2. März 1936
Lieber Dr. Kallmus,
vor Allem möchte ich Ihnen, sowie Fräulein
Rothe, Dir. Winter, Erwin Stein und den anderen Mitgliedern
Ihrer Direktion (auch Herrn Heinsheimer) herzlichst danken
für die Beileidsbezeichnungen, die Sie mir anlässlich des
Todes meines lieben Freundes gesendet haben.
Dann bestät[t]ige ich den Empfang Ihrer [Br]
Briefe1 betreffs der Vollendung der Partitur, auch den Steins,
sowie Ihres Telegramms, das mir das so nahe Datum der Ur-
aufführung
2 mitteilt.
Dieses letztere hat mich sehr und unangenehm
überrascht. Bis heute habe ich (offenbar dank Ihres hiesigen
Vertreters) noch kein Blatt des Vorlagematerials. Wenn die
Partitur bis 1. August in Ihren Händen sein soll, dann muss ich
sie bis spätestens Ende Juni fertig haben, denn dann beginnen
meine Sommerklassen an der Universität und da habe ich keine
Zeit mehr zu arbeiten. Ob ich diesen Termin einhalten kann,
kann ich heute noch nicht sagen. Vor Allem weiss ich noch
nicht, wie lange es dauern wird, bis ich mich in das Werk auch
nur so weit eingelesen habe, dass ich weiss was los ist, ganz
zu schweigen, dass ich mindestens den Teil, den ich zu instru-
mentieren habe, ganz genau fühlen und verstehen muss. Dazu
kommt, dass ich voraussichtlich innerhalb dieser Zeit eine
spezielle Sache zu erledigen haben werde, die ich nicht aufzu-
schieben in der Lage bin und die mich für viele Wochen in
Anspruch nehmen dürfte. Es ist viel Zeit verloren gegangen
zwischen Steins Brief vom 17. Januar, in welchem er mir
die Sendungen ankündigt. Eigentlich erwartete ich diese
höchstens eine Woche später, also anfangs Februar. Aber ich
weiss noch immer nicht, wann das Material da sein wird.
Ich will selbstverständlich alles mögliche
tun, um den Uraufführungstermin zu ermöglichen. Erstens denke
ich, wird es sehr nützlich sein, wenn ich Ihnen etwa immer
fertige Partien, etwa 10 bis 20 Partiturseiten gleich nach Fer
tigstellung sende, so dass bei meiner letzten Sendung eben nur
ein kleiner Rest nachzuarbeiten ist. Zw[e]itens aber werde ich
vielleicht, wenn die Zeit drängt und ich sehe, dass ich nicht
fertig werden kann, einen Ausweg betreten, den ich gleich jetzt
ausführlich beschreiben will, weil ich dann vielleicht keine
Zeit habe. Ich werde in das Particell haargenau die Instrumen-
tation eintragen, so dass mein Sohn, der in solchen Arbeiten
geübt ist, danach die Partitur, mit den richtigen Transpositi-
onen schreiben kann. Wenn dann Herr Stein meine Notizen mit
der Partitur vergleic[h]t und im Zweifelsfall mit Webern zusammen
selbst entscheidet (ich kann es ja immer noch später selbst
überprüfen) so wird wohl zweifellos das Richtige herauskommen.
Aufrichtig gestanden, ich fürchte ich werde
es kaum anders tun können. Denn ich sehe, dass BergsSymphon.
Lulu-Stücke
“ 140 Seiten lang sind. Solc[h]er Seiten aber könnte
ich von meinem eigenen Werk höchstens vier in einem 8-stündigen
Arbeitstag zusammenbringen, bezweifle also, dass ich hier drei
schreiben kann. Das wären aber cirka acht Wochen, wenn ich
nur einen Tag in der Woche raste oder verhindert bin.

Aber es kommt ja immer etwas dazwischen und wie gesagt,
ich werde etwas Unaufschiebbares zu tun haben. Aber hoffent-
lich geht es auf die vorhinbeschriebene Weise. Ich würde dann [im]
immer 4–8 Blätter senden und da Sie ja meinem Sohn immer
erst bezahlen, was er abliefert, so wird er sich gewiss be-
mühen, es so rasch wie möglich zu machen.
Zur Sache selbst möchte ich noch bemerken:
Ich bitte Sie auf Anfragen zu erklären, dass ich mich entschlos
sen habe, nicht etwa Bergs Orchesterstil zu imitieren, sondern
so zu verfahren, wie ich verfuhr, als ich ein eigenes Werk, meine
Gurrelieder, deren Stil mir nicht mehr der meine schien, zehn
Jahre nach der Konzeption instrumentierte. Das heisst, ich
tat es auf die Weise, auf welche ich damals für Orchester
schrieb und das will ich auch hier tun. Selbstverständlich werde
ich trachten heraus zu finden, welche Wirkung Berg vorgeschwebt
hat und selbstverständlich werde ich mic[h] bemühen, nicht hinter
seinen klanglichen Visionen zurückzubleiben. Aber die Mittel
hiezu kann ich mit gutem Gewissen und mit vollem Einsatz
meiner Phan[t]asie nur so benützen, wie ich es in meinen eigene[n]
Werken tue. Und so wie ich das im vollen Glauben an die Richtig-
keit meines Verfahrens tue, so bin ich überzeugt, dass etwas
Brauchbares nur herauskommen kann, wenn ich ebenso vorgehe.
Vielleicht wird der amerikanische Korrespondent der New York
Times
3(oder ist es Herr Reich, der das so darstellt?) enttäuscht
sein, dass ich mich anders verhalte als dieser erwartet, aber
man kann ihm wohl kaum helfen.
Ich habe Sie in der letzten Zeit wiederholt
für Geldsendungen an meinen Sohn in Anspruch genommen und
danke Ihnen bestens für diese Gefälligkeiten. Sie haben
wohl immer die Geldsendung erhalten, ausgenommen im Januar,
wo ich auf meine Abrechnung gezogen habe. Ich hoffe, das ist
alles in Ordnung. Wahrscheinlich werde ich Ihnen morgen wieder
telegrafieren müssen. Aber ich wünschte, Sie machten mir einen
Vorschlag, der mir das Geld für Telegramme erspart. Kann ich
nicht zum Beispiel bei Ihrem Vertreter Geld einzahlen, wenn
Sie es monatlich vorstrecken?
Ich habe nun das Wichtigste gesagt und muss
fort.
Also, viele herzlichste Grüsse an Sie und alle meine
Freunde bei Ihnen, Ihr
2. März 1936
Lieber Dr. Kallmus,
vor Allem möchte ich Ihnen, sowie Fräulein Rothe, Dir. Winter, Erwin Stein und den anderen Mitgliedern Ihrer Direktion (auch Herrn Heinsheimer) herzlichst danken für die Beileidsbezeichnungen, die Sie mir anlässlich des Todes meines lieben Freundes gesendet haben.
Dann bestätige ich den Empfang Ihrer Briefe1 betreffs der Vollendung der Partitur, auch den Steins, sowie Ihres Telegramms, das mir das so nahe Datum der Uraufführung2 mitteilt.
Dieses letztere hat mich sehr und unangenehm überrascht. Bis heute habe ich (offenbar dank Ihres hiesigen Vertreters) noch kein Blatt des Vorlagematerials. Wenn die Partitur bis 1. August in Ihren Händen sein soll, dann muss ich sie bis spätestens Ende Juni fertig haben, denn dann beginnen meine Sommerklassen an der Universität und da habe ich keine Zeit mehr zu arbeiten. Ob ich diesen Termin einhalten kann, kann ich heute noch nicht sagen. Vor Allem weiss ich noch nicht, wie lange es dauern wird, bis ich mich in das Werk auch nur so weit eingelesen habe, dass ich weiss was los ist, ganz zu schweigen, dass ich mindestens den Teil, den ich zu instrumentieren habe, ganz genau fühlen und verstehen muss. Dazu kommt, dass ich voraussichtlich innerhalb dieser Zeit eine spezielle Sache zu erledigen haben werde, die ich nicht aufzuschieben in der Lage bin und die mich für viele Wochen in Anspruch nehmen dürfte. Es ist viel Zeit verloren gegangen zwischen Steins Brief vom 17. Januar, in welchem er mir die Sendungen ankündigt. Eigentlich erwartete ich diese höchstens eine Woche später, also anfangs Februar. Aber ich weiss noch immer nicht, wann das Material da sein wird.
