24. April
Lieber Dr. Stefan, Ich habe der
Friends Relief Mission
Wien 1. Neue Hofburg,
Frl. Amy Winslow
unter anderen Herrn Hauer (Josef Matthi
as)
vorgeschlagen1, werde nun[n] um seine
Adresse gefragt
2, die ich nicht weiss.
Können Sie mir sie mitt[t]eilen, oder wol-
len Sie direct der F.R.M. schreiben?
Ich habe mit Ihnen ein Hühnchen zu
rupfen, Herr[r] Biograph3!
Sie übersetzen (mit einem Gruss an
Casella
4 (was sprachlich eine Unmöglich-
keit ist, und erst übersetzt werden
müsste: man kann mit Sprachgefühl über-
setzen, oder mit Bauchschmerzen; auch mit
Zuhilfenahme eines Wörterbuchs; aber [nicht]
nicht so, wie Sie angeben!) einen
Artikel über diesen Komponisten, in wel-
chem die Herausarbeitung der Grösse
Casellas besonders dadurch gelingt, dass [ic]
ich kleiner gemacht werde. Und das Herr
Biograph unter Ihrer Beihilfe und der
Mitwirkung Ihres Grusses. Aber nicht
genug damit, veröffentlichen Sie das
auch noch im Anbrach, wo es Ihnen, Herr
Biobaron, doch ein leichtes sein müss-
te, dem Autor dieses Artikels zu sagen,
dass ein gewisser von Ihnen demnächst
gebioritterter Herr Schönberg unantast-
bar sei und es doch, bei der zweifel-
los vorhandenen Grösse des Herrn Ca-
sella
möglich sein müsste, diese dar-
zustellen auch wenn ich gross bleibe;
weil ja vielleicht die des Herrn C.
erst eine absolute ist, wenn sie es un-
abhängig von einer Relation zu mir ist.
Der ich doch (Herr Bioprinz) vi[e]l zu gerin
ring bin, als dass andere Wert solten

