W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Ihren Klagebrief, der sich „um so Wichtiges und auch
um viel Geld“ dreht, habe ich erhalten und ich sehe Sie keines-
wegs als Querulanten an, sondern behandle alle die von Ihnen
aufgeworfenen Fragen mit derselben Freundschaftlichkeit, die
ja stets bei uns zum Ziele führt:
I Als wir im Jänner 1914 unsere Abmachung getroffen
haben, war es uns nicht bekannt, dass im August ein Weltkrieg
ausbrechen wird und ich erachte mich daher derzeit weder in
der Lage noch verpflichtet, die für das Kriegsjahr 1915 vor-
gesehenen Herausgaben1 zu leistenvorzunehmen.
II Ihre Beschwerden über Ihre Abrechnungen habe ich un-
serer Buchhaltung übergeben, die Ihnen in einem separaten Schrei-
ben
die darin enthaltenen Punkte 1, 2, 3, beantworten wird.
Was Punkt 4 betrifft, so beruht es auf einem Irrtume,
dass im letzten Excelsior-Albums2 zwei Stücke von Ihnen aufgenom-
men worden sind. In das Excelsior-Album, das nachdem es schon im Frieden vorbereitet, zu Beginn des Jah-
res 1915 erschien, ist vielmehr nur ein einziges Lied aus den
Gurre-Liedern aufgenommen worden, das 3 Platten umfasst. Zu die-
ser Aufnahme erachtete ich mich nach den Präzedenzfällen voll-
kommen berechtigt. Erstens haben Sie mir für das Album „Das moderne

Lied“3 zwei Lieder4 ohne Tantième zur Verfügung gestellt, zweitens
waren Sie sehr froh darüber, dass ich in das II. Excelsior-Album5
seinerzeit Ihr Lied „Waldsonne“6 aufgenommen habe. Ueberdies hat
es sich aus jahrelangen Erfahrungen erwiesen, dass derartige Auf-
nahmen in Sammelalbums, für die eine ausserordentlich grosse Pro-
paganda geleistet wird, dem Absatz der Werke förderlich sind, dass
eine Schädigung der Einzelausgaben durch die Sammelalbums nie
und nimmer erwächst und ich bin in der Lage Ihnen zu beweisen, dass
Komponisten erfolgreicher Werke ernster Richtung den grössten Wert
darauf legen, dass sie in derartige Sammelalbums aufgenommen wer-
den, weil sie dadurch gerade in die Hände jenes Publikums kommen,
das sich sonst bei blosser Nennung eines modernen Komponisten be-
kreuzigt. Ich hätte übrigens, wenn das Album nicht inmitten der
Kriegszeit erschienen wäre, Ihnen vorher von der Absicht der Auf-
nahme Mitteilung gemacht. Ich konnte ja, immer von dem Gedanken
ausgehend, Ihnen und der Verbreitung Ihrer Werke zu nützen, nicht
daran zweifeln, dass Sie meinen verlagsmässigen Erfahrungen auf
diesem Gebiete etwas Glauben schenken werden. Bezüglich der Ent-
schädigung für die Ueberlassung einer Nummer war von mir der Auf-
trag erteilt, Ihnen denselben Betrag gutzubringen, dem wir dem
Drei Lilienverlag für das Lied „Waldsonne“ als Entschädigung be-
zahlten und zwar M 150.– * Die Buchhaltung hatte auch die Verpflich-
tung
, diesen Betrag Ihrem Konto gutzubringen. Wenn das in der letz-
ten Ihnen zugegangenen Abrechnung noch nicht geschehen ist, so
liegt dies wohl ausschließlich daran, weil das Excelsior-Konto
noch nicht abgeschlossen war, denn es sind zahlreiche Angestellte
der Buchhaltung eingerückt und wir können die Arbeiten mit dem
bestehenden Personal nur mit grösserer Schwierigkeit und manchen

Verspätungen vollführen. Ich bitte Sie also zur Kenntnis zu neh-
men, dass Ihnen als Entschädigung der Betrag von M 150.– für
diese Nummer gutgebracht wurde, wodurch wohl hoffentlich Ihre
Wünsche entsprechend berücksichtigt erscheinen. – Wenn Sie von
diesem Excelsior-Album bisher kein Exemplar erhalten haben, so
ist daran ebenfalls nur der Krieg und die damit in Verbindung
stehenden immensen Schwierigkeiten schuld. Ich beehre mich, Ihnen
ein solches gleichzeitig als Beleg-Exemplar zu dedizieren. So
viel ich mich erinnere, haben Sie Band I und Band II seinerzeit
erhalten. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, so stehen Ih-
nen diese ebenfalls zur Verfügung. (In Band I ist allerdings
kein Werk von Ihnen aufgenommen.)
Ich möchte nur noch zu dem Ihnen wohl wichtigsten
Punkt 1 Ihrer Beschwerden, die vertragsmässige Herausgabefrist
betreffend, Einiges bemerken:
Während des Krieges moderne Werke komplizierterer Art
herauszugeben, hat sich, wie es die allgemeinen Erfahrungen lehren,
als ein grosser Fehler erwiesen. Ich bin überzeugt, dass wir mit
den George-Liedern und dem Pierrot lunaire weit grössere Erfolge
erzielt hätten, wenn wir diese Werke erst nach dem Kriege heraus-
gebracht hätten. Sie wissen, dass eine grosse Zahl von Interessen-
ten sich im Felde befindet, Sie wissen, dass der Verkehr mit dem
Auslande, nicht nur mit dem feindlichen, sondern selbst mit dem
neutralen, unsagbare Schwierigkeiten verursacht, Sie wissen, dass
Aufführungen komplizierterer Art derzeit überhaupt nicht möglich
gemacht werden, wenn es sich nicht um einen, von den Wogen der Mode,
Popularität und Sensationslust getragenen Autor handelt, wie
Richard Strauss. Eben weil Sie all diese Dinge gewusst haben,
wollten Sie mich während des Krieges an den Buchstaben des Ver-

