Erwin Stein an Arnold Schönberg
28. Juni 1932
Wien, 28. Vi
1932
Lieber Herr Schönberg! Ich danke Ihnen herzlich für Ihren lieben Brief1
und Ihr Vertrauen. Nach dem Arbeitersymphoniekonzert2, in dem Webern
dirigierte, waren wir natürlich alle beisammen. Eine Karte3 an Sie habe
ich damals auch unterschrieben, auch meine Frau. – Friede auf Erden
ist eines Ihrer Werke, die ich besonders liebe – allerdings glaube ich,
dass so ziemlich alle Ihre Werke in diese Kategorie gehören, es kommt
nur darauf an, was man zuletzt gehört hat. Die Aufführung fand ich ei-
gentlich nicht ganz so lebendig, wie Webern das Stück sonst dirigiert
hat. Er war wohl durch viel Arbeit und durch unzureichende Probenanzahl
für die beiden mittleren Stücke des Programms, die Lichtspielmusik und
Bergs Wein-Arie, irritiert und überhaupt in den letzten Wochen gesund-
heitlich wieder nicht in Ordnung. Im Juli will er sich gründlich erhol-
en. – Die Lichtspielmusik ist auf einer höheren Ebene das, was die
Leute sonst Gebrauchsmusik nennen. Damit ist natürlich nicht gesagt, das
sie jeder Esel brauchen kann. Ich finde das Werk höchst wirkungsvoll,
stelle es mir allerdings bisschen anders vor. Die erste Aufführung4, die
Webern damals im Radio dirigierte, war fand ich übrigens viel besser,
klarer und eindrucksvoller. Webern war doch überarbeitet. Er hatte aber
einen kollossalen Dirigentenerfolg.
und Ihr Vertrauen. Nach dem Arbeitersymphoniekonzert2, in dem Webern
dirigierte, waren wir natürlich alle beisammen. Eine Karte3 an Sie habe
ich damals auch unterschrieben, auch meine Frau. – Friede auf Erden
ist eines Ihrer Werke, die ich besonders liebe – allerdings glaube ich,
dass so ziemlich alle Ihre Werke in diese Kategorie gehören, es kommt
nur darauf an, was man zuletzt gehört hat. Die Aufführung fand ich ei-
gentlich nicht ganz so lebendig, wie Webern das Stück sonst dirigiert
hat. Er war wohl durch viel Arbeit und durch unzureichende Probenanzahl
für die beiden mittleren Stücke des Programms, die Lichtspielmusik und
Bergs Wein-Arie, irritiert und überhaupt in den letzten Wochen gesund-
heitlich wieder nicht in Ordnung. Im Juli will er sich gründlich erhol-
en. – Die Lichtspielmusik ist auf einer höheren Ebene das, was die
Leute sonst Gebrauchsmusik nennen. Damit ist natürlich nicht gesagt, das
sie jeder Esel brauchen kann. Ich finde das Werk höchst wirkungsvoll,
stelle es mir allerdings bisschen anders vor. Die erste Aufführung4, die
Webern damals im Radio dirigierte, war fand ich übrigens viel besser,
klarer und eindrucksvoller. Webern war doch überarbeitet. Er hatte aber
einen kollossalen Dirigentenerfolg.
Die Serenade haben wir so ziemlich aufführungsreif
studiert. Wir
wollen zu Beginn der nächsten Saison einen Schönberg Abend geben, wahr-
scheinlich als Werbeabend für die Wiener Sektion5, mit Serenade, Pierrot,
und ev. Klavierstücken dazwischen. Das Ensemble wären bei beiden Werken
junge Leute, die Sprecherin wahrscheinlich Erika Wagner, Klavier-Solo
Steuermann.
wollen zu Beginn der nächsten Saison einen Schönberg Abend geben, wahr-
scheinlich als Werbeabend für die Wiener Sektion5, mit Serenade, Pierrot,
und ev. Klavierstücken dazwischen. Das Ensemble wären bei beiden Werken
junge Leute, die Sprecherin wahrscheinlich Erika Wagner, Klavier-Solo
Steuermann.
