichen Zeiten die allerallerweit-
gehendste Vorsicht üben. – Bei ruhigem Wetter kann man, wenn man
viel Kräfte hat, gegen den Strom schwimmen – bei stürmischem
Wetter aber, in recht entkräftetem Zustande gegen den Strom zu
schwimmen, könnte ein sehr verderbliches Unternehmen werden.
Diese Bemerkungen beziehen sich nicht gerade auf den
Fall Zemlinsky, sondern überhaupt auf die Ziele und Pläne der
nächsten Zeit.
Fall Zemlinsky, sondern überhaupt auf die Ziele und Pläne der
nächsten Zeit.
Was nun die Frage eines guten Opernbuches für Zemlinsky
betrifft, so habe ich hier das Buch einer komischen Oper, das
ich Ihnen gleichzeitig unter Kreuzband rekommandiert zugehen
lasse. Wenn Sie glauben, dass das Buch gut ist und sich für
Z. eignet, so bitte ich Sie, ihm dasselbe zuzuschicken und ihn
um seine Ansicht zu fragen. Das Buch ist schon von verschie-
denen Komponisten abgelehnt, von anderen wieder mit ausserordent-
licher Begeisterung beurteilt worden. Die Bedingungen, die die
Librettisten anfänglich gestellt haben, waren aber so horrend,
dass eine Verständigung nicht möglich war; inzwischen dürfte
sich das stark geändert haben.
betrifft, so habe ich hier das Buch einer komischen Oper, das
ich Ihnen gleichzeitig unter Kreuzband rekommandiert zugehen
lasse. Wenn Sie glauben, dass das Buch gut ist und sich für
Z. eignet, so bitte ich Sie, ihm dasselbe zuzuschicken und ihn
um seine Ansicht zu fragen. Das Buch ist schon von verschie-
denen Komponisten abgelehnt, von anderen wieder mit ausserordent-
licher Begeisterung beurteilt worden. Die Bedingungen, die die
Librettisten anfänglich gestellt haben, waren aber so horrend,
dass eine Verständigung nicht möglich war; inzwischen dürfte
sich das stark geändert haben.
Wenn Sie die besondere Güte hätten, meinen Standpunkt
in der Quartett-Sache ebenfalls Herrn Z. mitzuteilen, wäre ich
Ihnen sehr dankbar, denn ich müsste erstens nicht die ganze
Sache neuerdings niederschreiben und zweitens erhalte ich von
Ihnen sicherer eine Aeusserung als von Z., der in der Korrespon-
denz von einer ausserordentlichen Schwerfälligkeit ist.
in der Quartett-Sache ebenfalls Herrn Z. mitzuteilen, wäre ich
Ihnen sehr dankbar, denn ich müsste erstens nicht die ganze
Sache neuerdings niederschreiben und zweitens erhalte ich von
Ihnen sicherer eine Aeusserung als von Z., der in der Korrespon-
denz von einer ausserordentlichen Schwerfälligkeit ist.
Dass Sie Sehnsucht nach Wien haben, fühle
ich schon seit
längerer Zeit. Ich glaube aber nicht, dass Sie gut täten, diese
Empfindungen vorerst erstarken zu lassen. So gerne ich Sie
wieder in Wien hätte, so wenig glaube ich, dass Sie in der
allernächsten Zeit hier irgend welche Aussichten haben würden.
Vielleicht wird in einem Jahre die Lage sich ändern – inzwischen
der schreckliche Krieg vorübergegangen sein usw. Es müsste aber
auch in diesem Jahre von Ihnen etwas Neues geschaffen werden;
vielleicht die Symphonie oder die Oper – oder was immer. Ich
weiss nicht warum, aber ich glaube, das würde doch dazu gehören,
wenn Sie wieder nach Wien zurückkommen.
längerer Zeit. Ich glaube aber nicht, dass Sie gut täten, diese
Empfindungen vorerst erstarken zu lassen. So gerne ich Sie
wieder in Wien hätte, so wenig glaube ich, dass Sie in der
allernächsten Zeit hier irgend welche Aussichten haben würden.