darauf legen, mit mir sich zu verglei-
chen!
Nun aber im Ernst: ich finde das durch
aus unmöglich. Sie wissen, dass mir [Kri]
Kritik zwar höchst lästig ist (und ich
nur Verachtung für jeden habe, der im
geringsten etwas von mir herausge-
gebenes tadelt: das, Herr Biofürst, ist
nämlich mein Adel: dass ich glaube, was
ich tue, und nur tue, was ich glaube;
und wehe dem, der meinen Glauben an
rührt. Den betrachte ich als nachsichts
los zu verfolgenden Feind! Sie kön-
nen nicht bei mir gelten, wenn Sie auch
mit meinen Gegnern sich vertragen.
Ich sage Ihnen das in vollem Ernst,
jetzt, rechtzeitig, wo Sie von der
Biographie oder von kompromittierenden
Freundschaften noch zurücktreten kön-
nen.
Lassen Sie es nicht zu spät werden! –
– jetzt erst schliesse ich diesen
oben begonnenen Klammersatz), ich je-
doch vollkommen gleichgültig dage[n]gen
bin, was über mich gesagt wird. Ob im
Anbrach Gutes oder schlechtes über [mi]
mich gesagt wird ist mir so gleich-
gültig, dass ich nicht einmal den Ei-
fer aufbringe ein Wort zur Charakteri-
sierung dieser Gleichgültigkeit zu
suchen. Aber ich verkehre mit denen
nicht, die nicht richtig von mir den-
ken können. Und Sie würden gewiss kein
von mir anerkannter Bio-Edelmann blei-
ben können, sondern zu einem Bio-Bür[ger] -
ger-, Bauer, Bettelmann herabsinken, [wen]
wenn Ihr künstlerischer Glaube an-
derweitig gebunden wäre.
Tun auch Sie das, was Sie glauben, wenn
Sie den Bio-Adel behalten wollen!
Vielleicht hat Ihnen noch nie jemand
Derartiges gesagt. Aber vielleicht
danken Sie mir später einmal dafür.
Inzwischen besten Gruss!
24. April
Lieber Dr. Stefan, Ich habe der Friends Relief Mission Wien 1. Neue Hofburg, Frl. Amy Winslow unter anderen Herrn Hauer (Josef Matthias) vorgeschlagen1, werde nun um seine Adresse gefragt2, die ich nicht weiss. Können Sie mir sie mitteilen, oder wollen Sie direct der F.R.M. schreiben? Ich habe mit Ihnen ein Hühnchen zu rupfen, Herr Biograph3!
Sie übersetzen (mit einem Gruss an Casella4 (was sprachlich eine Unmöglichkeit ist, und erst übersetzt werden müsste: man kann mit Sprachgefühl übersetzen, oder mit Bauchschmerzen; auch mit Zuhilfenahme eines Wörterbuchs; aber nicht so, wie Sie angeben!) einen Artikel über diesen Komponisten, in welchem die Herausarbeitung der Grösse Casellas besonders dadurch gelingt, dass ich kleiner gemacht werde. Und das Herr Biograph unter Ihrer Beihilfe und der Mitwirkung Ihres Grusses. Aber nicht genug damit, veröffentlichen Sie das auch noch im Anbrach, wo es Ihnen, Herr Biobaron, doch ein leichtes sein müsste, dem Autor dieses Artikels zu sagen, dass ein gewisser von Ihnen demnächst gebioritterter Herr Schönberg unantastbar sei und es doch, bei der zweifellos vorhandenen Grösse des Herrn Casella möglich sein müsste, diese darzustellen auch wenn ich gross bleibe; weil ja vielleicht die des Herrn C. erst eine absolute ist, wenn sie es unabhängig von einer Relation zu mir ist. Der ich doch (Herr Bioprinz) viel zu ge ring bin, als dass andere Wert solten darauf legen, mit mir sich zu vergleichen!
Nun aber im Ernst: ich finde das durchaus unmöglich. Sie wissen, dass mir Kritik zwar höchst lästig ist (und ich nur Verachtung für jeden habe, der im geringsten etwas von mir herausgegebenes tadelt: das, Herr Biofürst, ist nämlich mein Adel: dass ich glaube, was ich tue, und nur tue, was ich glaube; und wehe dem, der meinen Glauben anrührt. Den betrachte ich als nachsichtslos zu verfolgenden Feind! Sie können nicht bei mir gelten, wenn Sie auch mit meinen Gegnern sich vertragen.
Ich sage Ihnen das in vollem Ernst, jetzt, rechtzeitig, wo Sie von der Biographie oder von kompromittierenden Freundschaften noch zurücktreten können.
Lassen Sie es nicht zu spät werden! – – jetzt erst schliesse ich diesen oben begonnenen Klammersatz), ich jedoch vollkommen gleichgültig dagegen bin, was über mich gesagt wird. Ob im Anbrach Gutes oder schlechtes über mich gesagt wird ist mir so gleichgültig, dass ich nicht einmal den Eifer aufbringe ein Wort zur Charakterisierung dieser Gleichgültigkeit zu suchen. Aber ich verkehre mit denen nicht, die nicht richtig von mir denken können. Und Sie würden gewiss kein von mir anerkannter Bio-Edelmann bleiben können, sondern zu einem Bio-Bür ger-, Bauer, Bettelmann herabsinken, wenn Ihr künstlerischer Glaube anderweitig gebunden wäre.
Tun auch Sie das, was Sie glauben, wenn Sie den Bio-Adel behalten wollen!
Vielleicht hat Ihnen noch nie jemand Derartiges gesagt. Aber vielleicht danken Sie mir später einmal dafür.
Inzwischen besten Gruss!

24. April 1923


Ort erschlossen

The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief, Kopie

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Paul Stefan, 24. April 1923, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.823.

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