Arnold Schönberg an Universal-Edition
8. Juli 1921
Matts[e]e, 8. Juli 1921
Lieber Herr Direktor[.]
Herzka, beiliegend ein
Brief des Herr Freyer (koncertgebouw) Uund die Kopie meiner Antwort. Ich
lege Gewicht darauf, dass Sie sich dazu ebenso stellen, und bitte Sie sich
die Antwort über die Frage der Aufführung bloss eines Teiles eventuell zu
kopieren, und wenn Sie es nicht in Ihrem Namen, mit eigen[e]n Worten tun wollen,
in meinem Namen diese Erklärung wörtlich abzugeben. Ich halte diese Ent-
scheidung für richtig und wichtig. Die Gurrelieder wirken nur als Ganzes
so, wie es für die Weiterverbreitung gerade dieses Jugendwerkes nötig
ist: es muss der Siedegrad der Begeisterung jedesmal erreicht werden. Ein
Grad bei einigen Au[u]fführungen weniger, und weitere Aufführungen sind frag-
lich. Es ist eben ein Jugendwerk, und solche sind auch bei Beethoven nicht
vor dem Veralten geschützt. Übrigens aber muss ich Ihnen sagen, dass die
Absicht Mengelbergs nicht auf praktische Erwägungen zurückzuführen ist,
sondern auf die lästige Vorlautheit dieses Dr. Rud. Mengelberg, der, um
die Selbständigkeit seiner Meinungen zu beweisen, entgegen allen Er[e]fahrun-
Geben Sie nun auch nur ein einziges Mal hier nach, so schaffen Sie der
gen bei allen bisherigen Au[u]fführungen, behaupten soll, der zweiten Teil sei
schwächer. Geben Sie hier nun auch nur ein einziges Mal nach, so schaf-
fen Sie der Dummheit des Herrn Rudi zuliebe ein Präjudiz, welches die Auf-
führung des Werkes als Ganzes, wenn nicht verhindert, so doch erschwert.
Ich bin übrigens unbesorgt: wenn Mengelberg das Werk als Ganzes selbst
daraufhin (was ich übrigens nicht für gewiss anschauehalte ) heuer nicht auf-
führt, so wird er es umso bestimmter nächstes Jahr tun. Denn er braucht
meine Werke nicht nur für Holland, sondern insbesondere für Ame-
rika, wo man sie von ihm verlangt, und vor allem aber auch zu Vervollständigung seines Re-
pertoires als moderner Dirigent: under ist viel zu klug, um sich auf die
Dauer einen so grossen Dirigentenerfolg entgehen zu lassen[.], wie man
ihn nach dem 2. Teil hat.
Brief des Herr Freyer (koncertgebouw) Uund die Kopie meiner Antwort. Ich
lege Gewicht darauf, dass Sie sich dazu ebenso stellen, und bitte Sie sich
die Antwort über die Frage der Aufführung bloss eines Teiles eventuell zu
kopieren, und wenn Sie es nicht in Ihrem Namen, mit eigen[e]n Worten tun wollen,
in meinem Namen diese Erklärung wörtlich abzugeben. Ich halte diese Ent-
scheidung für richtig und wichtig. Die Gurrelieder wirken nur als Ganzes
so, wie es für die Weiterverbreitung gerade dieses Jugendwerkes nötig
ist: es muss der Siedegrad der Begeisterung jedesmal erreicht werden. Ein
Grad bei einigen Au[u]fführungen weniger, und weitere Aufführungen sind frag-
lich. Es ist eben ein Jugendwerk, und solche sind auch bei Beethoven nicht
vor dem Veralten geschützt. Übrigens aber muss ich Ihnen sagen, dass die
Absicht Mengelbergs nicht auf praktische Erwägungen zurückzuführen ist,
sondern auf die lästige Vorlautheit dieses Dr. Rud. Mengelberg, der, um
die Selbständigkeit seiner Meinungen zu beweisen, entgegen allen Er[e]fahrun-
Geben Sie nun auch nur ein einziges Mal hier nach, so schaffen Sie der
gen bei allen bisherigen Au[u]fführungen, behaupten soll, der zweiten Teil sei
schwächer. Geben Sie hier nun auch nur ein einziges Mal nach, so schaf-
fen Sie der Dummheit des Herrn Rudi zuliebe ein Präjudiz, welches die Auf-
führung des Werkes als Ganzes, wenn nicht verhindert, so doch erschwert.
Ich bin übrigens unbesorgt: wenn Mengelberg das Werk als Ganzes selbst
daraufhin (was ich übrigens nicht für gewiss anschauehalte ) heuer nicht auf-
führt, so wird er es umso bestimmter nächstes Jahr tun. Denn er braucht
meine Werke nicht nur für Holland, sondern insbesondere für Ame-
rika, wo man sie von ihm verlangt, und vor allem aber auch zu Vervollständigung seines Re-
pertoires als moderner Dirigent: under ist viel zu klug, um sich auf die
Dauer einen so grossen Dirigentenerfolg entgehen zu lassen[.], wie man
ihn nach dem 2. Teil hat.
Zur Frage der Harmonielehre-Übersetzung: Das
Urteil des Herrn Cort van
der Linde, eines Holländers, der hier ist, um bei mir während des Sommers zu
lernen, lautet, der Hauptsache nach, folgendermassen: Die Arbeit ist zwar
nicht sehr feinfühlig, aber immerhin könnte sie vielleicht ganz brauch-
bar werden, wenn man Gelegenheit hätte, mit dem Mann persönlich zu sprechen.
Der grösste Fehler ist eine gewisse Freiheit der Wiedergabe, welche
der Linde, eines Holländers, der hier ist, um bei mir während des Sommers zu
lernen, lautet, der Hauptsache nach, folgendermassen: Die Arbeit ist zwar
nicht sehr feinfühlig, aber immerhin könnte sie vielleicht ganz brauch-
bar werden, wenn man Gelegenheit hätte, mit dem Mann persönlich zu sprechen.
Der grösste Fehler ist eine gewisse Freiheit der Wiedergabe, welche
jedoch nicht aus der Beherrschung der Aufgabe
entspringt, sondern aus der
Unzulänglichkeit des Könnens. Daher bleibt er auch hinter der Deutlichkeit
und Ausdruckskraft des Originals immer beträchlich zurück. Ob das, was Herr
Engel1 schreibt ein litterarisch-hochstehendes Englisch, oder bloss das eines
Zeitungsartikels oder am Ende gar nur das eines Mittelschülers ist – das
kann Herr Cort nicht beurteilen.
Unzulänglichkeit des Könnens. Daher bleibt er auch hinter der Deutlichkeit
und Ausdruckskraft des Originals immer beträchlich zurück. Ob das, was Herr
Engel1 schreibt ein litterarisch-hochstehendes Englisch, oder bloss das eines
Zeitungsartikels oder am Ende gar nur das eines Mittelschülers ist – das
kann Herr Cort nicht beurteilen.
[...]
DAS IST ABER LEIDER DIE HAUPTSACHE!
Damit steht und fällt das ganze Werk.
Jedenfalls müsste das ganze Probestück erst einmal auf
diese Frage
hin geprüft werden.
hin geprüft werden.
Ich schlage zu diesem Zweck Herrn Cecil Grey
vor und bitte Sie, sich [m]
mit ihm in Verbindung zu setzen. Sollte er dafür nicht zu haben sein,
so könnte ich eventuell durch meinen ehemaligen Schüler Edward Clark,
welcher letzthin mit viel Erfolg die Kammersymphonie aufgeführt2 hat,
einen geeigneten Prüfer erfahren.
mit ihm in Verbindung zu setzen. Sollte er dafür nicht zu haben sein,
so könnte ich eventuell durch meinen ehemaligen Schüler Edward Clark,
welcher letzthin mit viel Erfolg die Kammersymphonie aufgeführt2 hat,
einen geeigneten Prüfer erfahren.