trages nicht erinnern. Sie wissen übrigens, dass ich dort, wo
dies nur irgendwie möglich ist, auch über die Buchstaben des Ver-
trages hinaus Ihnen entgegenkomme. – Ihren Entschluss, nun keine
Rücksicht auf den Krieg zu nehmen motivieren Sie damit, dass wir
alles mögliche Andere und sogar grössere Unternehmungen während des
Krieges voll betreiben. – Es würde mich nun sehr interessieren,
worauf Sie mit diesen, mir rätselhaften Bemerkungen anspielen,
da mir von all diesen Dingen nichts bekannt ist.
Ich möchte – mehr als Kuriosum – noch erwähnen, dass
ich von Ihnen nicht ein einziges der Werke zu deren Herausgabe
im Laufe des Jahres 1915 Sie mich verpflichten wollen, im Manus-
kript von Ihnen erhalten habe und ich würde also bisher, von allen
anderen Gründen abgesehen, nicht in der Lage gewesen sein, die
betreffenden Werke zu drucken.
Ich hoffe und wünsche, dass Sie auf Grund meines Heutigen
die von Ihnen gerügten Uebersehen, Rückstände und Missgriffe in
etwas anderem Lichte sehen werden und ich würde mich sehr freuen,
mit Ihnen die eventuell noch nicht ganz geklärten Punkte im per-
sönlichen Verkehr einer definitiven Klärung zuzuführen. Nachdem
Sie in Wien wohnen, erscheint es mir zweckmässiger wenn wir dort,
wo es überhaupt möglich ist, den Korrespondenzweg vermeiden.
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen stets aufrichtig
ergebener

