Wien I, Karlsplatz 6
schl/Wi.
Wien, 3. Februar 1947.
Herrn
Los Angeles, 24, Calif./U.S.A.
Sehr verehrter lieber Meister!
Besten Dank für Ihren Brief vom 21. v. M., der soeben an-
gekommen ist. Ich freue mich sehr, dass wir in absehbarer
Zeit mit den Manuskripten rechnen können.
Bezüglich unserer Anteile an der englischen Ausgabe werden
wir uns mit der Philosophical Library, New York, direkt
ins Einvernehmen setzen. Wir werden bei der hiesigen Natio-
nalbank
eine Eingabe machen, um diesen Betrag als Vorschuss
für die deutsche Ausgabe verwenden zu können. Dies ist jeden-
falls der einfachste Weg, eine Zahlung zu erreichen, wobei
ich allerdings nicht weiss, ob der dortige Verlag über das
uns gehörige Geld bereits frei verfügen kann. Immerhin wäre
es denkbar, dass der Verlag mit Rücksicht auf die besonderen
Umstände ebenfalls eine Eingabe macht und die allenfalls
notwendige Bewilligung für die Ueberweisung so erhält. Wir
können an den Verlag aber erst in dem Augenblick herantreten,
wenn wir von unserer Nationalbank die Bewilligung in Händen
haben. Nach unseren bisherigen Erfahrungen müssen wir leider
damit rechnen, dass es einige Wochen dauert, bis wir den
endgültigen Bescheid in Händen haben. Ich sende Ihnen daher
auch jetzt noch nicht den Vertrag, da ich in diesen die
Regelung des Vorschusses aufnehmen will.
Nach verschiedenen Nachrichten, die wir aus den USA haben,
ist es ausserordentlich schwierig, Bewilligungen zur Frei-
gabe von Geldern, die im Besitze des Alien Property Custodian
sind, zu erhalten. – Nach allem, was ich von Herrn Winter in-
zwischen gehört habe, hat er sich wirklich ernstlich bemüht.
Ich fürchte, dass Sie ihm unrecht tun, wenn Sie die Schuld
für das bisherige Misslingen allein auf ihn schieben. Wir
haben noch keine Abrechnungen über die Gesamtzeit erhalten
und ich kann Ihnen daher die auf Sie entfallende Summe noch
nicht bekanntgeben. Doch haben wir vor kurzem schon um die
endgültige Abrechnung gebeten. Die AMP hat die Vertretung
der U.E. für Amerika übernommen. Als solche hat sie aus-
schliesslich die Interessen der U.E. Wien zu vertreten und
nicht das Recht, selbständig zu handeln. Während des Krieges
musste aus verschiedenen Gründen dieser Grundsatz durchbro-
chen werden. Die AMP hat daher gewisse Massnahmen getroffen,
über die sie nachträglich mit uns Vereinbarung zu treffen
hat. Ich bin jedoch überzeugt, dass all dies lediglich aus
dem Grunde geschehen ist, um die Interessen der U.E., die
ja selbst nichts unternehmen konnte, zu wahren. All diese
Auseinandersetzungen werden wahrscheinlich endgültig erst
dann geregelt werden können, wenn der Staatsvertrag mit
Oesterreich geschlossen ist. Jedenfalls habe ich Herrn

Winter ausdrücklich gebeten, und er hat dies auch in verschiedenen
Schreiben von sich aus uns bestätigt, dass in der augenblicklichen
sehr komplizierten Situation nicht allein die wörtliche Auslegung
von Verträgen bestimmend sein soll, sondern dass die Entscheidun-
gen so getroffen werden sollen, dass für alle Beteiligten die denk-
bar günstigste Lösung gefunden wird. Ich weiss wohl, dass dadurch
manche Komplikationen rein juristischer Art entstehen können,
glaube[n] aber, dass ein solches Vorgehen, bei dem wir nicht auf
unsere formalen Rechte pochen können, insbesondere im Interesse
der jetzt in Amerika lebenden Komponisten unseres Verlages liegt.