Ich will selbstverständlich alles mögliche tun, um den Uraufführungstermin zu ermöglichen. Erstens denke ich, wird es sehr nützlich sein, wenn ich Ihnen etwa immer fertige Partien, etwa 10 bis 20 Partiturseiten gleich nach Fertigstellung sende, so dass bei meiner letzten Sendung eben nur ein kleiner Rest nachzuarbeiten ist. Zweitens aber werde ich vielleicht, wenn die Zeit drängt und ich sehe, dass ich nicht fertig werden kann, einen Ausweg betreten, den ich gleich jetzt ausführlich beschreiben will, weil ich dann vielleicht keine Zeit habe. Ich werde in das Particell haargenau die Instrumentation eintragen, so dass mein Sohn, der in solchen Arbeiten geübt ist, danach die Partitur, mit den richtigen Transpositionen schreiben kann. Wenn dann Herr Stein meine Notizen mit der Partitur vergleicht und im Zweifelsfall mit Webern zusammen selbst entscheidet (ich kann es ja immer noch später selbst überprüfen) so wird wohl zweifellos das Richtige herauskommen.
Aufrichtig gestanden, ich fürchte ich werde es kaum anders tun können. Denn ich sehe, dass BergsSymphon. Lulu-Stücke“ 140 Seiten lang sind. Solcher Seiten aber könnte ich von meinem eigenen Werk höchstens vier in einem 8-stündigen Arbeitstag zusammenbringen, bezweifle also, dass ich hier drei schreiben kann. Das wären aber cirka acht Wochen, wenn ich nur einen Tag in der Woche raste oder verhindert bin. Aber es kommt ja immer etwas dazwischen und wie gesagt, ich werde etwas Unaufschiebbares zu tun haben. Aber hoffentlich geht es auf die vorhinbeschriebene Weise. Ich würde dann immer 4–8 Blätter senden und da Sie ja meinem Sohn immer erst bezahlen, was er abliefert, so wird er sich gewiss bemühen, es so rasch wie möglich zu machen.
Zur Sache selbst möchte ich noch bemerken: Ich bitte Sie auf Anfragen zu erklären, dass ich mich entschlossen habe, nicht etwa Bergs Orchesterstil zu imitieren, sondern so zu verfahren, wie ich verfuhr, als ich ein eigenes Werk, meine Gurrelieder, deren Stil mir nicht mehr der meine schien, zehn Jahre nach der Konzeption instrumentierte. Das heisst, ich tat es auf die Weise, auf welche ich damals für Orchester schrieb und das will ich auch hier tun. Selbstverständlich werde ich trachten heraus zu finden, welche Wirkung Berg vorgeschwebt hat und selbstverständlich werde ich mich bemühen, nicht hinter seinen klanglichen Visionen zurückzubleiben. Aber die Mittel hiezu kann ich mit gutem Gewissen und mit vollem Einsatz meiner Phantasie nur so benützen, wie ich es in meinen eigenen Werken tue. Und so wie ich das im vollen Glauben an die Richtigkeit meines Verfahrens tue, so bin ich überzeugt, dass etwas Brauchbares nur herauskommen kann, wenn ich ebenso vorgehe. Vielleicht wird der amerikanische Korrespondent der New York Times3(oder ist es Herr Reich, der das so darstellt?) enttäuscht sein, dass ich mich anders verhalte als er erwartet, aber man kann ihm wohl kaum helfen.
Ich habe Sie in der letzten Zeit wiederholt für Geldsendungen an meinen Sohn in Anspruch genommen und danke Ihnen bestens für diese Gefälligkeiten. Sie haben wohl immer die Geldsendung erhalten, ausgenommen im Januar, wo ich auf meine Abrechnung gezogen habe. Ich hoffe, das ist alles in Ordnung. Wahrscheinlich werde ich Ihnen morgen wieder telegrafieren müssen. Aber ich wünschte, Sie machten mir einen Vorschlag, der mir das Geld für Telegramme erspart. Kann ich nicht zum Beispiel bei Ihrem Vertreter Geld einzahlen, wenn Sie es monatlich vorstrecken?
Ich habe nun das Wichtigste gesagt und muss fort.
Also, viele herzlichste Grüsse an Sie und alle meine Freunde bei Ihnen, Ihr
Arnold Schoenberg

2. März 1936


Ort erschlossen

Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Wien
Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg und die Wiener Schule
Archiv der Universal Edition, Depositum



Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 2. März 1936, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.2808.

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