wirklich wahr, dass er von allen Kollationeuren am
meisten beschäftigt
wird. Jetzt haben wir endlich auch eine ausgiebigere Arbeit für ihn: den
Klavierauszug einer neuen Oper von Weinberger. Bezahlt wird das schlecht
genug, aber Greissle war sehr glücklich darüber. Er weiss, dass die Zu-
teilung dieser Arbeit auf Ihre Intervention hin erfolgt ist.
wird. Jetzt haben wir endlich auch eine ausgiebigere Arbeit für ihn: den
Klavierauszug einer neuen Oper von Weinberger. Bezahlt wird das schlecht
genug, aber Greissle war sehr glücklich darüber. Er weiss, dass die Zu-
teilung dieser Arbeit auf Ihre Intervention hin erfolgt ist.
In dem Streit über die amerikanische
Erstaufführung der Gurre-
lieder stehe ich mit meinem Herzen natürlich ganz auf Ihrer Seite und
ich habe die moralische Berechtigung Ihres Standpunktes auch sehr betont.
Juristisch scheint die Sache allerdings nicht so einfach zu sein. Wenn
die Darstellung richtig ist, die mir seinerzeit Hertzka von der Sachlage
gegeben hat und die er auch in einem ausführlichen Brief6 an Ihre Advoka-
ten7 schrieb (ich lasse Ihnen in einem zweiten Brief eine Abschrift
schicken), dann liegt ein Versprechen vor, das in einer Situation gege-
ben wurde, die heute, fürchte ich, nicht mehr zutrifft.* Die Amerikaner
sind so grosse Schnorrer geworden, als hätten sie nicht mehr Geld als
die Oesterreicher. Die UE bekommt viele Jammer-Briefe von drüben. Auch
wegen der Gurrelieder wurde in diesem Frühjahr geschrieben, dass der
Preis für die jetzige Zeit „excessive“ sei. So wie ich die Situation
sehe – ich muss es leider sagen – bestehtbestand für absehbare Zeit wirklich
keine Aussicht, dass man Sie zur Leitung der Gurrelieder zu entsprechenden
Bedingungen aufgefordert hätte. Ich weiss, dass sich Hertka darum sehr
bemüht hat. Nicht nur weil er trotz eines gewissen Grolls in den letzten
Jahren immer sehr an Ihnen gehangen hat. Sondern, man muss sagen vor
allem, auch aus geschäftlichen Gründen: sowohl wegen der Reklame als
auch wegen seiner Tendenz (die er in den letzten Jahren verfolgte),
den Autoren andere Einnahmen zu verschaffen, um den Verlag zu entlasten,
Hertzka hat übrigens auch mit Bodanzky verhandelt, dessen Verein, wie
sie vielleicht wissen, unterdessen eingegangen ist, weil der Hauptmäzen
gestorben ist, die andern sich zurückgezogen haben. Hertzka hat mir von
den Verhandlungen, die er drüben hatte, ausführlich erzählt.
lieder stehe ich mit meinem Herzen natürlich ganz auf Ihrer Seite und
ich habe die moralische Berechtigung Ihres Standpunktes auch sehr betont.
