Arnold Schönberg an Universal-Edition
31. März 1933
Liebe Universal Editions-Direktion, ich bin sehr
mit der Absicht des Herrn Heller sehr einver-
st[a]nden. Es ist durchaus möglich, an der „Erwartung“-
Partitur, die sehr dünn instrumentiert ist, solche
Einziehungen vorzunehmen, dass der Gesamtklang
darunter nicht leidet. Schlecht wäre es ja nicht, wenn
jemand die Arbeit prüfen und begutachten würde. Wenn
ich Zeit habe, kann ich selbst ein bischen hineinsehen.
Aber das muss nicht unbedingt sein. – Hier ist alles ruhig
und ich kann versichern, dass ich und meine Bekannten von
Greueln nichts gemerkt haben und in keiner Weise
belästigt worden sind.1 Es ist sehr bedauerlich, dass solche Dinge
bedenkenlos geglaubt worden sind! Haben sich die betreffenden
„Gei[ste]sgrößen“2 nicht gesagt, dass man zuerst abwarten muss,
ob das auch wahr ist? Muss der Herr Einstein3 mit jedem
schäbigen Journalisten reden und ihm sein Herz aus-
mit der Absicht des Herrn Heller sehr einver-
st[a]nden. Es ist durchaus möglich, an der „Erwartung“-
Partitur, die sehr dünn instrumentiert ist, solche
Einziehungen vorzunehmen, dass der Gesamtklang
darunter nicht leidet. Schlecht wäre es ja nicht, wenn
jemand die Arbeit prüfen und begutachten würde. Wenn
ich Zeit habe, kann ich selbst ein bischen hineinsehen.
Aber das muss nicht unbedingt sein. – Hier ist alles ruhig
und ich kann versichern, dass ich und meine Bekannten von
Greueln nichts gemerkt haben und in keiner Weise
belästigt worden sind.1 Es ist sehr bedauerlich, dass solche Dinge
bedenkenlos geglaubt worden sind! Haben sich die betreffenden
„Gei[ste]sgrößen“2 nicht gesagt, dass man zuerst abwarten muss,
ob das auch wahr ist? Muss der Herr Einstein3 mit jedem
schäbigen Journalisten reden und ihm sein Herz aus-
schütten4? Was ist das für eine
jämmerliche Haltung von einem
Mann, der verpflichtet wäre, die
größte Intelligenz zu reprä-
sentieren? – Es ist wirklich
unglaublich!
jämmerliche Haltung von einem
Mann, der verpflichtet wäre, die
größte Intelligenz zu reprä-
sentieren? – Es ist wirklich
unglaublich!
Herzlichste Grüße Ihr
Hier ist alles ruhig und ich kann versichern, dass ich und meine
Bekannten von Greueln nichts gemerkt haben und in keiner Weise
belästigt worden sind.
Eine entsprechende Erkundigung
der UE ist nicht erhalten, aber in der
zeitgenössischen deutschen Tagespresse wurde dazu aufgerufen, im Ausland
lebende Bekannte brieflich von der Falschheit der „Greuelpropaganda“
über die Ereignisse in Deutschland
zu überzeugen, wo den ganzen März 1933
hindurch antisemitische Gewaltaktionen der Nationalsozialisten
stattgefunden hatten (Vossische Zeitung 1933).
„Gei[ste]sgrößen“
Schönberg bezieht sich auf
Albert Einsteins Plan, ein
„Parlament der geistigen Führer der Welt zu organisieren“. Die Wahl des
Komitees sollte „nach den Grundätzen höchster Intellektualität,
weitester Liberalität und größter internationaler Geltung erfolgen.“
(Neues Wiener Tagblatt
1933).
Herr Einstein
Albert Einstein fand nicht nur
aufgrund seiner wissenschaftlichen Forschungen reges Interesse in den
Medien, sondern auch aufgrund seines Engagements für die Rechte der
Juden, was Beifall, aber auch antisemitische Ressentiments innerhalb und
außerhalb akademischer Kreise hervorrief (Muxeneder 2019). Über die
USA-Aufenthalte Einsteins, dessen Engagement für jüdische
Belange für große Publizität sorgte, wurde in den Medien häufig
berichtet, u. a. über dessen Vorträge in Kalifornien im Februar 1933 (Pester Lloyd 1933).