Vielleicht wird in einem Jahre die Lage sich ändern – inzwischen
der schreckliche Krieg vorübergegangen sein usw. Es müsste aber
auch in diesem Jahre von Ihnen etwas Neues geschaffen werden;
vielleicht die Symphonie oder die Oper – oder was immer. Ich
weiss nicht warum, aber ich glaube, das würde doch dazu gehören,
wenn Sie wieder nach Wien zurückkommen.
Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich etwas
zu laut gedacht habe und ich grüsse Sie in herzlicher Verehrung ganz ergebenst
zu laut gedacht habe und ich grüsse Sie in herzlicher Verehrung ganz ergebenst
N. S.
4 Georgelieder-Exemplare folgen.
Das Einpack-Genie wurde gebührend gebeutelt.
Das Einpack-Genie wurde gebührend gebeutelt.
Schreiben
Ansicht
„Mein Quartett will er [Emil
Hertzka] auch drucken, aber erst im Tonkünstlerverein spielen lassen!! Das will
ich nicht. Ich habe noch nicht darauf geantwortet. Was meinst du — ?“
(Alexander Zemlinsky an Arnold Schönberg, 31. Dezember 1914; ASCC
18611). Schönberg riet
Zemlinsky, das Werk wenn, dann
nur vom Quartett Rosé oder Prager Orchestermitgliedern spielen zu
lassen und unterstellte, dass Hertzka nur interessiere, „was für Erfolg es hat.
Muthmaßlich hat er da jemanden in Wien, wahrscheinlich einen Gegner von mir, auf dessen
Rat er hört.“ (Arnold Schönberg an Alexander Zemlinsky, 9. Jänner 1915;
ASCC 439). Die Uraufführung fand erst am 9. April 1918 statt; Partitur Lieferdatum:
20. November 1916, Auflage: 100 (Buchon 2015, Bd. 5,
S. 902).
Symphonie
Vorarbeiten zu einer
großangelegten Symphonie finden sich im
Werkkomplex des trotz jahrzehntelangen Auseinandersetzung Fragment
gebliebenen Oratoriums Die Jakobsleiter.
Die in der Korrespondenz auch verwendete Bezeichnung „42 cm Symphonie“
ist vermutlich eine Anspielung auf den im Ersten Weltkrieg erstmals
eingesetzten 42 Zentimeter-Mörser der Firma Krupp und bezieht sich auf
die große Besetzung der geplanten Symphonie für
Soli, Chor und Orchester (ASGA B 17/2, S. 314). Das
Geschütz war nahezu täglich Teil der Kriegsberichterstattung (z. B. Die Neue Zeitung
1915) und ging auch ins Kriegliedgut ein, etwa in Wilhelm Räderscheidt, Lied von der dicken Berta oder Victor Hollaender, Unsere 42 cm-Brummer.
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Wien 12. Jänner 1915.
Jos·Aibl Verlag, G. m. b. H.
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Seeburgstr. 14–20
WIEN
I·Karlsplatz 6·
Musikvereinsgebäude
Telegramm-Adresse: Musikedition, Wien
Telefon No 3228, 4533·Bank-Konto: k-k·priv·öst·
Länderbank. Wien·Postsparkassen·Konto 57557.
Wien 12. Jänner 1915.
W
Lieber Herr Schönberg!