Den Tonwillen3 finde ich nicht nur sehr interessant, sondern auch
sehr sympathisch. Den Ausländerhass4 des Dr Schenker teile ich nur aus ei-
nem Grunde nicht: weil ich nicht hassen will. Verachten vielleicht, aber
auch das mit Mass. Mir genügt eigentlich die Nichtliebe; und als Gegen-
massnahme gegen Ausbrüche des Hasses der anderen, soweit ich dagegen nicht
ohnedies immun bin, kann ich mich ganz gut auf das Min[n]imum einer Abwehr in
Parenthese beschränken. An Gemüt und darum auch an Gemütsaufwallungen ka[nn]
ich Ihnen sowenig widmen, dass ich leicht imstande bin, den rein geisi-
gen Zorn zu temperieren, wie es sich für diesen schickt. Immerhin habe ich
mich über vieles sehr gefreut, weil es sich gedeckt hat – zum Teil sogar wört-
lich – mit von mir getanen Aeusserungen! Dinge, die gesagt werden mussten:
was ich auch zum teil bereits getan habe und insbesondere aber, wonach
ich bereits gehandelt habe, als ich z. b. Anträge des Herrn Prünière, des
Chesterian und anderer französischer und englischer Zeitschriften igno-
rierte5 oder ihnen durch Dritte (Dr. Wellesz) abschlägigen Bescheid sagen
liess. Das ist dann die positive, und heroischere Form der Behandlung der
solcher Angelegenheiten.
sehr sympathisch. Den Ausländerhass4 des Dr Schenker teile ich nur aus ei-
nem Grunde nicht: weil ich nicht hassen will. Verachten vielleicht, aber
auch das mit Mass. Mir genügt eigentlich die Nichtliebe; und als Gegen-
massnahme gegen Ausbrüche des Hasses der anderen, soweit ich dagegen nicht
ohnedies immun bin, kann ich mich ganz gut auf das Min[n]imum einer Abwehr in
Parenthese beschränken. An Gemüt und darum auch an Gemütsaufwallungen ka[nn]
ich Ihnen sowenig widmen, dass ich leicht imstande bin, den rein geisi-
gen Zorn zu temperieren, wie es sich für diesen schickt. Immerhin habe ich
mich über vieles sehr gefreut, weil es sich gedeckt hat – zum Teil sogar wört-
lich – mit von mir getanen Aeusserungen! Dinge, die gesagt werden mussten:
was ich auch zum teil bereits getan habe und insbesondere aber, wonach
ich bereits gehandelt habe, als ich z. b. Anträge des Herrn Prünière, des
Chesterian und anderer französischer und englischer Zeitschriften igno-
rierte5 oder ihnen durch Dritte (Dr. Wellesz) abschlägigen Bescheid sagen
liess. Das ist dann die positive, und heroischere Form der Behandlung der
solcher Angelegenheiten.
Noch eine Kleinigkeit: im Chesterian finde ich eine Anzeige6 (oder wars
im Melos?) der U.E.: ...„...das Schaffen der hervorragendsten zeitgenössi-
schen Komponisten in der U.E.....“ – Gehört da nicht vielleicht au[c]h ein
gewisser Herr Alex. von Zemlinski dazu? Es sollte der HERR, der das bei
im Melos?) der U.E.: ...„...das Schaffen der hervorragendsten zeitgenössi-
schen Komponisten in der U.E.....“ – Gehört da nicht vielleicht au[c]h ein
gewisser Herr Alex. von Zemlinski dazu? Es sollte der HERR, der das bei
Ihnen anfertigt, sich durch gründliche Information bei
Sachverständi-
gen, die hiefür nötige Objektivität verschaffen, ehe er es auf sich nimmt Leu-
te vom Rang und von der Bedeutung eines Zemlinski durch Krän-
kung zu reizen. Dabei sehe ich ganz von Dr. Webern ab, den Sie ja wohl
[...]
nicht etwa deshalb drucken weil er nicht einmal so bedeutend ist, wie
Braunfels – den der Waschzettelhersteller aber erwähnt!!!
gen, die hiefür nötige Objektivität verschaffen, ehe er es auf sich nimmt Leu-
te vom Rang und von der Bedeutung eines Zemlinski durch Krän-
kung zu reizen. Dabei sehe ich ganz von Dr. Webern ab, den Sie ja wohl
[...]
nicht etwa deshalb drucken weil er nicht einmal so bedeutend ist, wie
Braunfels – den der Waschzettelhersteller aber erwähnt!!!
