26/8. 1911
bei Zimmermeister Widl
Lieber Herr Direktor, diese ca. 70 Platten1 muss ein
halbwegs geübter Leser in längstens 6–8 Stunden
erledigen können. Wenn Herr Wöss das jetzt nicht über sich bringen kann, so
ist das eine von jenen Unliebenswürdigkeiten mit denen
er mich grundlos überhäuft. Und eine noch größere Unliebens
w[ü]rdigkeit ist, dass er das erst jetzt sagt! Hätte er es früher
gesagt, dann hätte ich nicht Zeit verlieren müssen, weil
ich genügend Freunde habe, die mir Korrekturen lesen. Deshalb
sage ich folgendes: wenn Herr Wöss also wirklich, das nicht lesen
mag, dann soll es der Korrektor der Druckerei lesen, mir
aber die Ausbesserungen die er macht mit den betreffenden Abzugblättern (am besten
direkt an mich um keine Zeit zu verlieren[)]! Ich
retourniere sie dann auch direkt an die Druckerei)
z[u s]chicken, damit ich schauen kann, ob er nicht etwas falsch
verstanden hat. Man muss ihn dann aufmerksam machen,
dass das Manuskript nicht absolut fehlerfrei war und
dass ich in den einzelnen Abzügen noch Verbesserungen
angebracht habe, die im Manuskript noch nicht vorkommen.
Gleichzeitig könnte man an Alban Berg (im Berghof am Ossiachersee, Post Annen-
heim) und an Josef Polnauer XV. Sechshauserstraße 10 (wenn Sie dem
fünf oder sechs Kronen dafür geben wollten, wäre mir lieb!) je einen
Abzug senden und sie in meinem Namen ersuchen, diese

Korrekturen „express“ zu lesen und ebenfalls das Verzeichnis
der gefundenen Fehler und die betreffenden Abzugblätter rasch an
mich zu senden. Geschieht das sofort, dann kann in 8 Tagen
klischiert werden! Aber ich glaube fast (da ich die Sache
gering 6 mal gelesen habe), dass die Korrektur durch
den Druckerei Korrektor und eventuell Polnauer ge-
nügt. Dann könnte man in 4 Tagen fertig sein!
Sie missverstehen teilweise meinen Standpunkt.
Ich glaube ja selbst, dass mein Werk nicht an einen Termin
gebunden ist. Aber mir handelt es sich nicht allein darum;
sondern: ich erhoffe mir, wenn es noch in der ersten
Hälfte September erscheint (was ja ohnedies spät ist) dass
es auf mei den Schülerzuwachs einen Einfluss haben
wird. Dass sich an der Akademie und auch sonst mehr
Schüler melden werden. Und Sie wissen, wie nötig ich
das leider habe!! Deshalb bitte ich Sie alles zu tun,
was möglich ist. Meinerseits war alles rechtzeitig fertig[.]
Soll ich schon wieder durch fremde Schuld Schaden haben?
Polnauer hat Ihnen wohl erzählt, was mir in Wien
im August passiert ist. Bitte lassen Sie sich das erzälen!
Es ist ja wirklich schrecklich, was ich alles durchmachen muss!
Ich hoffe bestimmt, dass Sie alles tun werden, was
möglich ist. Nicht wahr!

