24. Juni 1921
Lieber Herr Direktor, anbei – fast eine Woche später, als ich
gehofft habe, aber doch mehr als eine Woche früher als ich es
zugesagt habe, der Schluss der Harmonielehre. Ich musste
der Beendigung dieses Werkes einen Zahn opfern. Die
Schmerzen, die mich während der ganzen Arbeitszeit quäl-
ten, nahmen vorige Woche so zu, dass ich nach Salzburg
musste, was 2 Tage in Anspruch nahm. Die nächsten
3 Tage fühlte ich mich nicht wohl. – Im Schlussteil
finden Sie doch noch mehr neugeschriebenes1, als ich
ursprünglich angenommen habe. Auch das erklärt
einen Teil der Verzögerung.
Nun hoffe ich zu komponieren.
Ich erhielt eben die englische Uebersetzungsprobe2.
Aber schon das 3te Wort macht mich sehr besorgt!
Empirical-System ist alles, nur nicht Darstellungs-
System
3? Wie soll das weiter gehen, da mit diesem
Begriff im Buch soviel gearbeitet wird. Ich habe
noch bis jetzt erst eine halbe Seite gelesen, sehe aber
schon, dass man das sehr genau prüfen kann. Zum
Glück ist hier (als Schüler) Herr Cort van der Linden,
ein Holländer, der eigens aus New-York hieher
gekommen ist und seine Frau dort gelassen hat, um
bei mir zu lernen. Den will ich zu Rate ziehen, da
er beide Sprachen sehr gut spricht. Er hat selbst
schon an einer Uebersetzung der Harmonielehre zu

arbeiten angefangen, aber damit aufgehört, als er in New-
York
von Ernst Bloch erfuhr, dass bereits ein Uebersetzer
vorhanden ist. Und zufällig hat er gerade von der Un-
möglichkeit einer Uebersetzung des Wortes Darstellungs-
System vor einer Woche schon gesprochen, worauf ich
ihm erwiderte, man müsse den Begriff wieder-
geben. Aber das sollte ein Uebersetzer eben imstand-
sein. Wenn nichts sich findet, dann giebt es
eben nur den Ausweg, den ja auch wir bei
unübersetzbaren Wörtern anwenden: das Original
Wort in der Originalsprache verwenden.
Wir reden von einem Matsch, Run, Konkours,
Debacle etc, da muss sich eben ein Ameri-
kaner
dazu aufraffen von einem Darstellungs-
System zu reden. (Er kann das Wort ja in einer
Anmerkung erläutern – in wissenschaftlichen
Werken ist das durchaus zulässig!)
Schreiben Sie ihm diesen Wunsch möglichst
wörtlich. Ich werde mich in einigen Tagen
ausführlicher äußern.
Einstweilen herzlichste Grüße Ihr Arnold Schönberg
24. Juni 1921
Lieber Herr Direktor, anbei – fast eine Woche später, als ich gehofft habe, aber doch mehr als eine Woche früher als ich es zugesagt habe, der Schluss der Harmonielehre. Ich musste der Beendigung dieses Werkes einen Zahn opfern. Die Schmerzen, die mich während der ganzen Arbeitszeit quälten, nahmen vorige Woche so zu, dass ich nach Salzburg musste, was 2 Tage in Anspruch nahm. Die nächsten 3 Tage fühlte ich mich nicht wohl. – Im Schlussteil finden Sie doch noch mehr neugeschriebenes1, als ich ursprünglich angenommen habe. Auch das erklärt einen Teil der Verzögerung.
Nun hoffe ich zu komponieren.
Ich erhielt eben die englische Uebersetzungsprobe2. Aber schon das 3te Wort macht mich sehr besorgt! Empirical-System ist alles, nur nicht Darstellungs-System3? Wie soll das weiter gehen, da mit diesem Begriff im Buch soviel gearbeitet wird. Ich habe bis jetzt erst eine halbe Seite gelesen, sehe aber schon, dass man das sehr genau prüfen kann. Zum Glück ist hier (als Schüler) Herr Cort van der Linden, ein Holländer, der eigens aus New-York hieher gekommen ist und seine Frau dort gelassen hat, um bei mir zu lernen. Den will ich zu Rate ziehen, da er beide Sprachen sehr gut spricht. Er hat selbst schon an einer Uebersetzung der Harmonielehre zu arbeiten angefangen, aber damit aufgehört, als er in New- York von Ernst Bloch erfuhr, dass bereits ein Uebersetzer vorhanden ist. Und zufällig hat er gerade von der Unmöglichkeit einer Uebersetzung des Wortes Darstellungs-System vor einer Woche schon gesprochen, worauf ich ihm erwiderte, man müsse den Begriff wiedergeben. Aber das sollte ein Uebersetzer eben imstandsein. Wenn nichts sich findet, dann giebt es eben nur den Ausweg, den ja auch wir bei unübersetzbaren Wörtern anwenden: das Original Wort in der Originalsprache verwenden.
Wir reden von einem Matsch, Run, Konkours, Debacle etc, da muss sich eben ein Amerikaner dazu aufraffen von einem Darstellungs- System zu reden. (Er kann das Wort ja in einer Anmerkung erläutern – in wissenschaftlichen Werken ist das durchaus zulässig!)
Schreiben Sie ihm diesen Wunsch möglichst wörtlich. Ich werde mich in einigen Tagen ausführlicher äußern.
Einstweilen herzlichste Grüße Ihr Arnold Schönberg

24. Juni 1921


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 24. Juni 1921, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.612.

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