Ich dürfte Mattsee in der nächsten Zeit
verlassen7. Die Gründe dafür
werden Sie ja schon durch die ekelhafte Pressenotiz8 erfahren haben. Ich
bitte Sie – obwohl ich überzeugt bin dass Sie mich gut genug kennen, um
meinen Standpunkt: meine Privatangelegenheiten gehen die Oeffentlichkeit [nich]
nichts an, erraten haben, ohne dass ich es Ihnen sagen muss sich darüber nicht weiter zu äussern. Wahrschein-
lich hat irgend ein Sommerfrischling9 das auf dem Gewissen, dass ich jetzt
unschuldig durch alle Zeitungen des In- und Auslandes10 geschleift werde,
wo ich es so gut verstehe derlei hinzunehmen ohne einen Ton laut werden
zu lassen.
werden Sie ja schon durch die ekelhafte Pressenotiz8 erfahren haben. Ich
bitte Sie – obwohl ich überzeugt bin dass Sie mich gut genug kennen, um
meinen Standpunkt: meine Privatangelegenheiten gehen die Oeffentlichkeit [nich]
nichts an, erraten haben, ohne dass ich es Ihnen sagen muss sich darüber nicht weiter zu äussern. Wahrschein-
lich hat irgend ein Sommerfrischling9 das auf dem Gewissen, dass ich jetzt
unschuldig durch alle Zeitungen des In- und Auslandes10 geschleift werde,
wo ich es so gut verstehe derlei hinzunehmen ohne einen Ton laut werden
zu lassen.
Ich schliesse mit vielen herzlichen Grüssen,
Ihr Arnold Schönberg
Ihr Arnold Schönberg
NB: Ich hatte angefangen den „Zusammen-
hang[“] zu schreiben. Muss aber nun unterbrechen.
Meine nächste Adresse teile ich Ihnen
mit, sobald ich sie weiß.
Vielleicht gehe ich nach Mödling zurück.
hang[“] zu schreiben. Muss aber nun unterbrechen.
Meine nächste Adresse teile ich Ihnen
mit, sobald ich sie weiß.
Vielleicht gehe ich nach Mödling zurück.
Engel
Vermutlich handelt es sich hier
um den späteren Präsidenten des Verlags G.
Schirmer, Inc.
Carl Engel, mit dem Schönberg ab 1934 ausgiebig korrespondierte. Engel war seit 1909 für die
Boston Music Company
tätig – jenen Verlag, mit dem die UE eine
schriftliche (und 1924 annullierte) Abmachung
über die Rechte an einer englischen Übersetzung der Harmonielehre getroffen hatte (Universal-Edition an Arnold Schönberg, 11.
Oktober 1933) – und scherzte noch 1943 gegenüber Schönberg: „was hätte der Autor für Geld verdienen
können, wenn er vor fünfundzwanzig Jahren seine Zustimmung zu einer
englischen Übersetzung einer gewissen Harmonielehre gegeben hätte!“ (G. Schirmer, Inc. an Arnold
Schönberg, 18. Oktober 1943; ASCC
15838).
aufgeführt
Tonwillen
Ausländerhass
In seiner Glosse zu Schenkers Aufsatz formuliert Schönberg: „Damit ist also für Schenker das deutsche Genie zuende und
das ist es ja, was die Franzosen und Engländer (zum Teil) auch glauben
machen möchten! Weil Schenker ihnen
sagt, dass die Deutschen nach Brahms
(Wagner u Liszt sind ohnedies ausgeschlossen) kein
Genie mehr hervorgebracht haben, meinen sie, dass die Hegemonie in der
Musik nun auf die Franzosen oder Engländer übergehen werde! Hätte
Schenker nicht solche
Widersprüche zu decken, müsste er nicht so heftig sein. So sympathisch
mir sein Fremdenhass ist – wenn es bei mir auch weniger Hass ist, als
Nicht-Liebe; aber seit langem schon! – geht er doch viel zu weit darin,
ihnen alles abzusprechen. Vieles; das schon; sehr vieles sogar: aber
nicht das, was sie haben, obwohl es für uns wenig [W]ert hat, und sogar
bis zu einem gewissen Grad komisch und verächtlich scheint: Esprit,
Grazie, Leichtigkeit, Eleganz. Die haben sie so sicher und freuen sich
dessen, wie wir uns der gegenteiligen Eigenschaften freuen: Tiefe,
Energie, Festigkeit, Solidität.“ (Schönberg 1921; Exemplar aus dem
Schönberg-Nachlass; P16).
ignorierte
Am 30.