W
Wohlgeboren
Lieber Herr Schönberg!
Ihren Klagebrief, der sich „um so Wichtiges und auch um viel Geld“ dreht, habe ich erhalten und ich sehe Sie keineswegs als Querulanten an, sondern behandle alle die von Ihnen aufgeworfenen Fragen mit derselben Freundschaftlichkeit, die ja stets bei uns zum Ziele führt:
I Als wir im Jänner 1914 unsere Abmachung getroffen haben, war es uns nicht bekannt, dass im August ein Weltkrieg ausbrechen wird und ich erachte mich daher derzeit weder in der Lage noch verpflichtet, die für das Kriegsjahr 1915 vor gesehenen Herausgaben1 vorzunehmen.
II Ihre Beschwerden über Ihre Abrechnungen habe ich unserer Buchhaltung übergeben, die Ihnen in einem separaten Schreiben die darin enthaltenen Punkte 1, 2, 3, beantworten wird.
Was Punkt 4 betrifft, so beruht es auf einem Irrtume, dass im letzten Excelsior-Album2 zwei Stücke von Ihnen aufgenom men worden sind. In das Excelsior-Album, das nachdem es schon im Frieden vorbereitet, zu Beginn des Jahres 1915 erschien, ist vielmehr nur ein einziges Lied aus den Gurre-Liedern aufgenommen worden, das 3 Platten umfasst. Zu dieser Aufnahme erachtete ich mich nach den Präzedenzfällen voll kommen berechtigt. Erstens haben Sie mir für das Album „Das moderne Lied“3 zwei Lieder4 ohne Tantième zur Verfügung gestellt, zweitens waren Sie sehr froh darüber, dass ich in das II. Excelsior-Album5 seinerzeit Ihr Lied „Waldsonne“6 aufgenommen habe. Ueberdies hat es sich aus jahrelangen Erfahrungen erwiesen, dass derartige Aufnahmen in Sammelalbums, für die eine ausserordentlich grosse Pro paganda geleistet wird, dem Absatz der Werke förderlich sind, dass eine Schädigung der Einzelausgaben durch die Sammelalbums nie und nimmer erwächst und ich bin in der Lage Ihnen zu beweisen, dass Komponisten erfolgreicher Werke ernster Richtung den grössten Wert darauf legen, dass sie in derartige Sammelalbums aufgenommen werden, weil sie dadurch gerade in die Hände jenes Publikums kommen, das sich sonst bei blosser Nennung eines modernen Komponisten bekreuzigt. Ich hätte übrigens, wenn das Album nicht inmitten der Kriegszeit erschienen wäre, Ihnen vorher von der Absicht der Aufnahme Mitteilung gemacht. Ich konnte ja, immer von dem Gedanken ausgehend, Ihnen und der Verbreitung Ihrer Werke zu nützen, nicht daran zweifeln, dass Sie meinen verlagsmässigen Erfahrungen auf diesem Gebiete etwas Glauben schenken werden. Bezüglich der Entschädigung für die Ueberlassung einer Nummer war von mir der Auftrag erteilt, Ihnen denselben Betrag gutzubringen, dem wir dem Drei Lilienverlag für das Lied „Waldsonne“ als Entschädigung bezahlten und zwar M 150.– Die Buchhaltung hatte auch die Verpflich tung, diesen Betrag Ihrem Konto gutzubringen. Wenn das in der letzten Ihnen zugegangenen Abrechnung noch nicht geschehen ist, so liegt dies wohl ausschließlich daran, weil das Excelsior-Konto noch nicht abgeschlossen war, denn es sind zahlreiche Angestellte der Buchhaltung eingerückt und wir können die Arbeiten mit dem bestehenden Personal nur mit grösserer Schwierigkeit und manchen Verspätungen vollführen. Ich bitte Sie also zur Kenntnis zu nehmen, dass Ihnen als Entschädigung der Betrag von M 150.– für diese Nummer gutgebracht wurde, wodurch wohl hoffentlich Ihre Wünsche entsprechend berücksichtigt erscheinen. – Wenn Sie von diesem Excelsior-Album bisher kein Exemplar erhalten haben, so ist daran ebenfalls nur der Krieg und die damit in Verbindung stehenden immensen Schwierigkeiten schuld. Ich beehre mich, Ihnen ein solches gleichzeitig als Beleg-Exemplar zu dedizieren. So viel ich mich erinnere, haben Sie Band I und Band II seinerzeit erhalten. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, so stehen Ihnen diese ebenfalls zur Verfügung. (In Band I ist allerdings kein Werk von Ihnen aufgenommen.)
Ich möchte nur noch zu dem Ihnen wohl wichtigsten Punkt 1 Ihrer Beschwerden, die vertragsmässige Herausgabefrist betreffend, Einiges bemerken:
Während des Krieges moderne Werke komplizierterer Art herauszugeben, hat sich, wie es die allgemeinen Erfahrungen lehren, als ein grosser Fehler erwiesen. Ich bin überzeugt, dass wir mit den George-Liedern und dem Pierrot lunaire weit grössere Erfolge erzielt hätten, wenn wir diese Werke erst nach dem Kriege herausgebracht hätten. Sie wissen, dass eine grosse Zahl von Interessenten sich im Felde befindet, Sie wissen, dass der Verkehr mit dem Auslande, nicht nur mit dem feindlichen, sondern selbst mit dem neutralen, unsagbare Schwierigkeiten verursacht, Sie wissen, dass Aufführungen komplizierterer Art derzeit überhaupt nicht möglich gemacht werden, wenn es sich nicht um einen, von den Wogen der Mode, Popularität und Sensationslust getragenen Autor handelt, wie Richard Strauss. Eben weil Sie all diese Dinge gewusst haben, wollten Sie mich während des Krieges an den Buchstaben des Vertrages nicht erinnern. Sie wissen übrigens, dass ich dort, wo dies nur irgendwie möglich ist, auch über die Buchstaben des Vertrages hinaus Ihnen entgegenkomme. – Ihren Entschluss, nun keine Rücksicht auf den Krieg zu nehmen motivieren Sie damit, dass wir alles mögliche Andere und sogar grössere Unternehmungen während des Krieges voll betreiben. – Es würde mich nun sehr interessieren, worauf Sie mit diesen, mir rätselhaften Bemerkungen anspielen, da mir von all diesen Dingen nichts bekannt ist.
Ich möchte – mehr als Kuriosum – noch erwähnen, dass ich von Ihnen nicht ein einziges der Werke zu deren Herausgabe im Laufe des Jahres 1915 Sie mich verpflichten wollen, im Manuskript von Ihnen erhalten habe und ich würde also bisher, von allen anderen Gründen abgesehen, nicht in der Lage gewesen sein, die betreffenden Werke zu drucken.
Ich hoffe und wünsche, dass Sie auf Grund meines Heutigen die von Ihnen gerügten Uebersehen, Rückstände und Missgriffe in etwas anderem Lichte sehen werden und ich würde mich sehr freuen, mit Ihnen die eventuell noch nicht ganz geklärten Punkte im persönlichen Verkehr einer definitiven Klärung zuzuführen. Nachdem Sie in Wien wohnen, erscheint es mir zweckmässiger wenn wir dort, wo es überhaupt möglich ist, den Korrespondenzweg vermeiden.
Mit vielen herzlichen Grüssen Ihr Ihnen stets aufrichtig ergebener
Emil Hertzka

25. Oktober 1915


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 25. Oktober 1915, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.17582.

Download:
Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen