bei Zimmermeister Widl
Lieber Herr Direktor, ich danke Ihnen sehr dafür, dass Sie dem
Herrn Polnauer das Honorar erhöht haben. Das ist sehr nett von Ihnen
und hat mich sehr gefreut.
Was meinen offenbar ungerechten Vorwurf1 gegen Herrn von Wöss an-
belangt, so tut es mir sehr leid und ich bin nachdem was Sie mir
schreiben2 überzeugt, dass nur die allgemeine Aufgeregtheit in der ich
mich wegen einer Verfolgung befinde, mich auch da eine Verfolgung
v[er]muten ließ, wo wirklich keine vorliegt.
Ich hoffe nun, dass das Werk bald heraus kommt. Meine Besorgnis ist,
wie Sie wohl zugeben werden begründet. Denn ich lieferte am 2. August den
Schluss ab, hatte das Versprechen von der Stecherei erhalten, dass allesdie Klischees in 8 Tagen
fertig sein werden, wusste von der Druckerei, dass ich cirka am 20. die 3. Korrektur
erhalten müsste und erfahre am 24. August, dass so in 22 Tagen
sich nicht die Möglichkeit gefunden hat die 65 Seiten Notenbeispiele
durchzulesen, was höchstens 8 Stunden Zeit braucht. Sie werden begreifen,
dass mir das sehr unangenehm ist; aber mehr noch, dass es mich schädigt,
weil ich mir vom rechtzeitigen Erscheinen des Werkes eine Besserung für meinen
[Schü]lerzulauf erwartet hatte. – Ich dürfte also bös sein und habe nur
den Fehler begangen, dass ich meine Vorwürfe an die unrichtige Adresse gerichtet
hatte.
Aber bitte, wollen Sie mir nun sagen: an welche Adresse soll
ich sie nun richten!?
Was die Frage anbelangt, ob eine eventuelle
Chorunterstützung3 die ich mache in die Partitur aufgenommen
wird oder nicht, so befinden Sie sich in einem Irrtum.
Denn diese Begleitung wird keinesfalls in die Par-

titur aufgenommen. Es würde zu weit führen, wenn
ich Ihnen die stilistischen Unterschiede auseinandersetzen
wollte, die zwischen einem „auskomponierten, miterfundenen“
Orchester und einer dazugemachten Begleitung sind. Sie müssen
sich eben da auf mich verlassen, der ich Ihnen zur Veröffent-
lichung eine Chor-Partitur à capella übergeben habe. Diese
Begleitung gehört schon deswegen nicht in die Partitur, weil
sie durchaus nur Verdopplung der Chorstimmen (also das, was
wir Musiker „unobligat[“] nennen) ist, der Dirigent diese
Partitur, deren sämtliche Noten in der Chorpartitur
ohnedies drinstehen!!! also gar nicht braucht!!!!!
Wenn ich etwas dazugeben wollte, so könnte es höchstens
ein „Chor-Auszug für Clavier“ sein, wie ihn Dr Webern
von diesem Stück für Schalk4 gemacht hat. Wollen Sie diesen
mit dieser Bezeichnung dazu stechen lassen, so verlangen Sie
ihn von Schreker, der ihn augenblicklich hat5. Ein solcher
Auszug dient in den Proben für den Klavierspieler, der ge-
wöhnlich leider nicht Partitur spielen kann. Wenigstens w[ar]
es bei Schalk („wie der Herr so der Diener“) so.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie fragen, ob
Sie nicht lieber, statt die Quartett-Partitur zu stechen,
(was wirklich kein Bedürfnis ist!) einen Klavierauszug6 vom
Quartett machen lassen wollten. Ein solcher wäre wenigstens
für die beiden letzten (Gesangs-) Sätze nötig um mit der