Was den Chor anbelangt, so ist es ein Irrtum,
dass ich eine Orchesterbegleitung dazu zu schreiben be-
absichtige. Ich mache nur für die Aufführung2 in
Wien, weil Schreker es ohne das noch mit seinem jun-
gen Chor riskieren kann, eine die Sicherheit der
Intonation ermöglichende Begleitung, die aber nicht
als kompositionell mit dem Werk zusammenhängend
anzusehen ist!! Diese Begleitung erscheint nicht in
d[er] Partitur. Denn sie hat mit der Komposition nichts
zu tun! Die Stimmen dieser Begleitung können überall
weiter verwendet werden („ad libitum“) wo man das
Stück nicht a capella herausbringt! Der Chor kann
also gedruckt werden! Denn die Partitur ist davon ganz
unabhängig. Vielleicht können Sie sich also doch
vor meiner Rückkehr entscheiden.
Bitte beantworten Sie mir bald. Insbesondere
[über] das Schicksal der Harmonielehre möchte ich sofort
informiert werden.
Schade, dass Sie nicht bald nach München kommen. Ich
hätte Sie sehr gern gesehen.
Einstweilen herzl Gruß
Ihr
Arnold Schönberg
26/8. 1911
bei Zimmermeister Widl
Lieber Herr Direktor, diese ca. 70 Platten1 muss ein halbwegs geübter Leser in längstens 6–8 Stunden erledigen können. Wenn Herr Wöss das nicht über sich bringen kann, so ist das eine von jenen Unliebenswürdigkeiten mit denen er mich grundlos überhäuft. Und eine noch größere Unliebenswürdigkeit ist, dass er das erst jetzt sagt! Hätte er es früher gesagt, dann hätte ich nicht Zeit verlieren müssen, weil ich genügend Freunde habe, die mir Korrekturen lesen. Deshalb sage ich folgendes: wenn Herr Wöss also wirklich, das nicht lesen mag, dann soll es der Korrektor der Druckerei lesen, mir aber die Ausbesserungen die er macht mit den betreffenden Abzugblättern (am besten direkt an mich um keine Zeit zu verlieren! Ich retourniere sie dann auch direkt an die Druckerei) zu schicken, damit ich schauen kann, ob er nicht etwas falsch verstanden hat. Man muss ihn dann aufmerksam machen, dass das Manuskript nicht absolut fehlerfrei war und dass ich in den einzelnen Abzügen noch Verbesserungen angebracht habe, die im Manuskript noch nicht vorkommen. Gleichzeitig könnte man an Alban Berg (im Berghof am Ossiachersee, Post Annenheim) und an Josef Polnauer XV. Sechshauserstraße 10 (wenn Sie dem fünf oder sechs Kronen dafür geben wollten, wäre mir lieb!) je einen Abzug senden und sie in meinem Namen ersuchen, diese Korrekturen „express“ zu lesen und ebenfalls das Verzeichnis der gefundenen Fehler und die betreffenden Abzugblätter rasch an mich zu senden. Geschieht das sofort, dann kann in 8 Tagen klischiert werden! Aber ich glaube fast (da ich die Sache gering 6 mal gelesen habe), dass die Korrektur durch den Druckerei Korrektor und eventuell Polnauer genügt. Dann könnte man in 4 Tagen fertig sein!
Sie missverstehen teilweise meinen Standpunkt. Ich glaube ja selbst, dass mein Werk nicht an einen Termin gebunden ist. Aber mir handelt es sich nicht allein darum; sondern: ich erhoffe mir, wenn es noch in der ersten Hälfte September erscheint (was ja ohnedies spät ist) dass es auf den Schülerzuwachs einen Einfluss haben wird. Dass sich an der Akademie und auch sonst mehr Schüler melden werden. Und Sie wissen, wie nötig ich das leider habe!! Deshalb bitte ich Sie alles zu tun, was möglich ist. Meinerseits war alles rechtzeitig fertig. Soll ich schon wieder durch fremde Schuld Schaden haben? Polnauer hat Ihnen wohl erzählt, was mir in Wien im August passiert ist. Bitte lassen Sie sich das erzälen!
Es ist ja wirklich schrecklich, was ich alles durchmachen muss!
Ich hoffe bestimmt, dass Sie alles tun werden, was möglich ist. Nicht wahr!
Was den Chor anbelangt, so ist es ein Irrtum, dass ich eine Orchesterbegleitung dazu zu schreiben beabsichtige. Ich mache nur für die Aufführung2 in Wien, weil Schreker es ohne das mit seinem jungen Chor riskieren kann, eine die Sicherheit der Intonation ermöglichende Begleitung, die aber nicht als kompositionell mit dem Werk zusammenhängend anzusehen ist!! Diese Begleitung erscheint nicht in der Partitur. Denn sie hat mit der Komposition nichts zu tun! Die Stimmen dieser Begleitung können überall weiter verwendet werden („ad libitum“) wo man das Stück nicht a capella herausbringt! Der Chor kann also gedruckt werden! Denn die Partitur ist davon ganz unabhängig. Vielleicht können Sie sich also doch vor meiner Rückkehr entscheiden.
Bitteantworten Sie mir bald. Insbesondere über das Schicksal der Harmonielehre möchte ich sofort informiert werden.
Schade, dass Sie nicht bald nach München kommen. Ich hätte Sie sehr gern gesehen.
Einstweilen herzl Gruß Ihr Arnold Schönberg

26. August 1911


Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 26. August 1911, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.6943.

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