Juni 1920 hatte Henry
Prunières bei Schönberg um die Komposition eines Klavierstückes
gebeten (ASCC
15209). Anlass war die erste Ausgabe der Musikzeitschrift
La Revue musicale, in der
internationale Komponisten im Sinne künstlerischer Völkerverständigung
jeweils ein kurzes Klavierstück zu Ehren Claude Debussys beisteuern
sollten. Schönberg komponierte zwar
das Klavierstück op. 23/1, entschied sich
aber nach der Lektüre eines von ihm als abwertend empfundenen Textes von
Alfredo Casella gegen eine
Veröffentlichung in diesem Publikationszusammenhang (Krämer 2019; undatierter Entwurf
eines offenen Briefes Arnold Schönberg an Henry Prunières, August 1920;
ASCC 6527).
Anzeige
verlassen
Das sogenannte
„Mattsee-Ereignis“ vom Frühsommer 1921 gilt
gemeinhin als zentrale antisemitische Erfahrung Schönbergs und wurde in der Forschung als
Initiale für dessen Fokussierung bzw. Rückbesinnung auf seine jüdische
Identität gedeutet. Schönbergs
Vertreibung aus dem „judenreinen“ Sommerfrischeort fand im In- und
Ausland ein großes Medienecho (Muxeneder 2019, S.
176–254).
ekelhafte Pressenotiz
Vermutlich Neue Freie Presse 1921.
Sommerfrischling
Anonym an Arnold Schönberg, 5.
Juli 1921 (ASCC
18841).
Zeitungen des In- und Auslandes
Pressespiegel (Muxeneder 2019, S.
245–254).
Mattsee, 8. Juli 1921
Lieber Herr Direktor
Herzka, beiliegend ein
Brief des Herr Freyer (koncertgebouw) und die Kopie meiner Antwort. Ich
lege Gewicht darauf, dass Sie sich dazu ebenso stellen, und bitte Sie sich
die Antwort über die Frage der Aufführung bloss eines Teiles eventuell zu kopieren, und wenn Sie es nicht in Ihrem Namen, mit eigenen Worten tun wollen, in meinem Namen diese Erklärung wörtlich abzugeben. Ich halte diese Entscheidung für richtig und wichtig. Die Gurrelieder wirken nur als Ganzes so, wie es für die
Weiterverbreitung gerade dieses Jugendwerkes nötig ist: es muss der Siedegrad der Begeisterung jedesmal erreicht werden. Ein
Grad bei einigen Aufführungen weniger, und weitere Aufführungen sind fraglich. Es ist eben ein Jugendwerk, und solche sind auch bei
Beethoven nicht vor dem Veralten
geschützt. Übrigens aber muss ich Ihnen sagen, dass die Absicht Mengelbergs nicht auf praktische Erwägungen
zurückzuführen ist, sondern auf die lästige Vorlautheit dieses Dr.
Rud. Mengelberg, der, um die
Selbständigkeit seiner Meinungen zu beweisen, entgegen allen Erfahrun
gen bei allen bisherigen Aufführungen, behaupten soll, der zweiten Teil sei schwächer. Geben
Sie hier nun auch nur ein einziges Mal nach, so schaffen Sie der Dummheit des Herrn Rudi zuliebe ein Präjudiz, welches die Aufführung des Werkes als Ganzes, wenn nicht verhindert, so doch
erschwert. Ich bin übrigens unbesorgt: wenn Mengelberg das Werk als Ganzes selbst daraufhin (was ich übrigens nicht für gewiss halte
) heuer nicht aufführt, so wird er es umso bestimmter nächstes Jahr tun. Denn er
braucht meine Werke nicht nur für Holland, sondern insbesondere für Amerika, wo man sie von ihm verlangt,
vor allem aber
zu Vervollständigung seines Repertoires als moderner Dirigent: er ist viel zu klug, um sich auf die Dauer einen so grossen
Dirigentenerfolg entgehen zu lassen, wie man ihn nach dem 2. Teil hat.
Zur Frage der Harmonielehre-Übersetzung: Das
Urteil des Herrn Cort van der Linde,
eines Holländers, der hier ist, um bei mir
während des Sommers zu lernen, lautet, der Hauptsache nach,
folgendermassen: Die Arbeit ist zwar nicht sehr feinfühlig, aber immerhin
könnte sie vielleicht brauchbar werden, wenn man Gelegenheit hätte, mit dem Mann persönlich
zu sprechen. Der grösste Fehler ist eine gewisse Freiheit der Wiedergabe,
welche
jedoch nicht aus der Beherrschung der Aufgabe
entspringt, sondern aus der Unzulänglichkeit des Könnens. Daher bleibt er
auch hinter der Deutlichkeit und Ausdruckskraft des Originals immer
beträchlich zurück. Ob das, was Herr
Engel1 schreibt ein litterarisch-hochstehendes
Englisch, oder bloss das eines Zeitungsartikels oder am Ende gar nur das
eines Mittelschülers ist – das kann Herr
Cort nicht beurteilen.