Juristisch scheint die Sache allerdings nicht so einfach zu sein. Wenn
die Darstellung richtig ist, die mir seinerzeit Hertzka von der Sachlage
gegeben hat und die er auch in einem ausführlichen Brief6 an Ihre Advoka-
ten7 schrieb (ich lasse Ihnen in einem zweiten Brief eine Abschrift
schicken), dann liegt ein Versprechen vor, das in einer Situation gege-
ben wurde, die heute, fürchte ich, nicht mehr zutrifft.* Die Amerikaner
sind so grosse Schnorrer geworden, als hätten sie nicht mehr Geld als
die Oesterreicher. Die UE bekommt viele Jammer-Briefe von drüben. Auch
wegen der Gurrelieder wurde in diesem Frühjahr geschrieben, dass der
Preis für die jetzige Zeit „excessive“ sei. So wie ich die Situation
sehe – ich muss es leider sagen – bestehtbestand für absehbare Zeit wirklich
keine Aussicht, dass man Sie zur Leitung der Gurrelieder zu entsprechenden
Bedingungen aufgefordert hätte. Ich weiss, dass sich Hertka darum sehr
bemüht hat. Nicht nur weil er trotz eines gewissen Grolls in den letzten
Jahren immer sehr an Ihnen gehangen hat. Sondern, man muss sagen vor
allem, auch aus geschäftlichen Gründen: sowohl wegen der Reklame als
auch wegen seiner Tendenz (die er in den letzten Jahren verfolgte),
den Autoren andere Einnahmen zu verschaffen, um den Verlag zu entlasten,
Hertzka hat übrigens auch mit Bodanzky verhandelt, dessen Verein, wie
sie vielleicht wissen, unterdessen eingegangen ist, weil der Hauptmäzen
gestorben ist, die andern sich zurückgezogen haben. Hertzka hat mir von
den Verhandlungen, die er drüben hatte, ausführlich erzählt.
Bei seinem letzten
Aufenthalt in Amerika
1931 war nicht nur Ihre Engage-
ment wieder nicht durchzusetzen, sondern kaum eine Aufführung der Gurre-
lieder unter dortigen Dirigenten. Bodanzky, Koussewitzky und andere
lehnten wegen der grossen internen Kosten ab. Offenbar bekam da Hertzka
Angst, dass er für absehbare Zeit die Gurrelieder überhaupt nicht nach
Amerika werde bringen können, wenn er bei Stokowsky nicht zugreift.
Und ich glaube wirklich, dass er bona fide gehandelt hat. Sie werden
sagen, er hätte Sie zumindest fragen müssen, aber er fürchtete, dass
daran die Aufführung gescheitert wäre. Ich verstehe Ihren Groll sehr
gut und verstehe auch, dass sie sich von dem Engagement für die Gurre-
lieder materiell sehr viel erwartet hatten. Seien Sie mir nicht böse,
dass ich so offen ausgesprochen habe, dass ich für die letztvergangene
und nächste Zeit keine Chance dafür sah und sehe. Wenn die Verhältnisse
einmal aber wieder besser werden, so ist glaube ich die Aufführung in
Philadelphia durchaus kein Hindernis für Ihr Engagement, sondern viel
eher ein Antrieb dafür.
ment wieder nicht durchzusetzen, sondern kaum eine Aufführung der Gurre-
lieder unter dortigen Dirigenten. Bodanzky, Koussewitzky und andere
lehnten wegen der grossen internen Kosten ab. Offenbar bekam da Hertzka
Angst, dass er für absehbare Zeit die Gurrelieder überhaupt nicht nach
Amerika werde bringen können, wenn er bei Stokowsky nicht zugreift.
Und ich glaube wirklich, dass er bona fide gehandelt hat. Sie werden
sagen, er hätte Sie zumindest fragen müssen, aber er fürchtete, dass
daran die Aufführung gescheitert wäre. Ich verstehe Ihren Groll sehr
gut und verstehe auch, dass sie sich von dem Engagement für die Gurre-
lieder materiell sehr viel erwartet hatten. Seien Sie mir nicht böse,
dass ich so offen ausgesprochen habe, dass ich für die letztvergangene
und nächste Zeit keine Chance dafür sah und sehe. Wenn die Verhältnisse
einmal aber wieder besser werden, so ist glaube ich die Aufführung in
Philadelphia durchaus kein Hindernis für Ihr Engagement, sondern viel
eher ein Antrieb dafür.
Die juristische Seite der Angelegenheit kann ich nicht beurteilen.
[...] Es handelt sich offenbar darum ob ein Verspre-
chen bei geändeter Sachlage rechtlich bindend ist.
[...] Es handelt sich offenbar darum ob ein Verspre-
chen bei geändeter Sachlage rechtlich bindend ist.
Ich habe mit den Leuten der UE sehr viel über die
Angelegenheit
gesprochen und sie waren offenbar sehr froh, dass ich vermitteln will.