Inzwischen habe ich mich erkundigt, wieso die Bemühungen, Sie nach
Wien einzuladen, bisher zu keinem Ergebnis geführt haben. Es wurde
mir mitgeteilt, dass auf Grund meiner damaligen Anregung der Be-
schluss gefasst worden war, Sie zur Rückkehr nach Oesterreich
einzuladen und ihnen im Zusammenwirken von Stadt und Staat ein
künstlerisches Wirkungsfeld anzubieten. Noch bevor es zu einer
endgültigen Formulierung dieses Angebots an Sie gekommen war, ist
jedoch eine Nachricht aus Amerika von Seiten eines Ihrer Freunde
eingetroffen, die besagte, dass Sie, mit Rücksicht auf Ihren Ge-
sundheitszustand bei den derzeitigen Verhältnissen in Wien unter
keinen Umständen nach Oesterreich zurückkehren könnten. Darauf-
hin wurde mit grossem Bedauern das Projekt nicht weiter verfolgt.
Was nun Pelleas und Melisande betrifft, so sind wir von Ihren
Plänen, eine Umarbeitung des Werkes vorzunehmen, die die Auffüh-
rung erleichtert, sehr eingenommen. Inzwischen haben wir auch von
Herrn Winter und Greissle Nachricht über die Möglichkeit einer
Ballettaufführung erhalten. Ich nehme an, dass die Herausgabe des
neuen Werkes in der Konzertfassung durch uns erfolgt. Ich bin
aber selbstverständlich damit einverstanden, dass ein Material
für die Ballettaufführungen in Amerika dort hergestellt wird.
Laut unserem Vertrag mit der AMP wäre diese dafür zuständig. Soll-
te sich aus irgendwelchen Gründen die Notwendigkeit ergeben, dieses
mit einem anderen Verlag zu tun, so bin ich überzeugt, dass ein
Uebereinkommen zwischen diesem und Herrn Winter getroffen werden
wird.
Mit ergebensten Grüssen
P. S. ein vierhändiger Klavier-
auszug
und zwei Partituren zu
Pelleas und Melisande“ gehen
Ihnen gleichzeitig per Post zu.
schl/Wi.
Wien, 3. Februar 1947.
Herrn
Los Angeles, 24, Calif./U.S.A.
Sehr verehrter lieber Meister!
Besten Dank für Ihren Brief vom 21. v. M., der soeben angekommen ist. Ich freue mich sehr, dass wir in absehbarer Zeit mit den Manuskripten rechnen können.
Bezüglich unserer Anteile an der englischen Ausgabe werden wir uns mit der Philosophical Library, New York, direkt ins Einvernehmen setzen. Wir werden bei der hiesigen Nationalbank eine Eingabe machen, um diesen Betrag als Vorschuss für die deutsche Ausgabe verwenden zu können. Dies ist jedenfalls der einfachste Weg, eine Zahlung zu erreichen, wobei ich allerdings nicht weiss, ob der dortige Verlag über das uns gehörige Geld bereits frei verfügen kann. Immerhin wäre es denkbar, dass der Verlag mit Rücksicht auf die besonderen Umstände ebenfalls eine Eingabe macht und die allenfalls notwendige Bewilligung für die Ueberweisung so erhält. Wir können an den Verlag aber erst in dem Augenblick herantreten, wenn wir von unserer Nationalbank die Bewilligung in Händen haben. Nach unseren bisherigen Erfahrungen müssen wir leider damit rechnen, dass es einige Wochen dauert, bis wir den endgültigen Bescheid in Händen haben. Ich sende Ihnen daher auch jetzt noch nicht den Vertrag, da ich in diesen die Regelung des Vorschusses aufnehmen will.