Herz ausschütten
Einstein hatte nach seiner Rückkunft
aus den USA Ende März 1933 eine schriftliche Erklärung über die
Internationale Liga gegen den Antisemitismus abgegeben, in dem er an den
Humanitätsgedanken apellierte. Seine Pressenotiz wurde in
Publikationsorganen sämtlicher politischer Couleurs veröffentlicht (Echo der Gegenwart
1933; Arnold Schönberg,
Einstein’s falsche Politik; ASSV 6.1.12).
Liebe Universal Editions-Direktion, ich bin
mit der Absicht des Herrn Heller sehr
einverstanden. Es ist durchaus
möglich, an der „Erwartung“-Partitur, die sehr dünn instrumentiert ist, solche Einziehungen
vorzunehmen, dass der Gesamtklang darunter nicht leidet.
Schlecht wäre es ja nicht, wenn jemand die
Arbeit prüfen und begutachten würde. Wenn ich Zeit habe, kann ich selbst
ein bischen hineinsehen. Aber das muss nicht unbedingt sein. – Hier ist alles ruhig und ich kann versichern, dass ich und meine
Bekannten von Greueln nichts gemerkt haben und in keiner Weise
belästigt worden sind.1 Es ist sehr bedauerlich, dass solche Dinge bedenkenlos geglaubt
worden sind! Haben sich die betreffenden
„Geistesgrößen“2 nicht gesagt, dass man zuerst abwarten muss, ob das auch wahr ist? Muss der Herr Einstein3 mit jedem schäbigen Journalisten
reden und ihm sein Herz ausschütten4? Was ist das für eine jämmerliche Haltung von einem Mann, der
verpflichtet wäre, die größte Intelligenz zu repräsentieren? – Es ist wirklich unglaublich!
Hier ist alles ruhig und ich kann versichern, dass ich und meine
Bekannten von Greueln nichts gemerkt haben und in keiner Weise
belästigt worden sind.
Eine entsprechende Erkundigung
der UE ist nicht erhalten, aber in der
zeitgenössischen deutschen Tagespresse wurde dazu aufgerufen, im Ausland
lebende Bekannte brieflich von der Falschheit der „Greuelpropaganda“
über die Ereignisse in Deutschland
zu überzeugen, wo den ganzen März 1933
hindurch antisemitische Gewaltaktionen der Nationalsozialisten
stattgefunden hatten (Vossische Zeitung 1933).
„Gei[ste]sgrößen“
Schönberg bezieht sich auf
Albert Einsteins Plan, ein
„Parlament der geistigen Führer der Welt zu organisieren“. Die Wahl des
Komitees sollte „nach den Grundätzen höchster Intellektualität,
weitester Liberalität und größter internationaler Geltung erfolgen.“
(Neues Wiener Tagblatt
1933).
Herr Einstein
Albert Einstein fand nicht nur
aufgrund seiner wissenschaftlichen Forschungen reges Interesse in den
Medien, sondern auch aufgrund seines Engagements für die Rechte der
Juden, was Beifall, aber auch antisemitische Ressentiments innerhalb und
außerhalb akademischer Kreise hervorrief (Muxeneder 2019). Über die
USA-Aufenthalte Einsteins, dessen Engagement für jüdische
Belange für große Publizität sorgte, wurde in den Medien häufig
berichtet, u. a. über dessen Vorträge in Kalifornien im Februar 1933 (Pester Lloyd 1933).
Herz ausschütten
Einstein hatte nach seiner Rückkunft
aus den USA Ende März 1933 eine schriftliche Erklärung über die
Internationale Liga gegen den Antisemitismus abgegeben, in dem er an den
Humanitätsgedanken apellierte. Seine Pressenotiz wurde in
Publikationsorganen sämtlicher politischer Couleurs veröffentlicht (Echo der Gegenwart
1933; Arnold Schönberg,
Einstein’s falsche Politik; ASSV 6.1.12).
31. März 1933
Datierung laut Poststempel
Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection
Wien
Archiv
Universal Edition Collection
Postkarte
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an Universal-Edition, 31. März 1933, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.7230.