Denn jeder einzelne, Frl. Rothe, Kalmus, Winter, Heinsheimer, wären
sehr glücklich, wenn das persönliche und geschäftliche Verhältnis des
Verlags zu Ihnen, oder vielmehr Ihres zum Verlag wieder ein freundschaft
liches würde. Ich selbst bin bei dieser Vermittlung in einer sehr
schweren Situation und ich fürchte, beide Teile werden mit mir unzu-
frieden sein.
gesprochen und sie waren offenbar sehr froh, dass ich vermitteln will.
Denn jeder einzelne, Frl. Rothe, Kalmus, Winter, Heinsheimer, wären
sehr glücklich, wenn das persönliche und geschäftliche Verhältnis des
Verlags zu Ihnen, oder vielmehr Ihres zum Verlag wieder ein freundschaft
liches würde. Ich selbst bin bei dieser Vermittlung in einer sehr
schweren Situation und ich fürchte, beide Teile werden mit mir unzu-
frieden sein.
800 Dollar bekommen.
Philadelphia zahlte für 3 Aufführungen9 in Phila-
delphia 1000 Dollar, für eine Aufführung10 in New York 200 Dollar, zu-
sammen also 1200, davon erhieltbehielt ein Drittel nach den vetraglichen Be-
stimmungen die amerikanische Vertretung. Es sind also 480 Dollar, die
Ihnen der Verlag sofort bar auszahlen würde, wenn Sie damit einverstan-
den, u.zw. in Mark oder Schilling. Wenn Ihnen dieser Betrag im Verhältnis
zu dem, was Sie sich seinerzeit von der amerikanischen Erstaufführung
der Gurrelieder erwartet hatten, geringfügig erscheint, so betrachten
Sie sie als erste Anzahlung auf die Gurrelieder in Amerika. Wenn die
europäische Musikkultur nicht zugrunde geht, werden die Gurrelieder
dort noch sehr viel gespielt werden, ganz gewiss auch unter Ihrer
Leitung. Ich bitte Sie recht sehr, mir über die Gurrelieder-Angelegen-
heit recht sehr bald zu schreiben.
delphia 1000 Dollar, für eine Aufführung10 in New York 200 Dollar, zu-
sammen also 1200, davon erhieltbehielt ein Drittel nach den vetraglichen Be-
stimmungen die amerikanische Vertretung. Es sind also 480 Dollar, die
Ihnen der Verlag sofort bar auszahlen würde, wenn Sie damit einverstan-
den, u.zw. in Mark oder Schilling. Wenn Ihnen dieser Betrag im Verhältnis
zu dem, was Sie sich seinerzeit von der amerikanischen Erstaufführung
der Gurrelieder erwartet hatten, geringfügig erscheint, so betrachten
Sie sie als erste Anzahlung auf die Gurrelieder in Amerika. Wenn die
europäische Musikkultur nicht zugrunde geht, werden die Gurrelieder
dort noch sehr viel gespielt werden, ganz gewiss auch unter Ihrer
Leitung. Ich bitte Sie recht sehr, mir über die Gurrelieder-Angelegen-
heit recht sehr bald zu schreiben.
Wohin gehen Sie in diesem Sommer? Wir wollen uns im Herbst eine
Wohnung in Pötzleinsdorf nehmen, in einem Haus, das noch in Bau ist,
und müssen darum in diesem Sommer sehr sparen. Ich werde nicht lange
von Wien fort sein.
Wohnung in Pötzleinsdorf nehmen, in einem Haus, das noch in Bau ist,
und müssen darum in diesem Sommer sehr sparen. Ich werde nicht lange
von Wien fort sein.
