Entwurf zu einer Musikzeitung, (wenn ich der Herausgeber
sein sollte).
I. Vollständige Trennung von Redaktion und Admini-
stration. Das heißt: Nichts was im Text steht darf
irgendwie beeinflußt werden von Ueberlegungen admini-
strativer Vorteile.
II. Ueber Annahme und Ablehnung von Beiträgen im
redaktionellen Teil entscheide ich ganz allein!
III. Die Zeitung erscheint entweder monatlich einmal
in größerem Umfang 36–48 Seiten, oder zweimal
zu 24–36 Seiten.
IV. Die Zeitung hält sich in keiner Weise ans
Aktuelle. Sie bringt weder sofortige Konzert, Theater
oder Novitätenberichte, noch ist sie gezwungen
zu sonstigen Tages Ereignissen Stellung zu
nehmen. Entscheidend ist nicht die Aktualität
des Stoffes, sondern die Art wie er be-
handelt ist. In diesem Sinne geschieht die
Besprechung von Novitäten
  • a) vor allem nach den Noten auch ohne dass eine Auf-
    führung den
    Anlass gibt
  • b) anlässlich einer Aufführung auch
    da nur wenn das Noten Material
    dem Referenten vorgelegen ist. Jedenfalls
    aber nicht sofort nach der Aufführung, sondern
    in einem für die Verdauung angemessenen

  • Abstand.
  • c) Im Allgemeinen sollen nur jene
    Werke besprochen werden für die der Autor
    sich einsetzt. Nur wo es sich um Wahrung
    höherer Kunstinteressen handelt, soll
    gelegentlich Stellung genommen werden.
  • d) Der wichtigste Anlass aber für
    die Annahme einer Besprechung soll
    sein
    • 1) Wenn einem talentierten Schrift-
      steller ein guter Artikel darüber ge-
      lungen ist.
    • 2.) Wenn es die Notwendigkeit er-
      fordert einem Talent fördernd beizuspringen.
V. Für die Besprechung von Aufführungen, Beur-
teilung von Ausüben, Sängern, Virtuosen[,] Dirigenten
gelten im Allgemeinen die unter IV d
genannten Grundsätze. Jedenfalls aber
sollen Ausübende und Aufführungen in gesondertem Zusammen-
hang besprochen werden, nicht aber anschließend
an die jeweilige Aufführung. Es soll dadurch
jenes stereotype gezwungene phrasenhafte Lobhudeln
oder der ungereifte Tadel vermieden werden.
Dagegen könnten in einzelnen größeren Essays
jene wichtigen Personen oder Institute be-
handelt werden, die einem Autor dringend
genug erscheinen. Etwa: Jährlich ein Aufsatz

über die Hofoper, oder die Volksoper, den Konzert-
Verein
etc. Oder über die Gutheil, über Rose, etc.
gelegentlich einmal.
VI. Wenn es die Sache erfordert, darf die
Redaktion keinesfalls behindert werden in der
Verwendung von Notenbeispielen.
VII. Dagegen wird von allen jenen andern
Beiträgen (Bilder, Kompositionen etc) ganz abge-
sehen und nur in dringenden Fällen etwa einmal
um auf ein bedeutendes Talent hinzuweisen eine
Probe gebracht.
VIII. Was die äußere Ausstattung anbelangt,
so ist von allem jenem bloß dem „Pflanz“ die-
nenden Zierrat abzusehen und äußerste Schlicht-
heit in jeder Beziehung anzustreben.
IX. Als Mitarbeiter gedenke ich gelegent-
lich aufzufordern:
Andere Mitarbeiter werden nicht auf-
gefordert. Mit der Aufforderung zum Beitrag
ist nicht die Verpflichtung zum Abdruck ausge-
sprochen.
X. Ich selbst gedenke für diese Zeit-
schrift folgende Beiträge zu liefern:

  • 1. Eine Instrumentationslehre (auf neuen
    Prinzipien aufgebaut) die in cirka 20 Fort-
    setzungen erscheinen könnte.
  • 2. Grundlagen für eine moderne Kom-
    positionslehre (wenn die vorige Serie
    fertig ist, ebenfalls in Fortsetzungen)
  • 3. Über den Wert der Ordnung
  • Vorstudie für
    4. Über die Form
  • 5. Musik und Komik
    • 1) Komische Oper
    • 2) Operette
  • 6. Gelegentlich: Polemisches, Aphorismen,
    Dichtungen.
X. Im Allgemeinen werde ich bestrebt sein
jede Nummer so einzurichten, dass wenigstens
der vierte Theil der Beiträge von mir geschrieben
ist.
XI. Diese Zeitung soll nicht objektiv sein,
denn das giebts nicht in der Kunst, und wers
behauptet quatscht, sondern subjektiv.
Sie soll also nicht gerecht sein und allen
gefallen wollen, sondern, sie soll so
sein, dass sie den Besten als Vorbild
dienen kann. Sie soll das künstlerische

