Wien 16.XII.1932
Lieber Herr Schönberg!
Wir haben jetzt in drei Konzerten1 die „Verbundenheit“2 gesungen.
Ich glaube, daß die Aufführung sehr gut war. Vorsichtshalber hab ich den Chor allerdings
stützen lassen, u. zw. durch Orgel, natürlich sehr diskret. Der Chor war ca 200 Mann stark.
Mit dem Studium haben wir schon vor dem Sommer begonnen und im Herbst hatten wir dann
noch mindestens 30 Proben, in denen wir jedesmal 23–30 Minuten auch länger an der „Verbundenheit“ studierten.
Es ist ganz rätselhaft, wie dieser Chor klingt; wie aus Seide, möchte ich sagen. Es war aber
ungeheuer schwer, die Leute zum temperiert reinen Singen zu bringen, die Fehlerquellen sind
mitunter kaum festzustellen. – Wenn Sie im Februar nach Wien kommen, möchte ich es gerne
arrangieren, daß wir Ihnen das Stück vorsingen.
Wir sind seit Mitte November in einer neuen Wohnung in einem neuen Haus in Pötzleinsdorf.
Meine beiden Damen, die kleine und die große, aber auch ich selbst, sind sehr glücklich hier,
denn wir haben nur ungern in der Stadt gewohnt. Die Lage ist herrlich – hoch gelegen, mein
Vis-a-vis vom Schreibtisch ist der Kahlenberg – die Verbindung nicht schlecht. In 35 Minuten
bin ich in der U.E. Unsere neue Adresse ist: XVIII. Wilbrandtgasse 43, Tel B 15-6-17.
Im Verlag schaut es nicht sehr schön aus, eine ganzegroße Anzahl von Aufführungen wird [...]
wieder abgesagt und schon die angekündigten selbst sind an Zahl viel kleiner als im letzten
Jahr oder gar vor 2 Jahren. So wurden z. B. in Wien und Prag die schon angekündigten
Gurre Lieder“ wegen „zu hoher Kosten“ abgesetzt. In Prag waren unlängst übrigens die Variationen3.
In Berlin sollen im Januar die Satiren aufgeführt werden, von dem Stuttgarter Holle mit
seinem Madrigalchor. Toscanini hat in Amerika sechsmal Präludium und Fuge gespielt4.
Ich werde Ihnen nächstens eine genaue Aufstellung der Abschlüsse dieser Saison schicken lassen. –
Wir brauchen dringendst ein Bild von Ihnen, für einen neuen Prospekt. Ich glaube Dr Kalmus
hat Ihnen davon gesagt. Er sagte erzählte mir, daß der Berliner Vertreter der U.E, Schlee,
Sie photographieren wird, d. h., daß Sie die Erlaubnis dazu gegeben haben.

Im Kulturbund ist für Februar ein Vortrag von Ihnen angekündigt5. Werden Sie da länger
in Wien bleiben? Vielleicht hab ich aber noch vorher vom Verlag aus in Berlin zu tun.
Ich wäre sehr glücklich, einmal wieder von Ihnen direkt einen Brief zu bekommen.
Meine Frau grüßt Sie beide herzlichst und freut sich schon, wenn Sie nach Wien kommen,
Sie in der neuen Wohnung, auf die sie sehr stolz ist, zu begrüßen.
Ihnen und Ihrer lieben Frau die herzlichsten Grüße
von Ihrem

Stein
Wien 16.XII.1932
Lieber Herr Schönberg!
Wir haben jetzt in drei Konzerten1 die „Verbundenheit“2 gesungen. Ich glaube, daß die Aufführung sehr gut war. Vorsichtshalber hab ich den Chor allerdings stützen lassen, u. zw. durch Orgel, natürlich sehr diskret. Der Chor war ca 200 Mann stark. Mit dem Studium haben wir schon vor dem Sommer begonnen und im Herbst hatten wir dann noch mindestens 30 Proben, in denen wir jedesmal 23–30 Minuten auch länger an der „Verbundenheit“ studierten.
Es ist ganz rätselhaft, wie dieser Chor klingt; wie aus Seide, möchte ich sagen. Es war aber ungeheuer schwer, die Leute zum temperiert reinen Singen zu bringen, die Fehlerquellen sind mitunter kaum festzustellen. – Wenn Sie im Februar nach Wien kommen, möchte ich es gerne arrangieren, daß wir Ihnen das Stück vorsingen.
Wir sind seit Mitte November in einer neuen Wohnung in einem neuen Haus in Pötzleinsdorf. Meine beiden Damen, die kleine und die große, aber auch ich selbst, sind sehr glücklich hier, denn wir haben nur ungern in der Stadt gewohnt. Die Lage ist herrlich – hoch gelegen, mein Vis-a-vis vom Schreibtisch ist der Kahlenberg – die Verbindung nicht schlecht. In 35 Minuten bin ich in der U.E. Unsere neue Adresse ist: XVIII. Wilbrandtgasse 43, Tel B 15-6-17. Im Verlag schaut es nicht sehr schön aus, eine große Anzahl von Aufführungen wird wieder abgesagt und schon die angekündigten selbst sind an Zahl viel kleiner als im letzten Jahr oder gar vor 2 Jahren. So wurden z. B. in Wien und Prag die schon angekündigten „Gurre Lieder“ wegen „zu hoher Kosten“ abgesetzt. In Prag waren unlängst übrigens die Variationen3. In Berlin sollen im Januar die Satiren aufgeführt werden, von dem Stuttgarter Holle mit seinem Madrigalchor. Toscanini hat in Amerika sechsmal Präludium und Fuge gespielt4. Ich werde Ihnen nächstens eine genaue Aufstellung der Abschlüsse dieser Saison schicken lassen. – Wir brauchen dringendst ein Bild von Ihnen, für einen neuen Prospekt. Ich glaube Dr Kalmus hat Ihnen davon gesagt. Er erzählte mir, daß der Berliner Vertreter der U.E, Schlee, Sie photographieren wird, d. h., daß Sie die Erlaubnis dazu gegeben haben.
Im Kulturbund ist für Februar ein Vortrag von Ihnen angekündigt5. Werden Sie da länger in Wien bleiben? Vielleicht hab ich aber noch vorher vom Verlag aus in Berlin zu tun. Ich wäre sehr glücklich, einmal wieder von Ihnen direkt einen Brief zu bekommen. Meine Frau grüßt Sie beide herzlichst und freut sich schon, wenn Sie nach Wien kommen, Sie in der neuen Wohnung, auf die sie sehr stolz ist, zu begrüßen.
Ihnen und Ihrer lieben Frau die herzlichsten Grüße von Ihrem
Stein

16. Dezember 1932


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Erwin Stein an Arnold Schönberg, 16. Dezember 1932, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.16823.

Download:
Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen