HOTEL REGINA
PARIS
28.VI.1933
Lieber Stein,
1. meine Entlassung1 soll selbstverständlich bekannt-
gegeben werden. Aber, eine Pressekampagne daran zu knüpfen,
hielte ich im Interesse der noch in Deutschland lebenden
Juden für falsch, da die unter jeder solchen Handlung neuer-
dings leiden müssen.
2. Dr Kalmus hat mir zwar von seinen Besprechungen er-
zählt. Aber mir ist ganz unklar, was ich dazu tun soll. Man
weiss, oder ahnt doch wenigstens beiläufig, was ich alles
kann und kann mich direkt unter Zugrundelegung einer Dollar-
summe fragen. Was soll ich da tun? Ich bin bereit hinzukommen,
wenn man mir einen würdigen und genügend bezahlenden Antrag
stellt. Wobei man allerdings berücksichtigen muss, dass ich
von meinem Akademievertrag zurücktreten müsste, wenn ich et-
was anderes annehme. Ein amerikanisches Angebot könnte also
bei etwa 12.000 Dollar beginnen, ohne mir einstweilen mehr
zu bieten, als mir mein noch 2 1/2 Jahre laufender Vertrag
bietet.
Von Casals2 weiss ich noch nichts definitives.
Ebenso von England3, wo sich Clark, der mich vor einigen Tagen
hier aufgesucht hat, relativ kühl zeigt.
An englische Vorträge habe ich selbst gedacht und sie Clark4
auch vorgeschlagen. Er scheint aber nicht dafür zu sein.
Auch ist er nicht zu bewegen, mich einmal etwas anderes, als
eigenes dirigieren zu lassen.
Weder in Frankreich noch sonst irgendwo auf der Welt habe [ich]
ich jemanden, der sich für mich einsetzt. Sie alle sind bloss
Anhänger der modernen Musik und feiern mich, indem sie mich
den Vater der modernen Musik nennen und nur diese aufführen.
Aber Scherchen hat mir gesagt (ich weiss nicht was darauf zu
geben ist) dass Defou (?) vom belgischen Radio sicher gerne
eine Aufführung unter meiner Leitung machen würde.
Uns geht es soweit recht gut, bis auf eine allerdings sehr
schwere Grippe (bei mir heuer die 5-te) die mehrere Wochen
gedauert und nur langsam besser worden ist.
Ich freue mich, dass es Ihnen und den Ihrigen gut geht. Grüs-
sen Sie Ihre Frau. Aber ich weiss nicht, ob sie nach Deutsch-
land
gehen soll. Ist es sicher, dass man sie wieder zurück
lässt?
Viele herzlichste Grüsse, Ihr
28.VI.1933
Lieber Stein,
1. meine Entlassung1 soll selbstverständlich bekanntgegeben werden. Aber, eine Pressekampagne daran zu knüpfen, hielte ich im Interesse der noch in Deutschland lebenden Juden für falsch, da die unter jeder solchen Handlung neuerdings leiden müssen.
2. Dr Kalmus hat mir zwar von seinen Besprechungen erzählt. Aber mir ist ganz unklar, was ich dazu tun soll. Man weiss, oder ahnt doch wenigstens beiläufig, was ich alles kann und kann mich direkt unter Zugrundelegung einer Dollarsumme fragen. Was soll ich da tun? Ich bin bereit hinzukommen, wenn man mir einen würdigen und genügend bezahlenden Antrag stellt. Wobei man allerdings berücksichtigen muss, dass ich von meinem Akademievertrag zurücktreten müsste, wenn ich etwas anderes annehme. Ein amerikanisches Angebot könnte also bei etwa 12.000 Dollar beginnen, ohne mir einstweilen mehr zu bieten, als mir mein noch 2 1/2 Jahre laufender Vertrag bietet.
Von Casals2 weiss ich noch nichts definitives.
Ebenso von England3, wo sich Clark, der mich vor einigen Tagen hier aufgesucht hat, relativ kühl zeigt.
An englische Vorträge habe ich selbst gedacht und sie Clark4 auch vorgeschlagen. Er scheint aber nicht dafür zu sein. Auch ist er nicht zu bewegen, mich einmal etwas anderes, als eigenes dirigieren zu lassen.
Weder in Frankreich noch sonst irgendwo auf der Welt habe ich jemanden, der sich für mich einsetzt. Sie alle sind bloss Anhänger der modernen Musik und feiern mich, indem sie mich den Vater der modernen Musik nennen und nur diese aufführen. Aber Scherchen hat mir gesagt (ich weiss nicht was darauf zu geben ist) dass Defou (?) vom belgischen Radio sicher gerne eine Aufführung unter meiner Leitung machen würde.
Uns geht es soweit recht gut, bis auf eine allerdings sehr schwere Grippe (bei mir heuer die 5-te) die mehrere Wochen gedauert und nur langsam besser worden ist.
Ich freue mich, dass es Ihnen und den Ihrigen gut geht. Grüssen Sie Ihre Frau. Aber ich weiss nicht, ob sie nach Deutschland gehen soll. Ist es sicher, dass man sie wieder zurück lässt?
Viele herzlichste Grüsse, Ihr

28. Juni 1933


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief, Kopie

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Erwin Stein, 28. Juni 1933, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.2372.

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