Ihr liebes Schreiben1 bezüglich Zemlinsky habe ich erhalten. Die Ansicht2
Z. dass ich die Herausgabe des Quartetts
von einer Aufführung im Tonkünstlerverein
„abhängig“ machen wollte, ist eine irrige. Die Gründe die mich dazu
veranlassten, eine Aufführung vor Drucklegung vorzuschlagen, sind klar
und werden Ihnen auch einleuchten. Es handelt sich hauptsächlich um die Korrektheit der Vorlage für den Stich und es ist
eine altbekannte Tatsache, dass Kammermusikwerke, wenn irgend möglich,
aus gespielten Stimmen gestochen werden sollen. So viel ich weiss,
existiert von dem Quartett
Zemlinskys nur die Partitur. Aus
dieser Partitur müssten nun die Stimmen herausgeschrieben werden und aus diesen herausgeschriebenen Stimmen
müsste gestochen werden. Wenn nun aus diesen Stimmen vorher gespielt wurde, dann ist, abgesehen von der sonstigen gründlichen
Korrektur die ja unter allen Umständen erfolgen muss, ein tadelloses Vorlagematerial zu erhalten. Aber auch selbst von diesem
wichtigen Punkte abgesehen, sollte die Drucklegung eines Werkes nicht
früher erfolgen, bevor nicht der Komponist oder möglichst objektive Musiker, die ihm wohlwollend gegenüberstehen Gelegenheit haben, das Werk erklingen zu hören. Es gibt auch bei
einem Kammermusikwerk gewiss in Bezug auf Vortragszeichen,
Stricharten, Tempobezeichnungen, Manches, was auf Grund einer
stattgehabten Aufführung gewisse Aenderungen gegenüber dem Manuskript
erfahren könnte und nachdem wir Herrn Z. im
Tonkünstlerverein
eine tadellose Manuskriptaufführung verbürgen
würden, so kann doch in dem Wunsche einer solchen Aufführung nicht
etwas für den Komponisten Demütigendes liegen. – Ich erkläre Ihnen
rückhaltlos, dass der Erfolg der Aufführung im Tonkünstlerverein für die Drucklegung nach gar keiner
Richtung hin massgebend sein soll, noch weniger etwaige Kritiken.
Sollte aber Zemlinsky eine
Manuskript-Aufführung in Prag
veranlassen wollen und mir die bei einer derartigen Aufführung
gespielten Stimmen zur Verfügung stellen, dann würde selbstverständlich die Frage der Tonkünstlervereins-Manuskriptaufführung hinfällig
werden.
Ich schätze Zemlinsky nach jeder Richtung
hin ausserordentlich und ich will gerne alles was in meinen bescheidenen
Kräften liegt tun, um ihn als Komponisten zu fördern. Diese Kräfte
sind aber derzeit tatsächlich im höchsten Grade bescheiden und ich muss in
diesen schrecklichen Zeiten die allerallerweitgehendste Vorsicht üben. – Bei ruhigem Wetter kann man, wenn man
viel Kräfte hat, gegen den Strom schwimmen – bei stürmischem Wetter
aber, in recht entkräftetem Zustande gegen den Strom zu schwimmen, könnte
ein sehr verderbliches Unternehmen werden.
Diese Bemerkungen beziehen sich nicht gerade auf den Fall Zemlinsky, sondern überhaupt auf die Ziele und
Pläne der nächsten Zeit.
Was nun die Frage eines guten Opernbuches für Zemlinsky
betrifft, so habe ich hier das Buch einer
komischen Oper, das ich Ihnen gleichzeitig unter Kreuzband
rekommandiert zugehen lasse. Wenn Sie glauben, dass das Buch gut ist und
sich für
Z. eignet, so bitte ich Sie, ihm dasselbe
zuzuschicken und ihn um seine Ansicht zu fragen. Das Buch ist schon von
verschiedenen Komponisten abgelehnt, von anderen wieder mit
ausserordentlicher Begeisterung beurteilt worden. Die Bedingungen, die die
Librettisten anfänglich gestellt haben, waren aber so horrend, dass
eine Verständigung nicht möglich war; inzwischen dürfte sich das stark
geändert haben.
