Matts[e]e, 8. Juli 1921
Lieber Herr Direktor[.] Herzka, beiliegend ein
Brief des Herr Freyer (koncertgebouw) Uund die Kopie meiner Antwort. Ich
lege Gewicht darauf, dass Sie sich dazu ebenso stellen, und bitte Sie sich
die Antwort über die Frage der Aufführung bloss eines Teiles eventuell zu
kopieren, und wenn Sie es nicht in Ihrem Namen, mit eigen[e]n Worten tun wollen,
in meinem Namen diese Erklärung wörtlich abzugeben. Ich halte diese Ent-
scheidung für richtig und wichtig. Die Gurrelieder wirken nur als Ganzes
so, wie es für die Weiterverbreitung gerade dieses Jugendwerkes nötig
ist: es muss der Siedegrad der Begeisterung jedesmal erreicht werden. Ein
Grad bei einigen Au[u]fführungen weniger, und weitere Aufführungen sind frag-
lich. Es ist eben ein Jugendwerk, und solche sind auch bei Beethoven nicht
vor dem Veralten geschützt. Übrigens aber muss ich Ihnen sagen, dass die
Absicht Mengelbergs nicht auf praktische Erwägungen zurückzuführen ist,
sondern auf die lästige Vorlautheit dieses Dr. Rud. Mengelberg, der, um
die Selbständigkeit seiner Meinungen zu beweisen, entgegen allen Er[e]fahrun-
Geben Sie nun auch nur ein einziges Mal hier nach, so schaffen Sie der
gen bei allen bisherigen Au[u]fführungen, behaupten soll, der zweiten Teil sei
schwächer. Geben Sie hier nun auch nur ein einziges Mal nach, so schaf-
fen Sie der Dummheit des Herrn Rudi zuliebe ein Präjudiz, welches die Auf-
führung des Werkes als Ganzes, wenn nicht verhindert, so doch erschwert.
Ich bin übrigens unbesorgt: wenn Mengelberg das Werk als Ganzes selbst
daraufhin (was ich übrigens nicht für gewiss anschauehalte ) heuer nicht auf-
führt, so wird er es umso bestimmter nächstes Jahr tun. Denn er braucht
meine Werke nicht nur für Holland, sondern insbesondere für Ame-
rika
, wo man sie von ihm verlangt, und vor allem aber auch zu Vervollständigung seines Re-
pertoires als moderner Dirigent: under ist viel zu klug, um sich auf die
Dauer einen so grossen Dirigentenerfolg entgehen zu lassen[.], wie man
ihn nach dem 2. Teil hat.
Zur Frage der Harmonielehre-Übersetzung: Das Urteil des Herrn Cort van
der Linde
, eines Holländers, der hier ist, um bei mir während des Sommers zu
lernen, lautet, der Hauptsache nach, folgendermassen: Die Arbeit ist zwar
nicht sehr feinfühlig, aber immerhin könnte sie vielleicht ganz brauch-
bar werden, wenn man Gelegenheit hätte, mit dem Mann persönlich zu sprechen.
Der grösste Fehler ist eine gewisse Freiheit der Wiedergabe, welche

jedoch nicht aus der Beherrschung der Aufgabe entspringt, sondern aus der
Unzulänglichkeit des Könnens. Daher bleibt er auch hinter der Deutlichkeit
und Ausdruckskraft des Originals immer beträchlich zurück. Ob das, was Herr
Engel1 schreibt ein litterarisch-hochstehendes Englisch, oder bloss das eines
Zeitungsartikels oder am Ende gar nur das eines Mittelschülers ist – das
kann Herr Cort nicht beurteilen.
[...]
DAS IST ABER LEIDER DIE HAUPTSACHE!
Damit steht und fällt das ganze Werk.
Jedenfalls müsste das ganze Probestück erst einmal auf diese Frage
hin geprüft werden.
Ich schlage zu diesem Zweck Herrn Cecil Grey vor und bitte Sie, sich [m]
mit ihm in Verbindung zu setzen. Sollte er dafür nicht zu haben sein,
so könnte ich eventuell durch meinen ehemaligen Schüler Edward Clark,
welcher letzthin mit viel Erfolg die Kammersymphonie aufgeführt2 hat,
einen geeigneten Prüfer erfahren.
Den Tonwillen3 finde ich nicht nur sehr interessant, sondern auch
sehr sympathisch. Den Ausländerhass4 des Dr Schenker teile ich nur aus ei-
nem Grunde nicht: weil ich nicht hassen will. Verachten vielleicht, aber
auch das mit Mass. Mir genügt eigentlich die Nichtliebe; und als Gegen-
massnahme gegen Ausbrüche des Hasses der anderen, soweit ich dagegen nicht
ohnedies immun bin, kann ich mich ganz gut auf das Min[n]imum einer Abwehr in
Parenthese beschränken. An Gemüt und darum auch an Gemütsaufwallungen ka[nn]
ich Ihnen sowenig widmen, dass ich leicht imstande bin, den rein geisi-
gen Zorn zu temperieren, wie es sich für diesen schickt. Immerhin habe ich
mich über vieles sehr gefreut, weil es sich gedeckt hat – zum Teil sogar wört-
lich – mit von mir getanen Aeusserungen! Dinge, die gesagt werden mussten:
was ich auch zum teil bereits getan habe und insbesondere aber, wonach
ich bereits gehandelt habe, als ich z. b. Anträge des Herrn Prünière, des
Chesterian und anderer französischer und englischer Zeitschriften igno-
rierte
5 oder ihnen durch Dritte (Dr. Wellesz) abschlägigen Bescheid sagen
liess. Das ist dann die positive, und heroischere Form der Behandlung der
solcher Angelegenheiten.
Noch eine Kleinigkeit: im Chesterian finde ich eine Anzeige6 (oder wars
im Melos?) der U.E.: ...„...das Schaffen der hervorragendsten zeitgenössi-
schen Komponisten in der U.E.....“ – Gehört da nicht vielleicht au[c]h ein
gewisser Herr Alex. von Zemlinski dazu? Es sollte der HERR, der das bei

Ihnen anfertigt, sich durch gründliche Information bei Sachverständi-
gen, die hiefür nötige Objektivität verschaffen, ehe er es auf sich nimmt Leu-
te vom Rang und von der Bedeutung eines Zemlinski durch Krän-
kung zu reizen. Dabei sehe ich ganz von Dr. Webern ab, den Sie ja wohl
[...]
nicht etwa deshalb drucken weil er nicht einmal so bedeutend ist, wie
Braunfels – den der Waschzettelhersteller aber erwähnt!!!
Ich dürfte Mattsee in der nächsten Zeit verlassen7. Die Gründe dafür
werden Sie ja schon durch die ekelhafte Pressenotiz8 erfahren haben. Ich
bitte Sie – obwohl ich überzeugt bin dass Sie mich gut genug kennen, um
meinen Standpunkt: meine Privatangelegenheiten gehen die Oeffentlichkeit [nich]
nichts an, erraten haben, ohne dass ich es Ihnen sagen muss sich darüber nicht weiter zu äussern. Wahrschein-
lich hat irgend ein Sommerfrischling9 das auf dem Gewissen, dass ich jetzt
unschuldig durch alle Zeitungen des In- und Auslandes10 geschleift werde,
wo ich es so gut verstehe derlei hinzunehmen ohne einen Ton laut werden
zu lassen.
Ich schliesse mit vielen herzlichen Grüssen,
Ihr
Arnold Schönberg
NB: Ich hatte angefangen den „Zusammen-
hang
[“] zu schreiben. Muss aber nun unterbrechen.
Meine nächste Adresse teile ich Ihnen
mit, sobald ich sie weiß.
Vielleicht gehe ich nach Mödling zurück.
Mattsee, 8. Juli 1921
Lieber Herr Direktor Herzka, beiliegend ein Brief des Herr Freyer (koncertgebouw) und die Kopie meiner Antwort. Ich lege Gewicht darauf, dass Sie sich dazu ebenso stellen, und bitte Sie sich die Antwort über die Frage der Aufführung bloss eines Teiles eventuell zu kopieren, und wenn Sie es nicht in Ihrem Namen, mit eigenen Worten tun wollen, in meinem Namen diese Erklärung wörtlich abzugeben. Ich halte diese Entscheidung für richtig und wichtig. Die Gurrelieder wirken nur als Ganzes so, wie es für die Weiterverbreitung gerade dieses Jugendwerkes nötig ist: es muss der Siedegrad der Begeisterung jedesmal erreicht werden. Ein Grad bei einigen Aufführungen weniger, und weitere Aufführungen sind fraglich. Es ist eben ein Jugendwerk, und solche sind auch bei Beethoven nicht vor dem Veralten geschützt. Übrigens aber muss ich Ihnen sagen, dass die Absicht Mengelbergs nicht auf praktische Erwägungen zurückzuführen ist, sondern auf die lästige Vorlautheit dieses Dr. Rud. Mengelberg, der, um die Selbständigkeit seiner Meinungen zu beweisen, entgegen allen Erfahrun gen bei allen bisherigen Aufführungen, behaupten soll, der zweiten Teil sei schwächer. Geben Sie hier nun auch nur ein einziges Mal nach, so schaffen Sie der Dummheit des Herrn Rudi zuliebe ein Präjudiz, welches die Aufführung des Werkes als Ganzes, wenn nicht verhindert, so doch erschwert. Ich bin übrigens unbesorgt: wenn Mengelberg das Werk als Ganzes selbst daraufhin (was ich übrigens nicht für gewiss halte ) heuer nicht aufführt, so wird er es umso bestimmter nächstes Jahr tun. Denn er braucht meine Werke nicht nur für Holland, sondern insbesondere für Amerika, wo man sie von ihm verlangt, vor allem aber zu Vervollständigung seines Repertoires als moderner Dirigent: er ist viel zu klug, um sich auf die Dauer einen so grossen Dirigentenerfolg entgehen zu lassen, wie man ihn nach dem 2. Teil hat.
Zur Frage der Harmonielehre-Übersetzung: Das Urteil des Herrn Cort van der Linde, eines Holländers, der hier ist, um bei mir während des Sommers zu lernen, lautet, der Hauptsache nach, folgendermassen: Die Arbeit ist zwar nicht sehr feinfühlig, aber immerhin könnte sie vielleicht brauchbar werden, wenn man Gelegenheit hätte, mit dem Mann persönlich zu sprechen. Der grösste Fehler ist eine gewisse Freiheit der Wiedergabe, welche jedoch nicht aus der Beherrschung der Aufgabe entspringt, sondern aus der Unzulänglichkeit des Könnens. Daher bleibt er auch hinter der Deutlichkeit und Ausdruckskraft des Originals immer beträchlich zurück. Ob das, was Herr Engel1 schreibt ein litterarisch-hochstehendes Englisch, oder bloss das eines Zeitungsartikels oder am Ende gar nur das eines Mittelschülers ist – das kann Herr Cort nicht beurteilen.