Viele herzlichste Grüsse von uns beiden an Sie und Ihre
Frau, und auch an die kleine Dorothea Nuria, von der
ich schon Wunderdinge gehört hab. Ihr
Frau, und auch an die kleine Dorothea Nuria, von der
ich schon Wunderdinge gehört hab. Ihr
Von Aufführungen der letzten und
nächsten Zeit: Serenade im Berliner Run11 Frankfurter Rundfunk12 (gewesen). Nächstes Jahr:
Gurre Lieder in Wien (Heger, Gesellschaft der Musikfreunde), im Sommer Lied der Waldtaube in
Straßburg13 (reduz. Orchester). Frankfurter Rundfunk will nächstes Jahr „Erwartung“ machen, dann
Kammersymphonie (Montag-Konzerte) und Suite (Septett). Mit Rosbaud war ich auf meiner Reise in
Frankfurt viellange beisammen, er ist ein sehr sympathischer Mensch. – Die Kammersymphonie war unlängst auch wieder (zum 3. Mal) im Stuttgarter Radio.
nächsten Zeit: Serenade im Berliner Run11 Frankfurter Rundfunk12 (gewesen). Nächstes Jahr:
Gurre Lieder in Wien (Heger, Gesellschaft der Musikfreunde), im Sommer Lied der Waldtaube in
Straßburg13 (reduz. Orchester). Frankfurter Rundfunk will nächstes Jahr „Erwartung“ machen, dann
Kammersymphonie (Montag-Konzerte) und Suite (Septett). Mit Rosbaud war ich auf meiner Reise in
Frankfurt viellange beisammen, er ist ein sehr sympathischer Mensch. – Die Kammersymphonie war unlängst auch wieder (zum 3. Mal) im Stuttgarter Radio.
Brief
Arbeitersymphoniekonzert
Karte
Anton Webern an Arnold Schönberg, 21. Juni 1932
(ASCC 20212).
Aufführung
Wiener Sektion
Brief
Advokaten
2/3
In Universal-Edition an Wenzel Goldbaum und Gerhard Jacoby, 6. April
1932 werden „3/5“ genannt.
3 Aufführungen
Aufführung
im Berliner Run
Die Funk-Stunde Berlin
übertrug eine Aufführung:
3. November 1931, Berlin, Schumann-Saal, Internationale
Gesellschaft für Neue Musik
.
Frankfurter
Rundfunk
Straßburg
Wien, 28. Vi
1932
Lieber Herr Schönberg! Ich danke Ihnen herzlich für Ihren lieben Brief1
und Ihr Vertrauen. Nach dem Arbeitersymphoniekonzert2, in dem Webern
dirigierte, waren wir natürlich alle beisammen. Eine Karte3 an Sie habe ich damals auch unterschrieben, auch meine Frau. – Friede
auf Erden
ist eines Ihrer Werke, die ich besonders liebe – allerdings glaube ich,
dass so ziemlich alle Ihre Werke in diese Kategorie gehören, es kommt
nur darauf an, was man zuletzt gehört hat. Die Aufführung fand ich eigentlich nicht ganz so lebendig, wie Webern das Stück sonst dirigiert hat. Er war wohl durch
viel Arbeit und durch unzureichende Probenanzahl für die beiden mittleren
Stücke des Programms, die Lichtspielmusik und
Bergs
Wein-Arie, irritiert und überhaupt in den
letzten Wochen gesundheitlich wieder nicht in Ordnung. Im Juli will er sich gründlich erholen. – Die Lichtspielmusik ist
auf einer höheren Ebene das, was die Leute sonst Gebrauchsmusik nennen.
Damit ist natürlich nicht gesagt, das sie jeder Esel brauchen kann. Ich
finde das Werk höchst wirkungsvoll, stelle es mir allerdings bisschen
anders vor. Die erste Aufführung4, die
Webern damals im Radio dirigierte, fand ich übrigens viel besser, klarer und
eindrucksvoller. Webern war doch
überarbeitet. Er hatte aber einen kollossalen Dirigentenerfolg.
Die Serenade haben wir so ziemlich aufführungsreif
studiert. Wir wollen zu Beginn der nächsten Saison einen Schönberg Abend
geben, wahrscheinlich als Werbeabend für die Wiener Sektion5, mit Serenade, Pierrot, und ev. Klavierstücken dazwischen. Das Ensemble wären
bei beiden Werken junge Leute, die Sprecherin wahrscheinlich Erika Wagner, Klavier-Solo
Steuermann.
Ich hab mich schon oft in der UE
Greissles angenommen. Es war nur
leider in den letzten Monaten sehr wenig Arbeit für ihn da. Es ist wirklich wahr, dass er von allen Kollationeuren am
meisten beschäftigt wird. Jetzt haben wir endlich auch eine ausgiebigere
Arbeit für ihn: den Klavierauszug einer neuen Oper von Weinberger. Bezahlt
wird das schlecht genug, aber Greissle
war sehr glücklich darüber. Er weiss, dass die Zuteilung dieser Arbeit auf Ihre Intervention hin erfolgt ist.
In dem Streit über die amerikanische
Erstaufführung der Gurrelieder stehe ich mit meinem Herzen natürlich ganz auf
Ihrer Seite und ich habe die moralische Berechtigung Ihres Standpunktes
auch sehr betont.
Juristisch scheint die Sache allerdings nicht so einfach zu sein.
Wenn die Darstellung richtig ist,
die mir seinerzeit Hertzka von der Sachlage
gegeben hat und die er auch in einem ausführlichen Brief6 an Ihre Advokaten7 schrieb (ich lasse Ihnen in einem zweiten Brief eine Abschrift
schicken), dann liegt ein Versprechen vor, das in einer
Situation gegeben wurde, die heute, fürchte ich, nicht mehr zutrifft.
Die Amerikaner
sind so grosse Schnorrer geworden, als hätten sie nicht mehr Geld
als
die Oesterreicher. Die UE bekommt viele Jammer-Briefe von drüben. Auch
wegen der Gurrelieder wurde in diesem
Frühjahr geschrieben, dass der Preis für die jetzige Zeit „excessive“ sei.
So wie ich die Situation sehe – ich muss es leider sagen – bestand für absehbare Zeit wirklich
keine Aussicht, dass man Sie zur Leitung der
Gurrelieder zu entsprechenden
Bedingungen aufgefordert hätte. Ich weiss, dass sich Hertka darum sehr bemüht hat. Nicht nur weil
er trotz eines gewissen Grolls in den letzten Jahren immer sehr an Ihnen
gehangen hat. Sondern, man muss sagen vor allem, auch aus geschäftlichen
Gründen: sowohl wegen der Reklame als auch wegen seiner Tendenz (die er in
den letzten Jahren verfolgte), den Autoren andere Einnahmen zu verschaffen,
um den Verlag zu entlasten,
Hertzka hat übrigens auch mit Bodanzky verhandelt, dessen Verein, wie sie vielleicht wissen, unterdessen
eingegangen ist, weil der Hauptmäzen
gestorben ist, die andern sich zurückgezogen haben. Hertzka hat mir von den Verhandlungen, die
er drüben hatte, ausführlich erzählt. Bei seinem letzten
Aufenthalt in Amerika
1931 war nicht nur Ihre Engagement wieder nicht durchzusetzen, sondern kaum eine Aufführung
der Gurrelieder unter dortigen Dirigenten. Bodanzky, Koussewitzky und andere lehnten wegen der grossen internen
Kosten ab. Offenbar bekam da Hertzka
Angst, dass er für absehbare Zeit die Gurrelieder überhaupt nicht nach
Amerika werde bringen können, wenn er bei
Stokowsky nicht zugreift. Und ich
glaube wirklich, dass er bona fide gehandelt hat. Sie werden sagen, er
hätte Sie zumindest fragen müssen, aber er fürchtete, dass daran die
Aufführung gescheitert wäre. Ich verstehe Ihren Groll sehr gut und verstehe
auch, dass sie sich von dem Engagement für die Gurrelieder materiell sehr viel erwartet hatten. Seien Sie mir nicht böse,
dass ich so offen ausgesprochen habe, dass ich für die letztvergangene
und nächste Zeit keine Chance dafür sah und sehe. Wenn die Verhältnisse
einmal aber wieder besser werden, so ist glaube ich die Aufführung in
Philadelphia durchaus kein Hindernis
für Ihr Engagement, sondern viel eher ein Antrieb dafür.
Die juristische Seite der Angelegenheit kann ich nicht beurteilen.
