Orchesterabteilung!
S/P.
Herrn
Sehr verehrter Meister Schönberg!
Im Anschluss an Ihre Unterredung mit Herrn Direktor
Hertzka erlauben wir uns, Sie im Folgenden über unsere Propagan-
datätigkeit betreffs Ihrer „Variationen für Orchester“ näher zu
informieren.
Ein Zirkular, welches das Erscheinen der Partitur
ankündigt, wurde an sämtliche Dirigenten der ganzen Welt ver-
sandt, welche Symphonie Konzerte veranstalten. Ausserdem haben
wir an jene Dirigenten, welche für das Werk ernstlich in Betracht
kommen, wie Scherchen, Papst, Steinberg, Horenstein, Talich etc. auch sol-
che in kleineren Städten, wie Laber (Gera), Lindemann (Freiburg),
ferner Vorstände von Konzertvereinigungen, wie Reinhart, Winter-
thur
, in besonderen, persönlich gefärbten Briefen auf das Werk hin-
gewiesen.
Zum Studium haben das Werk derzeit in Händen:
Klemperer, Scherchen, Musikkollegium Winterthur, Hamilton Harty
(Manchester), Musikhochschule Mainz, Breisach (Mainz), Koussevitzky,
Horenstein, Očadlik (Sektion Prag der Internationalen Gesellschaft
für neue Musik
). Retourniert wurde uns die Partitur bis jetzt von
Kapellmeister Schüler (Oldenburg); in einem Begleitschreiben be-

dauert er auf das Lebhafteste, das Werk vorläufig nicht brin-
gen zu können. Von Aufführungen, die im nächsten Jahr geplant
sind, sind uns bis jetzt bekannt: Philadelphia (Stokowsky)1,
Winterthur (Scherchen), der die Variationen auch in anderen
Städten dirigieren will und Frankfurt (Steinberg).
Aus unseren Korrespondenzen und Unterredungen mit
Dirigenten geht hervor, dass sie sich noch nicht recht an das
Werk heranwagen, sowohl wegen der Schwierigkeiten des Studiums,
als auch wegen des Widerstandes seitens der Vereinsvorstände.
Ein neues Werk von Ihnen scheint die Herren vor allem daran
zu erinnern, welche ältern sie noch nicht aufgeführt haben. Der
Erfolg der „Glücklichen Hand“ z. B. ist ihnen der Anlass, sich
für die Gurre-Lieder zu interessieren. Das Erscheinen der
Variationen bewirkt, das etwa Abendroth endlich einmal die
Kammersymphonie dirigiert. Es sind eben alle zu weit zurück.
Wir wissen aus Erfahrung, dass von der ersten geäusserten Ab-
sicht, ein Werk von Ihnen aufzuführen, bis zu ihrer Realisie-
rung oft Jahre vergehen. Es liegen eine ganze Reihe von solchen
Fällen vor, dass Dirigenten „Pelleas“, die Gurre-Lieder oder die
Kammersymphonie alljährlich zunächst in ihrem Programmentwurf
anführen; schliesslich pflegt dann einmal eine Aufführung aber
doch zu Stande zu kommen, wenn auch Jahre später. Wir halten sol-
che Fälle genau in Evidenz, um immer wieder darauf zurückzukom-

men. Der Grund für diese Verschiebungen ist gewöhnlich Proben-
mangel. Bei den Gurre-Liedern natürlich auch Geldmangel. Bei
den Variationen war aber die stereotype Antwort, die wir er-
hielten: „Wie müssen unser Publikum erst mit dem älteren Schönberg
bekanntmachen.“
Sie können versichert sein, dass wir weiterhin uns
bemühen werden, für die Variationen und Ihre übrigen Werke inten-
sive Propaganda zu machen. Im Vorstehenden wollten wir Ihnen nur
aus der Perspektive unserer Orchesterabteilung einige Schwierig-
keiten schildern, denen unsere Propaganda begegnet.
Ihre Anregung, Schallplattenaufnahmen Ihrer Werke
zu bewirken, werden wir gerne aufnehmen und das Nötige veran-
lassen. Wir werden Sie hierüber noch genauer informieren. Zu-
nächst denken wir auchausser an Pierrot Lunaire, an die Kammermusik-
werke, Sextett, Streichquartette2 etc.
Wir hoffen, Ihnen mit unseren Darlegungen gedient
zu haben und zeichnen
mit vorzüglicher Hochachtung Emil Hertzka