DAS IST ABER LEIDER DIE HAUPTSACHE!
Damit steht und fällt das ganze Werk.
Jedenfalls müsste das Probestück erst einmal auf
diese Frage hin geprüft werden.
Ich schlage zu diesem Zweck Herrn Cecil Grey
vor und bitte Sie, sich
mit ihm in Verbindung zu setzen. Sollte er dafür nicht zu haben sein,
so könnte ich eventuell durch meinen ehemaligen Schüler Edward Clark, welcher letzthin mit viel
Erfolg die Kammersymphonie
aufgeführt2 hat, einen
geeigneten Prüfer erfahren.
Den Tonwillen3 finde ich nicht nur sehr interessant, sondern auch sehr sympathisch.
Den Ausländerhass4 des Dr Schenker teile ich nur aus
einem Grunde nicht: weil ich nicht hassen will. Verachten
vielleicht, aber auch das mit Mass. Mir genügt eigentlich die Nichtliebe;
und als Gegenmassnahme gegen Ausbrüche des Hasses der anderen, soweit ich
dagegen nicht ohnedies immun bin, kann ich mich ganz gut auf das Minimum einer Abwehr in Parenthese beschränken. An Gemüt und darum
auch an Gemütsaufwallungen kann
ich Ihnen sowenig widmen, dass ich leicht imstande bin, den rein geisigen Zorn zu temperieren, wie es sich für diesen schickt.
Immerhin habe ich mich über vieles sehr gefreut, weil es sich gedeckt hat –
zum Teil sogar wörtlich – mit von mir getanen Aeusserungen! Dinge, die gesagt
werden mussten: was ich auch zum teil bereits getan habe und insbesondere
aber, wonach ich bereits gehandelt habe, als ich z. b. Anträge des Herrn Prünière, des
Chesterian und
anderer französischer und englischer Zeitschriften
ignorierte5 oder ihnen durch Dritte (Dr. Wellesz) abschlägigen Bescheid sagen liess. Das ist dann die
positive, und heroischere Form der Behandlung
solcher Angelegenheiten.
Noch eine Kleinigkeit: im Chesterian finde ich eine Anzeige6 (oder wars im Melos?) der U.E.: ...„...das Schaffen der hervorragendsten zeitgenössischen Komponisten in der U.E.....“ – Gehört da nicht vielleicht auch ein gewisser Herr Alex. von
Zemlinski dazu? Es sollte der HERR, der das bei Ihnen anfertigt, sich durch gründliche Information bei
Sachverständigen, die hiefür nötige Objektivität verschaffen, ehe er es auf
sich nimmt Leute vom Rang und von der Bedeutung eines Zemlinski durch Kränkung zu reizen. Dabei sehe ich ganz von Dr. Webern ab, den Sie ja wohl
nicht etwa deshalb drucken weil er nicht einmal so bedeutend ist, wie
Braunfels – den der Waschzettelhersteller
aber erwähnt!!!
Ich dürfte Mattsee in der nächsten Zeit
verlassen7. Die Gründe dafür werden Sie ja schon durch die ekelhafte Pressenotiz8 erfahren haben. Ich bitte Sie – obwohl ich überzeugt bin dass Sie mich gut genug kennen, um meinen Standpunkt:
meine Privatangelegenheiten gehen die Oeffentlichkeit
nichts an, erraten haben, ohne dass ich es Ihnen sagen muss sich darüber nicht weiter zu äussern. Wahrscheinlich hat irgend ein Sommerfrischling9 das auf dem Gewissen, dass ich jetzt unschuldig durch alle Zeitungen des In- und Auslandes10 geschleift werde, wo ich es so gut verstehe derlei hinzunehmen ohne
einen Ton laut werden zu lassen.
Ich schliesse mit vielen herzlichen Grüssen, Ihr
Arnold Schönberg
NB: Ich hatte angefangen den „Zusammenhang“ zu
schreiben. Muss aber nun unterbrechen. Meine nächste Adresse teile ich Ihnen mit, sobald
ich sie weiß. Vielleicht gehe ich nach Mödling zurück.