Nach verschiedenen Nachrichten, die wir aus den USA haben, ist es ausserordentlich schwierig, Bewilligungen zur Freigabe von Geldern, die im Besitze des Alien Property Custodian sind, zu erhalten. – Nach allem, was ich von Herrn Winter inzwischen gehört habe, hat er sich wirklich ernstlich bemüht. Ich fürchte, dass Sie ihm unrecht tun, wenn Sie die Schuld für das bisherige Misslingen allein auf ihn schieben. Wir haben noch keine Abrechnungen über die Gesamtzeit erhalten und ich kann Ihnen daher die auf Sie entfallende Summe noch nicht bekanntgeben. Doch haben wir vor kurzem schon um die endgültige Abrechnung gebeten. Die AMP hat die Vertretung der U.E. für Amerika übernommen. Als solche hat sie ausschliesslich die Interessen der U.E. Wien zu vertreten und nicht das Recht, selbständig zu handeln. Während des Krieges musste aus verschiedenen Gründen dieser Grundsatz durchbrochen werden. Die AMP hat daher gewisse Massnahmen getroffen, über die sie nachträglich mit uns Vereinbarung zu treffen hat. Ich bin jedoch überzeugt, dass all dies lediglich aus dem Grunde geschehen ist, um die Interessen der U.E., die ja selbst nichts unternehmen konnte, zu wahren. All diese Auseinandersetzungen werden wahrscheinlich endgültig erst dann geregelt werden können, wenn der Staatsvertrag mit Oesterreich geschlossen ist. Jedenfalls habe ich Herrn Winter ausdrücklich gebeten, und er hat dies auch in verschiedenen Schreiben von sich aus uns bestätigt, dass in der augenblicklichen sehr komplizierten Situation nicht allein die wörtliche Auslegung von Verträgen bestimmend sein soll, sondern dass die Entscheidungen so getroffen werden sollen, dass für alle Beteiligten die denkbar günstigste Lösung gefunden wird. Ich weiss wohl, dass dadurch manche Komplikationen rein juristischer Art entstehen können, glaube aber, dass ein solches Vorgehen, bei dem wir nicht auf unsere formalen Rechte pochen können, insbesondere im Interesse der jetzt in Amerika lebenden Komponisten unseres Verlages liegt.
Inzwischen habe ich mich erkundigt, wieso die Bemühungen, Sie nach Wien einzuladen, bisher zu keinem Ergebnis geführt haben. Es wurde mir mitgeteilt, dass auf Grund meiner damaligen Anregung der Beschluss gefasst worden war, Sie zur Rückkehr nach Oesterreich einzuladen und ihnen im Zusammenwirken von Stadt und Staat ein künstlerisches Wirkungsfeld anzubieten. Noch bevor es zu einer endgültigen Formulierung dieses Angebots an Sie gekommen war, ist jedoch eine Nachricht aus Amerika von Seiten eines Ihrer Freunde eingetroffen, die besagte, dass Sie, mit Rücksicht auf Ihren Gesundheitszustand bei den derzeitigen Verhältnissen in Wien unter keinen Umständen nach Oesterreich zurückkehren könnten. Daraufhin wurde mit grossem Bedauern das Projekt nicht weiter verfolgt.
Was nun Pelleas und Melisande betrifft, so sind wir von Ihren Plänen, eine Umarbeitung des Werkes vorzunehmen, die die Aufführung erleichtert, sehr eingenommen. Inzwischen haben wir auch von Herrn Winter und Greissle Nachricht über die Möglichkeit einer Ballettaufführung erhalten. Ich nehme an, dass die Herausgabe des neuen Werkes in der Konzertfassung durch uns erfolgt. Ich bin aber selbstverständlich damit einverstanden, dass ein Material für die Ballettaufführungen in Amerika dort hergestellt wird. Laut unserem Vertrag mit der AMP wäre diese dafür zuständig. Sollte sich aus irgendwelchen Gründen die Notwendigkeit ergeben, dieses mit einem anderen Verlag zu tun, so bin ich überzeugt, dass ein Uebereinkommen zwischen diesem und Herrn Winter getroffen werden wird.
Mit ergebensten Grüssen
Schlee
P. S. ein vierhändiger Klavierauszug und zwei Partituren zu „Pelleas und Melisande“ gehen Ihnen gleichzeitig per Post zu.

3. Februar 1947


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 3. Februar 1947, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.17705.

Download:
Dieses Dokument als TEI-XML herunterladen