Orchesterabteilung!
S/P.
Herrn
Sehr verehrter Meister Schönberg!
Im Anschluss an Ihre Unterredung mit Herrn Direktor Hertzka erlauben wir uns, Sie im Folgenden über unsere Propagandatätigkeit betreffs Ihrer „Variationen für Orchester“ näher zu informieren.
Ein Zirkular, welches das Erscheinen der Partitur ankündigt, wurde an sämtliche Dirigenten der ganzen Welt versandt, welche Symphonie Konzerte veranstalten. Ausserdem haben wir jene Dirigenten, welche für das Werk ernstlich in Betracht kommen, wie Scherchen, Papst, Steinberg, Horenstein, Talich etc. auch solche in kleineren Städten, wie Laber (Gera), Lindemann (Freiburg), ferner Vorstände von Konzertvereinigungen, wie Reinhart, Winterthur, in besonderen, persönlich gefärbten Briefen auf das Werk hingewiesen.
Zum Studium haben das Werk derzeit in Händen:
Klemperer, Scherchen, Musikkollegium Winterthur, Hamilton Harty (Manchester), Musikhochschule Mainz, Breisach (Mainz), Koussevitzky, Horenstein, Očadlik (Sektion Prag der Internationalen Gesellschaft für neue Musik). Retourniert wurde uns die Partitur bis jetzt von Kapellmeister Schüler (Oldenburg); in einem Begleitschreiben bedauert er auf das Lebhafteste, das Werk vorläufig nicht bringen zu können. Von Aufführungen, die im nächsten Jahr geplant sind, sind uns bis jetzt bekannt: Philadelphia (Stokowsky)1, Winterthur (Scherchen), der die Variationen auch in anderen Städten dirigieren will und Frankfurt (Steinberg).
Aus unseren Korrespondenzen und Unterredungen mit Dirigenten geht hervor, dass sie sich noch nicht recht an das Werk heranwagen, sowohl wegen der Schwierigkeiten des Studiums, als auch wegen des Widerstandes seitens der Vereinsvorstände. Ein neues Werk von Ihnen scheint die Herren vor allem daran zu erinnern, welche ältern sie noch nicht aufgeführt haben. Der Erfolg der „Glücklichen Hand“ z. B. ist ihnen der Anlass, sich für die Gurre-Lieder zu interessieren. Das Erscheinen der Variationen bewirkt, das etwa Abendroth endlich einmal die Kammersymphonie dirigiert. Es sind eben alle zu weit zurück. Wir wissen aus Erfahrung, dass von der ersten geäusserten Absicht, ein Werk von Ihnen aufzuführen, bis zu ihrer Realisierung oft Jahre vergehen. Es liegen eine ganze Reihe von solchen Fällen vor, dass Dirigenten „Pelleas“, die Gurre-Lieder oder die Kammersymphonie alljährlich zunächst in ihrem Programmentwurf anführen; schliesslich pflegt dann einmal eine Aufführung aber doch zu Stande zu kommen, wenn auch Jahre später. Wir halten solche Fälle genau in Evidenz, um immer wieder darauf zurückzukommen. Der Grund für diese Verschiebungen ist gewöhnlich Probenmangel. Bei den Gurre-Liedern natürlich auch Geldmangel. Bei den Variationen war aber die stereotype Antwort, die wir erhielten: „Wie müssen unser Publikum erst mit dem älteren Schönberg bekanntmachen.“
Sie können versichert sein, dass wir weiterhin uns bemühen werden, für die Variationen und Ihre übrigen Werke intensive Propaganda zu machen. Im Vorstehenden wollten wir Ihnen nur aus der Perspektive unserer Orchesterabteilung einige Schwierigkeiten schildern, denen unsere Propaganda begegnet.
Ihre Anregung, Schallplattenaufnahmen Ihrer Werke zu bewirken, werden wir gerne aufnehmen und das Nötige veranlassen. Wir werden Sie hierüber noch genauer informieren. Zunächst denken wir ausser an Pierrot Lunaire, an die Kammermusikwerke, Sextett, Streichquartette2 etc.
Wir hoffen, Ihnen mit unseren Darlegungen gedient zu haben und zeichnen
mit vorzüglicher Hochachtung

Erwin Stein
Emil Hertzka

15. Juli 1929


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 15. Juli 1929, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.17607.

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