Engel
Vermutlich handelt es sich hier
um den späteren Präsidenten des Verlags G.
Schirmer, Inc.
Carl Engel, mit dem Schönberg ab 1934 ausgiebig korrespondierte. Engel war seit 1909 für die
Boston Music Company
tätig – jenen Verlag, mit dem die UE eine
schriftliche (und 1924 annullierte) Abmachung
über die Rechte an einer englischen Übersetzung der Harmonielehre getroffen hatte (Universal-Edition an Arnold Schönberg, 11.
Oktober 1933) – und scherzte noch 1943 gegenüber Schönberg: „was hätte der Autor für Geld verdienen
können, wenn er vor fünfundzwanzig Jahren seine Zustimmung zu einer
englischen Übersetzung einer gewissen Harmonielehre gegeben hätte!“ (G. Schirmer, Inc. an Arnold
Schönberg, 18. Oktober 1943; ASCC
15838).
aufgeführt
Tonwillen
Ausländerhass
In seiner Glosse zu Schenkers Aufsatz formuliert Schönberg: „Damit ist also für Schenker das deutsche Genie zuende und
das ist es ja, was die Franzosen und Engländer (zum Teil) auch glauben
machen möchten! Weil Schenker ihnen
sagt, dass die Deutschen nach Brahms
(Wagner u Liszt sind ohnedies ausgeschlossen) kein
Genie mehr hervorgebracht haben, meinen sie, dass die Hegemonie in der
Musik nun auf die Franzosen oder Engländer übergehen werde! Hätte
Schenker nicht solche
Widersprüche zu decken, müsste er nicht so heftig sein. So sympathisch
mir sein Fremdenhass ist – wenn es bei mir auch weniger Hass ist, als
Nicht-Liebe; aber seit langem schon! – geht er doch viel zu weit darin,
ihnen alles abzusprechen. Vieles; das schon; sehr vieles sogar: aber
nicht das, was sie haben, obwohl es für uns wenig [W]ert hat, und sogar
bis zu einem gewissen Grad komisch und verächtlich scheint: Esprit,
Grazie, Leichtigkeit, Eleganz. Die haben sie so sicher und freuen sich
dessen, wie wir uns der gegenteiligen Eigenschaften freuen: Tiefe,
Energie, Festigkeit, Solidität.“ (Schönberg 1921; Exemplar aus dem
Schönberg-Nachlass; P16).
ignorierte
Am 30.
Juni 1920 hatte Henry
Prunières bei Schönberg um die Komposition eines Klavierstückes
gebeten (ASCC
15209). Anlass war die erste Ausgabe der Musikzeitschrift
La Revue musicale, in der
internationale Komponisten im Sinne künstlerischer Völkerverständigung
jeweils ein kurzes Klavierstück zu Ehren Claude Debussys beisteuern
sollten. Schönberg komponierte zwar
das Klavierstück op. 23/1, entschied sich
aber nach der Lektüre eines von ihm als abwertend empfundenen Textes von
Alfredo Casella gegen eine
Veröffentlichung in diesem Publikationszusammenhang (Krämer 2019; undatierter Entwurf
eines offenen Briefes Arnold Schönberg an Henry Prunières, August 1920;
ASCC 6527).
Anzeige
verlassen
Das sogenannte
„Mattsee-Ereignis“ vom Frühsommer 1921 gilt
gemeinhin als zentrale antisemitische Erfahrung Schönbergs und wurde in der Forschung als
Initiale für dessen Fokussierung bzw. Rückbesinnung auf seine jüdische
Identität gedeutet. Schönbergs
Vertreibung aus dem „judenreinen“ Sommerfrischeort fand im In- und
Ausland ein großes Medienecho (Muxeneder 2019, S.
176–254).
ekelhafte Pressenotiz
Vermutlich Neue Freie Presse 1921.
Sommerfrischling
Anonym an Arnold Schönberg, 5.
Juli 1921 (ASCC
18841).
Zeitungen des In- und Auslandes
Pressespiegel (Muxeneder 2019, S.
245–254).
8. Juli 1921
11. Juli 1921
Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection
Wien
Archiv
Universal Edition Collection
Brief
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an Universal-Edition, 8. Juli 1921, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.616.