Arnold Schönberg an Universal-Edition
3. Februar 1913
3/2. 1913
Lieber Herr Direktor, es ist mir ganz un-
möglich bloß auf die Notenbeispiele1 hin ein
Urteil über den Führer anzugeben. Wer weiß wie-
viel ausgezeichnete Ideen da drinstecken (was ich von Berg )
unbedingt erwarte) die man erst versteht bis der Text da
ist.
möglich bloß auf die Notenbeispiele1 hin ein
Urteil über den Führer anzugeben. Wer weiß wie-
viel ausgezeichnete Ideen da drinstecken (was ich von Berg )
unbedingt erwarte) die man erst versteht bis der Text da
ist.
An sich kommt mir ja das Ganze für einen Führer
etwas lang vor. Man nimmt ja vielleicht einen Führer
um einen kürzeren Weg zu gehen. Aber wenn Spechts
40 Seiten bei der VIII Mahler nicht zu lang sind, dann
gehen auch noch Bergs 80 Seiten. Beides ist wohl zu lang
um während des Concerts gelesen zu werden und
[i]ch wüsste da nur den einen Ausweg, dass man
in das Büchlein recht viele Annoncen aufnimmt,
damit sich die Leute, die sich während des Musicierens
auf angenehme Art die Zeit vertreiben, die sich die Lange-
weile fernhalten wollen, damit diese Leute möglichst
viel Abwechslung und möglichst viel anregenden
Stoff [...] in dem Führer finden, der ihnen
dabei hilft. Denn ich glaube doch, dass es zu an-
etwas lang vor. Man nimmt ja vielleicht einen Führer
um einen kürzeren Weg zu gehen. Aber wenn Spechts
40 Seiten bei der VIII Mahler nicht zu lang sind, dann
gehen auch noch Bergs 80 Seiten. Beides ist wohl zu lang
um während des Concerts gelesen zu werden und
[i]ch wüsste da nur den einen Ausweg, dass man
in das Büchlein recht viele Annoncen aufnimmt,
damit sich die Leute, die sich während des Musicierens
auf angenehme Art die Zeit vertreiben, die sich die Lange-
weile fernhalten wollen, damit diese Leute möglichst
viel Abwechslung und möglichst viel anregenden
Stoff [...] in dem Führer finden, der ihnen
dabei hilft. Denn ich glaube doch, dass es zu an-
strengend
ist 40 Seiten voll Specht-scher Adjektiva
zu lesen, wenn dabei fortwährend durch Mahler -
sche Musik gestört wird. Ich glaube man muss da
die Zusammenhänge zwischen Subjekt und
Objekt verlieren.
zu lesen, wenn dabei fortwährend durch Mahler -
sche Musik gestört wird. Ich glaube man muss da
die Zusammenhänge zwischen Subjekt und
Objekt verlieren.
Aber im Ernst: ich meine, wenn der Führer
40 Seiten lang ist, kann er auch 80 sein. Denn
dann ist er ohnehin nicht mehr fürs Konzert, sondern
fürs Haus. Und das ist wohl auch das Richtige. Die
Leute sollen den Führer im Konzert kaufen, finden
dort Programm, Besetzung und Text, nehmen
ihn dann zu Hause wieder vor und üben nun
ihren Geist im Eindringen a) in die Geheimnisse
des Führers, b) in „solche“ des Werks.
40 Seiten lang ist, kann er auch 80 sein. Denn
dann ist er ohnehin nicht mehr fürs Konzert, sondern
fürs Haus. Und das ist wohl auch das Richtige. Die
Leute sollen den Führer im Konzert kaufen, finden
dort Programm, Besetzung und Text, nehmen
ihn dann zu Hause wieder vor und üben nun
ihren Geist im Eindringen a) in die Geheimnisse
des Führers, b) in „solche“ des Werks.
Immerhin könnte Berg
zu versuchen zu streichen.
Es wird sicher manches entbehrlich sein.
Sicher werden manche Notenbeispiele entfallen können!
Es wird sicher manches entbehrlich sein.
Sicher werden manche Notenbeispiele entfallen können!
Oder doch gekürzt werden!
Vielleicht aber auch nicht. Das kann man nicht
wissen, ohne das Ganze zu kennen. Vielleicht
ist es schade um jedes Wort! Das ist doch immer-
hin auch möglich. Am Besten wäre, Sie hätten
wissen, ohne das Ganze zu kennen. Vielleicht
ist es schade um jedes Wort! Das ist doch immer-
hin auch möglich. Am Besten wäre, Sie hätten
jemanden engagiert, der imstande ist derartige Fragen
zu beantworten. Aber Herr von Wöß wäre doch der richtige
Mann dazu! Tut er das nicht gerne?
zu beantworten. Aber Herr von Wöß wäre doch der richtige
Mann dazu! Tut er das nicht gerne?
Für alle Fälle möchte ich Ihnen nahelegen die
Arbeit Bergs sehr zu beachten. Er ist sehr intelligent
und gewissenhaft und ich habe das Vertrauen zu ihm,
dass er nichts Ueberflüssiges tut.