Es handelt sich offenbar darum ob
ein Versprechen bei geändeter Sachlage rechtlich bindend ist.
Ich habe mit den Leuten der UE sehr viel über die
Angelegenheit gesprochen und sie waren offenbar sehr froh, dass ich
vermitteln will. Denn jeder einzelne, Frl. Rothe, Kalmus, Winter, Heinsheimer, wären sehr glücklich, wenn das persönliche und
geschäftliche Verhältnis des Verlags zu Ihnen, oder vielmehr Ihres zum
Verlag wieder ein freundschaftliches würde. Ich selbst bin bei
dieser Vermittlung in einer sehr schweren Situation und ich fürchte, beide
Teile werden mit mir unzufrieden sein.
Das Angebot der UE. hat Hertzka in einem Brief an Ihre Rechtsanwälte mitgeteilt: Von dem Betrag, den die UE für die Gurrelieder in
Amerika bekommen hat, sollen Sie
2/38 erhalten. Der Verlag hat 800 Dollar bekommen.
Philadelphia zahlte für 3 Aufführungen9 in Philadelphia 1000 Dollar, für eine Aufführung10 in New York 200 Dollar, zusammen also 1200, davon behielt ein Drittel nach den vetraglichen Bestimmungen die amerikanische
Vertretung. Es sind also 480 Dollar, die
Ihnen der Verlag sofort bar auszahlen würde, wenn Sie damit einverstanden, u.zw. in Mark oder Schilling. Wenn Ihnen dieser Betrag im
Verhältnis zu dem, was Sie sich seinerzeit von der amerikanischen Erstaufführung der Gurrelieder erwartet hatten, geringfügig erscheint,
so betrachten Sie sie als erste Anzahlung auf die Gurrelieder in Amerika. Wenn
die europäische Musikkultur nicht zugrunde geht, werden die Gurrelieder
dort noch sehr viel gespielt werden, ganz gewiss auch unter Ihrer
Leitung. Ich bitte Sie recht sehr, mir über die Gurrelieder-Angelegenheit recht bald zu schreiben.
Wohin gehen Sie in diesem Sommer? Wir wollen uns im Herbst eine
Wohnung in Pötzleinsdorf nehmen, in einem
Haus, das noch in Bau ist, und müssen darum in diesem Sommer sehr sparen.
Ich werde nicht lange von Wien fort
sein.
Viele herzlichste Grüsse von uns beiden an Sie und Ihre Frau, und auch an die kleine Dorothea Nuria, von der ich schon Wunderdinge gehört hab.
Ihr Stein
Ihr Stein
Von Aufführungen der letzten und nächsten Zeit: Serenade
im11
Frankfurter
Rundfunk12 (gewesen).
Nächstes Jahr:
Gurre Lieder in Wien (Heger, Gesellschaft der
Musikfreunde),
im Sommer Lied der Waldtaube in
Straßburg13 (reduz.
Orchester). Frankfurter Rundfunk will
nächstes Jahr „Erwartung“ machen, dann
Kammersymphonie (Montag-Konzerte) und Suite (Septett). Mit Rosbaud war ich auf meiner Reise in
Frankfurt
lange beisammen, er ist ein sehr sympathischer Mensch. – Die Kammersymphonie war unlängst
auch wieder (zum 3. Mal) im Stuttgarter Radio.
Brief
Arbeitersymphoniekonzert
Karte
Anton Webern an Arnold Schönberg, 21. Juni 1932
(ASCC 20212).
Aufführung
Wiener Sektion
Brief
Advokaten
2/3
In Universal-Edition an Wenzel Goldbaum und Gerhard Jacoby, 6. April
1932 werden „3/5“ genannt.
3 Aufführungen
Aufführung
im Berliner Run
Die Funk-Stunde Berlin
übertrug eine Aufführung:
3. November 1931, Berlin, Schumann-Saal, Internationale
Gesellschaft für Neue Musik
.
Frankfurter
Rundfunk
Straßburg
28. Juni 1932
The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection
Brief
Zitierhinweis:
Erwin Stein an Arnold Schönberg, 28. Juni 1932, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.16830.