Schl/Be
Wien, 9. Jänner 1946
Mr.
Los Angeles, 24
California.
Sehr verehrter Meister!
Ich möchte die erste Gelegenheit, einen normalen Brief in die USA
zu schicken, dazu benutzen, Ihnen mitzuteilen, dass die U.E. noch
oder soll ich sagen, wieder existiert.
Einige Male hatte ich die grosse Freude Sie mit Stuckenschmidt in
Berlin besuchen zu dürfen. Die Angelegenheiten, die ich damals als
Vertreter der U.E. mit Ihnen zu bereden hatte, waren so geringfügi-
ger Natur, dass Sie sich meiner kaum erinnern werden.
Nach Beendigung der Kampfhandlungen in Wien hat mich der österrei-
chische
Staat zum öffentlichen Verwalter der U.E. eingesetzt und
es ist mein Bestreben, dieses Unternehmen wieder zu dem zu machen,
was es einmal gewesen ist: Vorkämpfer der Neuen Musik.
Die starke Aktivität, die ich in dem Verlag auf Grund einer Anzahl
wertvoller Mitarbeiter, zu denen auch in lockererem Verhältnis
Erwin Ratz
, Hans Erich Apostel, Josef Polnauer und Olga Novakovic
gehören, zu entfalten versuche, ist zwar noch durch unzählige
Schwierigkeiten des täglichen Lebens behindert, doch lassen wir
uns von unserem Weg nicht abbringen.
Wenn wir bisher auch nicht so viel publizieren konnten, da ausser
den technischen Schwierigkeiten in den Druckereien auch noch der
Umstand dazu kommt, dass fast das gesamte klassische und Unterrichts-
material neu hergestellt werden muss, haben wir doch schon weitge-
hend in das öffentliche künstlerische Leben eingreifen können.
Die IGNM wurde in unseren Räumen wieder gegründet. Ausser ihren
Konzerten, in denen bisher unter anderem Ihr 2. Streichquartett
und die „Hängenden Gärtenaufgeführt1 wurden, veranstalten wir fast
jedem Samstag vor einem nicht sehr grossen, aber sehr interessier-
ten Kreis geladener Gäste Hauskonzerte, in denen wir zunächst einmal
vor allem nachholen, was wir in den letzten Jahren versäumt haben.

Vielleicht bereitet es Ihnen Freude, dass bei den Musikwochen,
die für Ende Mai geplant sind, die Gurrelieder * im Programm stehen.
Besonders aber hoffen wir bald in den Besitz der Partituren Ihrer
neuen Werke zu gelangen, um diese bald in Wien erklingen zu lassen.
Im Verlag ist es unmöglich gewesen, die Werke vor einer Beschlag-
nahme während der Nazizeit zu schützen. Verluste haben wir durch
Kriegsschaden teilweise nur in Ausweichlagern gehabt, wohin wir
diejenigen Vorräte gebracht hatten, die wir besonders gut sichern
wollten und in besonders gutem Schutz glaubten.
Verschiedene Werke sollen jetzt neu aufgelegt werden. Vor allem
auch die Harmonielehre, nach der die grösste Nachfrage besteht.
Ich lege auch ein Verzeichnis derjenigen Werke bei, die zunächst
zum Nachdruck kommen sollen und bitte Sie möglichst umgehend Mit-
teilung zu machen, ob Sie vor dem Neudruck irgendwelche Korrekturen
vornehmen wollen.
Nun aber möchte ich die wichtigste Bitte an Sie richten. Nach dem
Gesagten muss ich wohl nicht weiter ausführen, welches Glück es für
uns bedeuten würde, wenn Sie mit Ihrem Schaffen zu der U.E. zurück-
kehren würden. Allerdings dürften die allgemeinen wirtschaftlichen
Verhältnisse noch für einige Zeit für uns ein schweres Handicap be-
deuten. Ich weiss noch nicht, ob wir in der Lage sein werden, Ihnen
bei Uebernahme neuer Werke Honorare anzubieten, wie sie die Verleger
der Länder guter Valuta geben können. Diesen Mangel wollen wir aber
mit umsomehr Sorgfalt bei der Herausgabe und Liebe bei der Verbrei-
tung des Werkes zu ersetzen versuchen.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch eine andere Frage anschneiden,
die mit dieser vorhergehenden nicht unbedingt in Zusammenhang stehen
muss, aber kann. Haben Sie schon darüber nachgedacht, ob Sie sich
dazu entschliessen könnten, Ihren Wohnsitz nach Wien zu verlegen?
Wir haben die Hoffnung, Wien wieder zu einem Mittelpunkt des modernen
Musiklebens zu machen. Die Aussichten sind jetzt nach den Jahren er-
zwungener Enthaltsamkeit mehr gegeben als jemals. Ich möchte von Ihnen
nur die grundsätzliche Antwort haben, ob Sie im Falle einer Berufung
durch eine öffentliche Stelle grundsätzlich bereit wären, in Verhand-
lungen zu treten.
Darf ich hoffen von Ihnen bald eine Nachricht zu erhalten? Sollten
Sie über mich Erkundigungen einziehen wollen, so bitte ich Sie, sich
an Herrn Winter, AMP zu wenden.
In Verehrung Ihr aufrichtig ergebener
Ich war sehr glücklich von Ihnen
durch Ihren Sohn zu hören3
und grüße herzlichst

Schl/Be
Wien, 9. Jänner 1946
Mr.
Los Angeles, 24
California.
Sehr verehrter Meister!
Ich möchte die erste Gelegenheit, einen normalen Brief in die USA zu schicken, dazu benutzen, Ihnen mitzuteilen, dass die U.E. noch oder soll ich sagen, wieder existiert.
Einige Male hatte ich die grosse Freude Sie mit Stuckenschmidt in Berlin besuchen zu dürfen. Die Angelegenheiten, die ich damals als Vertreter der U.E. mit Ihnen zu bereden hatte, waren so geringfügiger Natur, dass Sie sich meiner kaum erinnern werden.
Nach Beendigung der Kampfhandlungen in Wien hat mich der österreichische Staat zum öffentlichen Verwalter der U.E. eingesetzt und es ist mein Bestreben, dieses Unternehmen wieder zu dem zu machen, was es einmal gewesen ist: Vorkämpfer der Neuen Musik.
Die starke Aktivität, die ich in dem Verlag auf Grund einer Anzahl wertvoller Mitarbeiter, zu denen auch in lockererem Verhältnis Erwin Ratz, Hans Erich Apostel, Josef Polnauer und Olga Novakovic gehören, zu entfalten versuche, ist zwar noch durch unzählige Schwierigkeiten des täglichen Lebens behindert, doch lassen wir uns von unserem Weg nicht abbringen.
Wenn wir bisher auch nicht so viel publizieren konnten, da ausser den technischen Schwierigkeiten in den Druckereien auch noch der Umstand dazu kommt, dass fast das gesamte klassische und Unterrichtsmaterial neu hergestellt werden muss, haben wir doch schon weitgehend in das öffentliche künstlerische Leben eingreifen können.
Die IGNM wurde in unseren Räumen wieder gegründet. Ausser ihren Konzerten, in denen bisher unter anderem Ihr 2. Streichquartett und die „Hängenden Gärtenaufgeführt1 wurden, veranstalten wir fast jedem Samstag vor einem nicht sehr grossen, aber sehr interessierten Kreis geladener Gäste Hauskonzerte, in denen wir zunächst einmal vor allem nachholen, was wir in den letzten Jahren versäumt haben.
Vielleicht bereitet es Ihnen Freude, dass bei den Musikwochen, die für Ende Mai geplant sind, die Gurrelieder im Programm stehen. Besonders aber hoffen wir bald in den Besitz der Partituren Ihrer neuen Werke zu gelangen, um diese bald in Wien erklingen zu lassen.
Im Verlag ist es unmöglich gewesen, die Werke vor einer Beschlagnahme während der Nazizeit zu schützen. Verluste haben wir durch Kriegsschaden teilweise nur in Ausweichlagern gehabt, wohin wir diejenigen Vorräte gebracht hatten, die wir besonders gut sichern wollten und in besonders gutem Schutz glaubten.
Verschiedene Werke sollen jetzt neu aufgelegt werden. Vor allem auch die Harmonielehre, nach der die grösste Nachfrage besteht. Ich lege auch ein Verzeichnis derjenigen Werke bei, die zunächst zum Nachdruck kommen sollen und bitte Sie möglichst umgehend Mitteilung zu machen, ob Sie vor dem Neudruck irgendwelche Korrekturen vornehmen wollen.
Nun aber möchte ich die wichtigste Bitte an Sie richten. Nach dem Gesagten muss ich wohl nicht weiter ausführen, welches Glück es für uns bedeuten würde, wenn Sie mit Ihrem Schaffen zu der U.E. zurückkehren würden. Allerdings dürften die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse noch für einige Zeit für uns ein schweres Handicap bedeuten. Ich weiss noch nicht, ob wir in der Lage sein werden, Ihnen bei Uebernahme neuer Werke Honorare anzubieten, wie sie die Verleger der Länder guter Valuta geben können. Diesen Mangel wollen wir aber mit umsomehr Sorgfalt bei der Herausgabe und Liebe bei der Verbreitung des Werkes zu ersetzen versuchen.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch eine andere Frage anschneiden, die mit dieser vorhergehenden nicht unbedingt in Zusammenhang stehen muss, aber kann. Haben Sie schon darüber nachgedacht, ob Sie sich dazu entschliessen könnten, Ihren Wohnsitz nach Wien zu verlegen? Wir haben die Hoffnung, Wien wieder zu einem Mittelpunkt des modernen Musiklebens zu machen. Die Aussichten sind jetzt nach den Jahren erzwungener Enthaltsamkeit mehr gegeben als jemals. Ich möchte von Ihnen nur die grundsätzliche Antwort haben, ob Sie im Falle einer Berufung durch eine öffentliche Stelle grundsätzlich bereit wären, in Verhandlungen zu treten.
Darf ich hoffen von Ihnen bald eine Nachricht zu erhalten? Sollten Sie über mich Erkundigungen einziehen wollen, so bitte ich Sie, sich an Herrn Winter, AMP zu wenden.
In Verehrung Ihr aufrichtig ergebener
Schlee
Ich war sehr glücklich von Ihnen durch Ihren Sohn zu hören3
und grüße herzlichst
B Rothe

9. Jänner 1946


The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection


Brief

Zitierhinweis:

Universal-Edition an Arnold Schönberg, 9. Jänner 1946, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.17720.

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