Arbeit Bergs sehr zu beachten. Er ist sehr intelligent
und gewissenhaft und ich habe das Vertrauen zu ihm,
dass er nichts Ueberflüssiges tut.
Mit herzlichen Grüßen Ihr
Arnold Schönberg
Notenbeispiele
Wegen des knappen Zeitplans zur
Uraufführung
23. Februar 1913, Wien, Musikverein, Großer Musikvereinssaal, Philharmonischer Chor hatte die UE
Alban Berg um Voraussendung der
Notenbeispiele gebeten. Berg
übermittelte am 1. Februar die Beipiele
zum 1. und 2. Teil und avisierte einen Umfang des Gurre-Lieder-Führers von mindestens 80
Seiten (Berg 1994, S.
XVff. Die Fertigstellung der schließlich 100 Seiten umfassenden
Publikation erfolgte rechtzeitig; Lieferdatum: 22. Februar 1913, Auflage: 2000 (Buchon 2015, Bd. 5, S. 75).
bestürmt
Franz Schreker an Arnold Schönberg, Februar 1913
(ASCC 16599).
nahelegen
Arnold Schönberg an Alban
Berg, 3. Februar 1913 (ASCC 317).
3/2. 1913
Lieber Herr Direktor, es ist mir ganz unmöglich bloß auf die Notenbeispiele1 hin ein Urteil über den Führer
anzugeben. Wer weiß wieviel ausgezeichnete Ideen da drinstecken (was ich von Berg
unbedingt erwarte) die man erst versteht bis der Text da ist.
An sich kommt mir ja das Ganze für einen Führer etwas lang vor. Man nimmt ja
vielleicht einen Führer um einen kürzeren Weg zu gehen. Aber wenn Spechts
40 Seiten bei der VIII Mahler nicht zu lang sind, dann gehen auch noch Bergs 80 Seiten. Beides ist wohl zu lang um
während des Concerts gelesen zu werden und
ich wüsste da nur den einen Ausweg, dass man
in das Büchlein recht viele Annoncen aufnimmt, damit die Leute, die sich während des Musicierens
auf angenehme Art die Zeit vertreiben, die sich die Langeweile fernhalten wollen, damit diese Leute möglichst viel
Abwechslung und möglichst viel anregenden Stoff in dem Führer finden, der ihnen dabei hilft. Denn ich glaube doch,
dass es zu anstrengend
ist 40 Seiten voll Specht-scher Adjektiva
zu lesen, wenn dabei fortwährend durch Mahler
sche Musik gestört wird. Ich glaube man muss da die
Zusammenhänge zwischen Subjekt und Objekt verlieren.
Aber im Ernst: ich meine, wenn der Führer 40 Seiten lang ist, kann er auch
80 sein. Denn dann ist er ohnehin nicht mehr fürs Konzert, sondern
fürs Haus. Und das ist wohl auch das Richtige. Die Leute sollen den
Führer im Konzert kaufen, finden dort Programm, Besetzung und Text, nehmen
ihn dann zu Hause wieder vor und üben nun ihren Geist im Eindringen a)
in die Geheimnisse des Führers, b) in „solche“ des Werks.
Immerhin könnte Berg
versuchen zu streichen. Es wird sicher manches
entbehrlich sein. Sicher werden manche Notenbeispiele entfallen können!
Oder doch gekürzt werden!
Vielleicht aber auch nicht. Das kann man nicht wissen, ohne das Ganze zu
kennen. Vielleicht ist es schade um jedes Wort! Das ist doch immerhin auch möglich. Am Besten wäre, Sie hätten jemanden engagiert, der imstande ist derartige Fragen zu
beantworten. Aber Herr von Wöß wäre doch
der richtige Mann dazu! Tut er das nicht gerne?
Für alle Fälle möchte ich Ihnen nahelegen die Arbeit Bergs sehr zu beachten. Er ist sehr intelligent
und gewissenhaft und ich habe das Vertrauen zu ihm, dass er nichts
Ueberflüssiges tut.
Mit herzlichen Grüßen Ihr
Arnold Schönberg
Notenbeispiele
Wegen des knappen Zeitplans zur
Uraufführung
23. Februar 1913, Wien, Musikverein, Großer Musikvereinssaal, Philharmonischer Chor hatte die UE
Alban Berg um Voraussendung der
Notenbeispiele gebeten. Berg
übermittelte am 1. Februar die Beipiele
zum 1. und 2. Teil und avisierte einen Umfang des Gurre-Lieder-Führers von mindestens 80
Seiten (Berg 1994, S.
XVff. Die Fertigstellung der schließlich 100 Seiten umfassenden
Publikation erfolgte rechtzeitig; Lieferdatum: 22. Februar 1913, Auflage: 2000 (Buchon 2015, Bd. 5, S. 75).
bestürmt
Franz Schreker an Arnold Schönberg, Februar 1913
(ASCC 16599).
nahelegen
Arnold Schönberg an Alban
Berg, 3. Februar 1913 (ASCC 317).
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an Universal-Edition, 3. Februar 1913, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.6842.