Gewissen unserer Zeit sein. Sie wird
sich auch mit Standesfragen befassen dürfen,
wenn die betreffenden Aufsätze standesge-
mäß
geschrieben sind und entsprechende Ein-
fälle aufweisen.
Am Anfang stehe der Einfall, der
Karakter und der Mut!!
Lieber Herr Direktor
Bitte teilen Sie mir bald mit, ob
Sie das machen wollen, denn ich bin
augenblicklich sehr begeistert dafür!
Entwurf zu einer Musikzeitung, (wenn ich der Herausgeber sein sollte).
I. Vollständige Trennung von Redaktion und Administration. Das heißt: Nichts was im Text steht darf irgendwie beeinflußt werden von Ueberlegungen administrativer Vorteile.
II. Ueber Annahme und Ablehnung von Beiträgen im redaktionellen Teil entscheide ich ganz allein!
III. Die Zeitung erscheint entweder monatlich einmal in größerem Umfang 36–48 Seiten, oder zweimal zu 24–36 Seiten.
IV. Die Zeitung hält sich in keiner Weise ans Aktuelle. Sie bringt weder sofortige Konzert, Theater oder Novitätenberichte, noch ist sie gezwungen zu sonstigen Tages Ereignissen Stellung zu nehmen. Entscheidend ist nicht die Aktualität des Stoffes, sondern die Art wie er behandelt ist. In diesem Sinne geschieht die Besprechung von Novitäten
  • a) vor allem nach den Noten auch ohne dass eine Aufführung den Anlass gibt
  • b) anlässlich einer Aufführung auch da nur wenn das Noten Material dem Referenten vorgelegen ist. Jedenfalls aber nicht sofort nach der Aufführung, sondern in einem für die Verdauung angemessenen Abstand.
  • c) Im Allgemeinen sollen nur jene Werke besprochen werden für die der Autor sich einsetzt. Nur wo es sich um Wahrung höherer Kunstinteressen handelt, soll gelegentlich Stellung genommen werden.
  • d) Der wichtigste Anlass aber für die Annahme einer Besprechung soll sein
    • 1) Wenn einem talentierten Schriftsteller ein guter Artikel darüber gelungen ist.
    • 2.) Wenn es die Notwendigkeit erfordert einem Talent fördernd[?] beizuspringen.
V. Für die Besprechung von Aufführungen, Beurteilung von Ausüben, Sängern, Virtuosen, Dirigenten gelten im Allgemeinen die unter IV d genannten Grundsätze. Jedenfalls aber sollen Ausübende und Aufführungen in gesondertem Zusammenhang besprochen werden, nicht aber anschließend an die jeweilige Aufführung. Es soll dadurch jenes stereotype gezwungene phrasenhafte Lobhudeln oder der ungereifte Tadel vermieden werden. Dagegen könnten in einzelnen größeren Essays jene Personen oder Institute behandelt werden, die einem Autor dringend genug erscheinen. Etwa: Jährlich ein Aufsatz über die Hofoper, oder die Volksoper, den Konzert-Verein etc. Oder über die Gutheil, über Rose, etc. gelegentlich einmal.
VI. Wenn es die Sache erfordert, darf die Redaktion keinesfalls behindert werden in der Verwendung von Notenbeispielen.
VII. Dagegen wird von allen jenen andern Beiträgen (Bilder, Kompositionen etc) ganz abgesehen und nur in dringenden Fällen etwa einmal um auf ein bedeutendes Talent hinzuweisen eine Probe gebracht.
VIII. Was die äußere Ausstattung anbelangt, so ist von allem jenem bloß dem „Pflanz“ dienenden Zierrat abzusehen und äußerste Schlichtheit in jeder Beziehung anzustreben.
IX. Als Mitarbeiter gedenke ich gelegentlich aufzufordern:
Andere Mitarbeiter werden nicht aufgefordert. Mit der Aufforderung zum Beitrag ist nicht die Verpflichtung zum Abdruck ausgesprochen.
X. Ich selbst gedenke für diese Zeitschrift folgende Beiträge zu liefern:
  • 1. Eine Instrumentationslehre (auf neuen Prinzipien aufgebaut) die in cirka 20 Fortsetzungen erscheinen könnte.
  • 2. Grundlagen für eine moderne Kompositionslehre (wenn die vorige Serie fertig ist, ebenfalls in Fortsetzungen)
  • 3. Über den Wert der Ordnung
  • Vorstudie für 4. Über die Form
  • 5. Musik und Komik
    • 1) Komische Oper
    • 2) Operette
  • 6. Gelegentlich: Polemisches, Aphorismen, Dichtungen.
X. Im Allgemeinen werde ich bestrebt sein jede Nummer so einzurichten, dass wenigstens der vierte Theil der Beiträge von mir geschrieben ist.
XI. Diese Zeitung soll nicht objektiv sein, denn das giebts nicht in der Kunst, und wers behauptet quatscht, sondern subjektiv. Sie soll also nicht gerecht sein und allen gefallen wollen, sondern, sie soll so sein, dass sie den Besten als Vorbild dienen kann. Sie soll das künstlerische Gewissen unserer Zeit sein. Sie wird sich auch mit Standesfragen befassen dürfen, wenn die betreffenden Aufsätze standesgemäß geschrieben sind und entsprechende Einfälle aufweisen.
Am Anfang stehe der Einfall, der Karakter und der Mut!!
Lieber Herr Direktor Bitte teilen Sie mir bald mit, ob Sie das machen wollen, denn ich bin augenblicklich sehr begeistert dafür!

1911 (unsicher)


= Entwurf einer Musikzeitung; Datierung laut ASCC

Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection

Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 1911, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.6928.

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