DAS IST ABER LEIDER DIE HAUPTSACHE!
Damit steht und fällt das ganze Werk.
Jedenfalls müsste das Probestück erst einmal auf diese Frage hin geprüft werden.
Ich schlage zu diesem Zweck Herrn Cecil Grey vor und bitte Sie, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Sollte er dafür nicht zu haben sein, so könnte ich eventuell durch meinen ehemaligen Schüler Edward Clark, welcher letzthin mit viel Erfolg die Kammersymphonie aufgeführt2 hat, einen geeigneten Prüfer erfahren.
Den Tonwillen3 finde ich nicht nur sehr interessant, sondern auch sehr sympathisch. Den Ausländerhass4 des Dr Schenker teile ich nur aus einem Grunde nicht: weil ich nicht hassen will. Verachten vielleicht, aber auch das mit Mass. Mir genügt eigentlich die Nichtliebe; und als Gegenmassnahme gegen Ausbrüche des Hasses der anderen, soweit ich dagegen nicht ohnedies immun bin, kann ich mich ganz gut auf das Minimum einer Abwehr in Parenthese beschränken. An Gemüt und darum auch an Gemütsaufwallungen kann ich Ihnen sowenig widmen, dass ich leicht imstande bin, den rein geisigen Zorn zu temperieren, wie es sich für diesen schickt. Immerhin habe ich mich über vieles sehr gefreut, weil es sich gedeckt hat – zum Teil sogar wörtlich – mit von mir getanen Aeusserungen! Dinge, die gesagt werden mussten: was ich auch zum teil bereits getan habe und insbesondere aber, wonach ich bereits gehandelt habe, als ich z. b. Anträge des Herrn Prünière, des Chesterian und anderer französischer und englischer Zeitschriften ignorierte5 oder ihnen durch Dritte (Dr. Wellesz) abschlägigen Bescheid sagen liess. Das ist dann die positive, und heroischere Form der Behandlung solcher Angelegenheiten.
Noch eine Kleinigkeit: im Chesterian finde ich eine Anzeige6 (oder wars im Melos?) der U.E.: ...„...das Schaffen der hervorragendsten zeitgenössischen Komponisten in der U.E.....“ – Gehört da nicht vielleicht auch ein gewisser Herr Alex. von Zemlinski dazu? Es sollte der HERR, der das bei Ihnen anfertigt, sich durch gründliche Information bei Sachverständigen, die hiefür nötige Objektivität verschaffen, ehe er es auf sich nimmt Leute vom Rang und von der Bedeutung eines Zemlinski durch Kränkung zu reizen. Dabei sehe ich ganz von Dr. Webern ab, den Sie ja wohl nicht etwa deshalb drucken weil er nicht einmal so bedeutend ist, wie Braunfels – den der Waschzettelhersteller aber erwähnt!!!
Ich dürfte Mattsee in der nächsten Zeit verlassen7. Die Gründe dafür werden Sie ja schon durch die ekelhafte Pressenotiz8 erfahren haben. Ich bitte Sie – obwohl ich überzeugt bin dass Sie mich gut genug kennen, um meinen Standpunkt: meine Privatangelegenheiten gehen die Oeffentlichkeit nichts an, erraten haben, ohne dass ich es Ihnen sagen muss sich darüber nicht weiter zu äussern. Wahrscheinlich hat irgend ein Sommerfrischling9 das auf dem Gewissen, dass ich jetzt unschuldig durch alle Zeitungen des In- und Auslandes10 geschleift werde, wo ich es so gut verstehe derlei hinzunehmen ohne einen Ton laut werden zu lassen.
Ich schliesse mit vielen herzlichen Grüssen, Ihr Arnold Schönberg
NB: Ich hatte angefangen den „Zusammenhang“ zu schreiben. Muss aber nun unterbrechen. Meine nächste Adresse teile ich Ihnen mit, sobald ich sie weiß. Vielleicht gehe ich nach Mödling zurück.

8. Juli 1921

11. Juli 1921


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 8. Juli 1921, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.616.

Download:
Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen