Lieber Herr Direktor Herzka, dass ich mich mit dem alt[t]en Korn-
gold
in eine Disputation einlassen soll, meinen Sie gewiss nicht
im Ernst. Sowenig als es Sie genieren kann, Schönberg-Schreker-
Verlag genannt zu werden
1, so wenig Sie geneigt sein werden, das
als Beleidigung anzusehen, sowenig Ihnen dran liegen kann (wo Sie
doch soviele Komponisten haben), gerade den nicht zu akzeptieren,
um dessentwi[i]llen man Sie gerne als ausschliesslichen Sch.-Sch.-
verlag bezeichnen möchte, sowenig kann man mir das zumuten, dem
alten Korngold, der bloss wiedereinmal kein „Rabenvater“2 ist, (so
gut er es versteht!) zu verwehren, dass er die Musikgeschichte
so gestaltet, wie sie ihm passt. Sollte ich mir wirklich die
Mühe nehmen, die kleinen Entgleisungen, aus denen sein Aufsatz
besteht, nachzuweisen? Soll ich Ihnen sagen, dass ein kleiner-Korn-
gold
-Vater (kein Rabenvater!) kaum der rechte Mann ist, einem
Schönberg-Schreker-Verlag Vorwürfe zu machen wegen der Propa-
ganda, die dieser für seine Verlagsgegenstände macht? Ja, dass ich
meine, man könnte sogar ein Rabenvater sein und dennoch fordern,
dass ein Verlag seine Autoren propagiere. Oder sicher aber wird
doch der alte Korngold wenigstens kein solcher Rabenvater sein,
dass er dem Schott solche Verlagstätigkeit verbäte! Ich will
es nicht bestimmt behaupten. denn in einer Hinsicht hat der alte
Korngold seine Vaterpflichten entschieden nicht erfüllt. Wenn er
nämlich in der 7. Spalte seines Aufsat[z]es, Zeile 14–18 von
der erlahmten Phantasie etc. einer Kunstperiode spricht, die statt
feuilletonfähiger Artikel nur dreiste Kunstworte produziere.3 Das
heisst doch wirklich dem „eigenen“ Sohn (man kann hier nur mit
Kraus-Zitaten operieren
4) die Zukunft abschneiden; nicht bloss
indem maner ihn selbst in eine solche Zeit hineingesetzt hat (auch
als Geschichtsschreiber) sondern auch indem maner dieser zeit keinen
anderen Wert zuerkennt.
Ich glaube man braucht das beim alten Korngold nicht so genau zu
nehmen. es ist nicht so bös gemeint: sonst wäre ja der „eige-
ne“ Sohn der Meistgeschädigte!
Arnold Schönberg
Lieber Herr Direktor Herzka, dass ich mich mit dem alten Korngold in eine Disputation einlassen soll, meinen Sie gewiss nicht im Ernst. Sowenig als es Sie genieren kann, Schönberg-Schreker-Verlag genannt zu werden1, so wenig Sie geneigt sein werden, das als Beleidigung anzusehen, sowenig Ihnen dran liegen kann (wo Sie doch soviele Komponisten haben), gerade den nicht zu akzeptieren, um dessentwillen man Sie gerne als ausschliesslichen Sch.-Sch.-verlag bezeichnen möchte, sowenig kann man mir zumuten, dem alten Korngold, der bloss wiedereinmal kein „Rabenvater“2 ist, (so gut er es versteht!) zu verwehren, dass er die Musikgeschichte so gestaltet, wie sie ihm passt. Sollte ich mir wirklich die Mühe nehmen, die kleinen Entgleisungen, aus denen sein Aufsatz besteht, nachzuweisen? Soll ich Ihnen sagen, dass ein kleiner-Korngold-Vater (kein Rabenvater!) kaum der rechte Mann ist, einem Schönberg-Schreker-Verlag Vorwürfe zu machen wegen der Propaganda, die dieser für seine Verlagsgegenstände macht? Ja, dass ich meine, man könnte sogar ein Rabenvater sein und dennoch fordern, dass ein Verlag seine Autoren propagiere. Oder sicher aber wird doch der alte Korngold wenigstens kein solcher Rabenvater sein, dass er dem Schott solche Verlagstätigkeit verbäte! Ich will es nicht bestimmt behaupten. denn in einer Hinsicht hat der alte Korngold seine Vaterpflichten entschieden nicht erfüllt. Wenn er nämlich in der 7. Spalte seines Aufsatzes, Zeile 14–18 von der erlahmten Phantasie etc. einer Kunstperiode spricht, die statt feuilletonfähiger Artikel nur dreiste Kunstworte produziere.3 Das heisst doch wirklich dem „eigenen“ Sohn (man kann hier nur mit Kraus-Zitaten operieren4) die Zukunft abschneiden; nicht bloss indem er ihn selbst in eine solche Zeit hineingesetzt hat (auch als Geschichtsschreiber) sondern auch indem er dieser zeit keinen anderen Wert zuerkennt.
Ich glaube man braucht das beim alten Korngold nicht so genau zu nehmen. es ist nicht so bös gemeint: sonst wäre ja der „eigene“ Sohn der Meistgeschädigte!
Arnold Schönberg

nach 30. September 1924


Datierung erschlossen aus Erscheinungsdatum Korngold 1924; Ort erschlossen; vermutlich nicht abgeschickt

The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, nach 30. September 1924, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.577.

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