D/M.
Herrn
BERLIN-Westend,
Sehr verehrter Meister Schönberg!
Empfangen Sie vor allem meinen herzlichsten Dank für
Ihre Zuschrift vom 12. April, die ich vor allem als grosses Ver-
trauensvotum meiner Person auffasse und als eine Ehrung, auf
die ich stolz bin. Leider liegt aber in Ihrem Plan eine der-
artige Überschätzung meiner Person, dass ich darüber ein wenig
konsterniert bin. Wenn ich also Ihre freundliche Voraussetzung,
Ihre Aktion auf das weitestgehende zu fördern, nicht erfüllen
kann, so geschieht dies erstens, weil ich felsenfest überzeugt
bin, dass Schutzmassnahmen gegen meine Nachfolger vollkommen
überflüssig sind und zweitens, weil die von Ihnen vorgesehene
„Vereinigung“
1, selbst für den Fall, dass die Notwendigkeit von
Schutzmassnahmen theoretisch denkbar wäre, das ungeeignetste
Mittel dazu wäre. Ich werde in der nächsten Zeit wieder in Berlin
Gelegenheit haben, mit Ihnen persönlich die Angelegenheit durch-
zusprechen, denn ich müsste Ihnen viele seitenlange Briefe
schicken, um all die Gründe gegen die Gründung darzulegen. Ganz
kurz möchte ich nur bemerken, dass erstens das Verhältnis der
Autoren der U.E. zu dieser durch Verträge geregelt wird und dass
zweitens überdies für all das, was in den Verträgen nicht enthalten

ist, die Usance, oder was man auf gut deutsch Sitte und Brauch nennt,
massgebend ist. Als dritter subjektivster Faktor kommt nun noch
der aus dem persönlichen Kontakt zwischen Verlagsleiter und Autor
resultierende Gedanken- und Gefühlsaustausch, der in vielen Fällen
jene Temperatur zwischen Autor und Verlag erzeugt und reguliert, in
der die Beziehungen sich am schönsten entfalten können. Wenn ich
Sie recht verstehe, so ist es gerade jener letzte Punkt, den Sie
den Autoren der U.E. durch eine „Vereinigung“ sichern wollen. Denn
Sie sind viel zu klug um es nicht zu wissen, dass das, was durch
Vertrag und durch die Usance, also Sitte und Brauch, festgelegt
ist, einerseits durch die Gerichte (das heisst durch das Recht),
andererseits durch Autorenvereinigungen mannigfacher Art und auch
durch die öffentliche Meinung (Presse) geschützt werden kann und
auch stets geschützt wird. Das, was aber durch keine Vereinigung
ersetzt werden kann, sind eben die persönlichen Gefühle und die
aus solchen Gefühlen entstehenden Beziehungen und aus diesen Be-
ziehungen sich ergebenden Auswirkungen.
Ich glaube, ich brauche Ihnen meinen Gedankengang nicht
weiter zu detaillieren. Sie werden nun verstehen, warum ich diese
Aktion nicht fördern kann und warum ich sie vollkommen überflüssig
und möglicherweise sogar für schädlich erachten würde und zwar so-
wohl für die Autoren als auch für das Unternehmen selbst.
Im übrigen aber nochmals vielen herzlichen Dank und
die ergebensten Grüsse
Ihres Sie warm verehrenden
D/M.
Herrn
BERLIN-Westend,
Sehr verehrter Meister Schönberg!
Empfangen Sie vor allem meinen herzlichsten Dank für Ihre Zuschrift vom 12. April, die ich vor allem als grosses Vertrauensvotum meiner Person auffasse und als eine Ehrung, auf die ich stolz bin. Leider liegt aber in Ihrem Plan eine derartige Überschätzung meiner Person, dass ich darüber ein wenig konsterniert bin. Wenn ich also Ihre freundliche Voraussetzung, Ihre Aktion auf das weitestgehende zu fördern, nicht erfüllen kann, so geschieht dies erstens, weil ich felsenfest überzeugt bin, dass Schutzmassnahmen gegen meine Nachfolger vollkommen überflüssig sind und zweitens, weil die von Ihnen vorgesehene „Vereinigung“1, selbst für den Fall, dass die Notwendigkeit von Schutzmassnahmen theoretisch denkbar wäre, das ungeeignetste Mittel dazu wäre. Ich werde in der nächsten Zeit wieder in Berlin Gelegenheit haben, mit Ihnen persönlich die Angelegenheit durchzusprechen, denn ich müsste Ihnen viele seitenlange Briefe schicken, um all die Gründe gegen die Gründung darzulegen. Ganz kurz möchte ich nur bemerken, dass erstens das Verhältnis der Autoren der U.E. zu dieser durch Verträge geregelt wird und dass zweitens überdies für all das, was in den Verträgen nicht enthalten ist, die Usance, oder was man auf gut deutsch Sitte und Brauch nennt, massgebend ist. Als dritter subjektivster Faktor kommt nun noch der aus dem persönlichen Kontakt zwischen Verlagsleiter und Autor resultierende Gedanken- und Gefühlsaustausch, der in vielen Fällen jene Temperatur zwischen Autor und Verlag erzeugt und reguliert, in der die Beziehungen sich am schönsten entfalten können. Wenn ich Sie recht verstehe, so ist es gerade jener letzte Punkt, den Sie den Autoren der U.E. durch eine „Vereinigung“ sichern wollen. Denn Sie sind viel zu klug um es nicht zu wissen, dass das, was durch Vertrag und durch die Usance, also Sitte und Brauch, festgelegt ist, einerseits durch die Gerichte (das heisst durch das Recht), andererseits durch Autorenvereinigungen mannigfacher Art und auch durch die öffentliche Meinung (Presse) geschützt werden kann und auch stets geschützt wird. Das, was aber durch keine Vereinigung ersetzt werden kann, sind eben die persönlichen Gefühle und die aus solchen Gefühlen entstehenden Beziehungen und aus diesen Beziehungen sich ergebenden Auswirkungen.
Ich glaube, ich brauche Ihnen meinen Gedankengang nicht weiter zu detaillieren. Sie werden nun verstehen, warum ich diese Aktion nicht fördern kann und warum ich sie vollkommen überflüssig und möglicherweise sogar für schädlich erachten würde und zwar sowohl für die Autoren als auch für das Unternehmen selbst.
Im übrigen aber nochmals vielen herzlichen Dank und
die ergebensten Grüsse
Ihres Sie warm verehrenden
Emil Hertzka

25. April 1928


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 25. April 1928, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.17593.

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