Sängerin korrepetieren zu können! Andernfalls aber wäre
ein 4 händiger Auszug vom Ganzen besser als ein 2 händiger.
Vielleicht geht der Ausweg, dass Sie die beiden letzten
Sätze als II. u IV. Satz aus .... für Gesang u Clav. erscheinen
ließen, ähnlich wie einzelne Sätze aus Mahlers Sinfonien zum
gleichen Zweck gedruckt wurden. Ich lege nicht viel Gewicht
darauf dass das gestochen wird. Man könnte es immerhin
ebenso autografieren, wie das übrige Material. Aber
[es] ist die Frage, ob es für den Verkauf nicht günstiger ist
zu stechen. Das überlasse ich ganz Ihrer Entscheidung, denn
die Autografie genügt für den Hauptzweck!
Bitte um Antwort!
Jedenfalls: wenn die Partitur des Quartetts neu gedruckt7 wird
muss ich vorher eine Unmenge Druckfehler korrigieren,
die ich beim Stimmenlesen gefunden habe.
Ebenso, wenn die Klavierstücke erscheinenwieder gedruckt werden
sollten!!
Bitte das ja nicht zu übersehen. Beides ist mir
sehr wichtig.
Vielleicht können Sie es gleich vormerken lassen!!
Wann ich nach Wien zurück komme ist vorläufig ganz
unbestimmt. Es ist überhaupt sehr fraglich ob ich zurückkomme
(bitte: Diskretion!!) denn ich trage mich mit der Absicht meinen
langegehegten Plan durchzuführen und nach Berlin zu über-

siedeln. Natürlich muss ich noch die Möglichkeit dafür schaffen,
dass es mir in Berlin besser geht als in Wien. Ich habe einige
Pläne und habe schon einiges unternommen um das durchzu-
setzen. Hoffentlich gelingt es mir. Wissen Sie mir da einen
Rat? Ich meine einen Rat, der mir hilft, das durchzuführen, denn
nach Wien zurückzukommen, sollte mir kein Mensch raten, der
mirs gut meint. Von Wien habe ich gerade genug!!
[...]
Nun also: viele herzliche Grüße. Kommen
Sie nicht doch nach München. Ich bin doch bis cirka
15! wenigstens hier! Ihr Arnold Schönberg
bei Zimmermeister Widl
Lieber Herr Direktor, ich danke Ihnen sehr dafür, dass Sie dem Herrn Polnauer das Honorar erhöht haben. Das ist sehr nett von Ihnen und hat mich sehr gefreut.
Was meinen offenbar ungerechten Vorwurf1 gegen Herrn von Wöss anbelangt, so tut es mir sehr leid und ich bin nachdem was Sie mir schreiben2 überzeugt, dass nur die allgemeine Aufgeregtheit in der ich mich wegen einer Verfolgung befinde, mich auch da eine Verfolgung vermuten ließ, wo wirklich keine vorliegt.
Ich hoffe nun, dass das Werk bald heraus kommt. Meine Besorgnis ist, wie Sie wohl zugeben werden begründet. Denn ich lieferte am 2. August den Schluss ab, hatte das Versprechen von der Stecherei erhalten, dass die Klischees in 8 Tagen fertig sein werden, wusste von der Druckerei, dass ich cirka am 20. die 3. Korrektur erhalten müsste und erfahre am 24. August, dass in 22 Tagen sich nicht die Möglichkeit gefunden hat die 65 Seiten Notenbeispiele durchzulesen, was höchstens 8 Stunden Zeit braucht. Sie werden begreifen, dass mir das sehr unangenehm ist; aber mehr noch, dass es mich schädigt, weil ich mir vom rechtzeitigen Erscheinen des Werkes eine Besserung für meinen Schülerzulauf erwartet hatte. – Ich dürfte also bös sein und habe nur den Fehler begangen, dass ich meine Vorwürfe an die unrichtige Adresse gerichtet hatte.
Aber bitte, wollen Sie mir nun sagen: an welche Adresse soll ich sie nun richten!?
Was die Frage anbelangt, ob eine eventuelle Chorunterstützung3 die ich mache in die Partitur aufgenommen wird oder nicht, so befinden Sie sich in einem Irrtum. Denn diese Begleitung wird keinesfalls in die Partitur aufgenommen. Es würde zu weit führen, wenn ich Ihnen die stilistischen Unterschiede auseinandersetzen wollte, die zwischen einem „auskomponierten, miterfundenen“ Orchester und einer dazugemachten Begleitung sind. Sie müssen sich eben da auf mich verlassen, der ich Ihnen zur Veröffentlichung eine Chor-Partitur à capella übergeben habe. Diese Begleitung gehört schon deswegen nicht in die Partitur, weil sie durchaus nur Verdopplung der Chorstimmen (also das, was wir Musiker „unobligat“ nennen) ist, der Dirigent diese Partitur, deren sämtliche Noten in der Chorpartitur ohnedies drinstehen!!! also gar nicht braucht!!!!!
Wenn ich etwas dazugeben wollte, so könnte es höchstens ein „Chor-Auszug für Clavier“ sein, wie ihn Dr Webern von diesem Stück für Schalk4 gemacht hat. Wollen Sie diesen mit dieser Bezeichnung dazu stechen lassen, so verlangen Sie ihn von Schreker, der ihn augenblicklich hat5. Ein solcher Auszug dient in den Proben für den Klavierspieler, der gewöhnlich leider nicht Partitur spielen kann. Wenigstens war es bei Schalk („wie der Herr so der Diener“) so.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie fragen, ob Sie nicht lieber, statt die Quartett-Partitur zu stechen, (was wirklich kein Bedürfnis ist!) einen Klavierauszug6 vom Quartett machen lassen wollten. Ein solcher wäre wenigstens für die beiden letzten (Gesangs-) Sätze nötig um mit der Sängerin korrepetieren zu können! Andernfalls aber wäre ein 4 händiger Auszug vom Ganzen besser als ein 2 händiger. Vielleicht geht der Ausweg, dass Sie die beiden letzten Sätze als II. u IV. Satz aus .... für Gesang u Clav. erscheinen ließen, ähnlich wie einzelne Sätze aus Mahlers Sinfonien zum gleichen Zweck gedruckt wurden. Ich lege nicht viel Gewicht darauf dass das gestochen wird. Man könnte es immerhin ebenso autografieren, wie das übrige Material. Aber es ist die Frage, ob es für den Verkauf nicht günstiger ist zu stechen. Das überlasse ich ganz Ihrer Entscheidung, denn die Autografie genügt für den Hauptzweck!
Bitte um Antwort!
Jedenfalls: wenn die Partitur des Quartetts neu gedruckt7 wird muss ich vorher eine Unmenge Druckfehler korrigieren, die ich beim Stimmenlesen gefunden habe.
Ebenso, wenn die Klavierstücke wieder gedruckt werden sollten!!
Bitte das ja nicht zu übersehen. Beides ist mir sehr wichtig.
Vielleicht können Sie es gleich vormerken lassen!!
Wann ich nach Wien zurück komme ist vorläufig ganz unbestimmt. Es ist überhaupt sehr fraglich ob ich zurückkomme (bitte: Diskretion!!) denn ich trage mich mit der Absicht meinen langegehegten Plan durchzuführen und nach Berlin zu übersiedeln. Natürlich muss ich noch die Möglichkeit dafür schaffen, dass es mir in Berlin besser geht als in Wien. Ich habe einige Pläne und habe schon einiges unternommen um das durchzusetzen. Hoffentlich gelingt es mir. Wissen Sie mir da einen Rat? Ich meine einen Rat, der mir hilft, das durchzuführen, denn nach Wien zurückzukommen, sollte mir kein Mensch raten, der mirs gut meint. Von Wien habe ich gerade genug!!
Nun also: viele herzliche Grüße. Kommen
Sie nicht doch nach München. Ich bin doch bis cirka
15! wenigstens hier! Ihr Arnold Schönberg

5. September 1911 (unsicher)



Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection



Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 5. September 1911, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.6945.

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