Wenn Sie die besondere Güte hätten, meinen Standpunkt in der Quartett-Sache ebenfalls Herrn Z. mitzuteilen, wäre ich Ihnen sehr dankbar,
denn ich müsste erstens nicht die ganze Sache neuerdings niederschreiben
und zweitens erhalte ich von Ihnen sicherer eine Aeusserung als von
Z., der in der Korrespondenz von einer ausserordentlichen Schwerfälligkeit ist.
Von ihrem derzeitigen Schaffen habe ich mit Interesse Kenntnis genommen,
sehe aber aus demselben, dass Sie die Oper doch wieder liegen liessen und
sich der Symphonie3 zuneigen.
Das Notenpapier von Geidel muss jetzt in den
nächsten Tagen bei Ihnen eintreffen; ich will bei Geidel neuerdings urgieren.
Dass Sie Sehnsucht nach Wien haben, fühle
ich schon seit längerer Zeit. Ich glaube aber nicht, dass Sie gut täten,
diese Empfindungen vorerst erstarken zu lassen. So gerne ich Sie
wieder in Wien hätte, so wenig
glaube ich, dass Sie in der allernächsten Zeit hier irgend welche
Aussichten haben würden. Vielleicht wird in einem Jahre die Lage sich
ändern – inzwischen der schreckliche Krieg vorübergegangen sein usw. Es
müsste aber auch in diesem Jahre von Ihnen etwas Neues geschaffen werden;
vielleicht die Symphonie oder die Oper – oder was immer. Ich weiss
nicht warum, aber ich glaube, das würde doch dazu gehören, wenn Sie wieder
nach Wien
zurückkommen.
Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich etwas
zu laut gedacht habe und ich grüsse Sie in herzlicher Verehrung ganz ergebenst
Emil Hertzka
zu laut gedacht habe und ich grüsse Sie in herzlicher Verehrung ganz ergebenst
Emil Hertzka
N. S.
4 Georgelieder-Exemplare folgen. Das
Einpack-Genie wurde gebührend gebeutelt.
Schreiben
Ansicht
„Mein Quartett will er [Emil
Hertzka] auch drucken, aber erst im Tonkünstlerverein spielen lassen!! Das will
ich nicht. Ich habe noch nicht darauf geantwortet. Was meinst du — ?“
(Alexander Zemlinsky an Arnold Schönberg, 31. Dezember 1914; ASCC
18611). Schönberg riet
Zemlinsky, das Werk wenn, dann
nur vom Quartett Rosé oder Prager Orchestermitgliedern spielen zu
lassen und unterstellte, dass Hertzka nur interessiere, „was für Erfolg es hat.
Muthmaßlich hat er da jemanden in Wien, wahrscheinlich einen Gegner von mir, auf dessen
Rat er hört.“ (Arnold Schönberg an Alexander Zemlinsky, 9. Jänner 1915;
ASCC 439). Die Uraufführung fand erst am 9. April 1918 statt; Partitur Lieferdatum:
20. November 1916, Auflage: 100 (Buchon 2015, Bd. 5,
S. 902).
Symphonie
Vorarbeiten zu einer
großangelegten Symphonie finden sich im
Werkkomplex des trotz jahrzehntelangen Auseinandersetzung Fragment
gebliebenen Oratoriums Die Jakobsleiter.
Die in der Korrespondenz auch verwendete Bezeichnung „42 cm Symphonie“
ist vermutlich eine Anspielung auf den im Ersten Weltkrieg erstmals
eingesetzten 42 Zentimeter-Mörser der Firma Krupp und bezieht sich auf
die große Besetzung der geplanten Symphonie für
Soli, Chor und Orchester (ASGA B 17/2, S. 314). Das
Geschütz war nahezu täglich Teil der Kriegsberichterstattung (z. B. Die Neue Zeitung
1915) und ging auch ins Kriegliedgut ein, etwa in Wilhelm Räderscheidt, Lied von der dicken Berta oder Victor Hollaender, Unsere 42 cm-Brummer.
Zitierhinweis:
Universal-Edition an Arnold Schönberg, 12. Jänner 1915, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.20912.