24. Juli 1917
Sehr geehrter Herr Direktor, Ihre Entschuldigung kann mich natürlich nicht
befriedigen. Vor allem, weil Ihr durch Ihre Nervosität hervorgerufenes Vor-
gehen gegen mich, sobald Sie wieder wegen eines Papierwaggons nervös
sind, neuerdings ausbrechen kann, und Sie werden einsehen, dass es für mich
nichts Verlockendes ist, der Sündenbock Ihrer Launen zu sein. Dann aber, weil
Sie fast acht Wochen verstreichen ließen, ohne [daß] Sie Ihr Unrecht gut machten, statt
mir sofort am nächsten Tag zu schreiben!! Ja sogar als Stein Sie daran
erinnerte, wie Sie mich durch Ihr Benehmen beleidigt hatten, auch dann
ließen Sie noch 4 Wochen verstreichen. Schließlich aber sehe ich mit alle
dem, dass Sie sich wahrscheinlich gar nicht entschuldigt hätten, wenn nicht der
Umstand, dass wir miteinander verkehren müssen, Ihnen eine recht cere-
monielle Entschuldigung abgenötigt hätte. Da ich nun – ganz abgesehen von
meinen Leistungen – als einfacher Bürger, wie jeder verlangen muss,
dass er mich mit vollendeter Höflichkeit behandle, mit Rücksicht auf die
Besonderheit meiner Leistungen sogar eine besonders auszeichnende
Höflichkeit beanspruchen darf, da soweit es im Allgemeinen den
Künstlern die Nervosität zugebilligt wird, während man von
den Verlegern Ruhe und Maß mit Recht erwartet, so werden Sie
einsehen, dass ich nicht damit zufrieden bin, wenn Sie schreiben
„Sollten Sie sich dennoch unbegreiflicherweise(!!) durch irgend
etwas verletzt fühlen –“. Denn daß ich verletzt bin und dass das
nicht „unbegreiflich“ ist, wussten Sie doch wohl sofort, als Sie ohne
jeden Grund das Telefon Gespräch mit einseitiger Eigenmäch-
tigkeit abbrachen. Sie werden wohl ebenso empfinden, wie

ich, [darin empfinden] (oder nicht. – Soll ich es einmal probieren?) und werden
verlangen, dass eine Unterredung nicht von dem einen eigenmächtig
abgebrochen, sondern in gegenseitiger Uebereinstimmung geschlossen
wird. Wer das anders empfindet, mit dem kann ich allerdings
nicht weiter diskutieren; dem allein darf es dann auch nicht unbegreif
lich sein, wenn der Andre sich beleidigt. Soweit ich weiß, sind
Sie hingegen sehr empfindlich. Ich frage nun:
Beanspruchen Sie eine andere Höflichkeit, als Sie sie mir be-
weisen wollen?
Das könnte ich Ihnen nicht geben; denn es giebt nur eine
einzige Art von Höflichkeit. Die aber, die Gespräche
abbricht, mag ich nur anwenden, wo ich jeden Verkehr abbreche!
Empfinden Sie das anders?
Aber ich will mich aus folgenden Gründen mit Ihrer
Erklärung zufrieden geben:
I. Weil ich dieses Werk noch fertig machen will (denn
[(]ich muss, eh der Winter kommt, noch ein zweites schreiben) und
das nicht weiter arbeiten kann, ehe ich über das Verlagstech-
nische nicht im Klaren bin.
II. Weil ich nicht aus Rachsucht unsere Verlagsbeziehungen
stören will.
III. Weil ich mit Bestimmtheit darauf rechne, dass Sie
mir beim persönlichen Zusammentreffen mit der nötigen
Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit durch eine herzliche Entschuldigung
die Garantie geben werden, dass ich nicht mehr befürchten muss,
wegen Papier* der Sündenbock zu sein!
Da ich zur Fertigstellung des Buches cirka 2-3 Wochen brauche,
drängt meine Zeit sehr. Ich bitte deshalb um umgehende Ant-
wort. Wollen Sie mir vielleicht auch gleich diejenigen
Nachmittagsstunden nennen, die Ihnen passen. Unsre Un-
terredung wird nicht kurz sein können, denn es sind

einige Fragen zu besprechen. Außerdem: ich arbeite sehr angestrengt
an der Komposition der „Jakobsleiter“, muss also auch etwas
Spielraum haben. Wenn Sie auf noble Weise mich ver-
söhnen wollten, würden Sie das berücksichtigen und würden
auf einen Nachmittag zu mir kommen (ich habe aus Ärger und
mit diesem langen Brief genug Zeit verbraucht, die mir
jetzt unersetzlicher ist, als je) und alles in Ordnung bringen.
Ich fände es gerecht, aber ich fordere es nicht, denn es ist Ihre
Sache, ob Sie gute Beziehungen wiederherstellen wollen
und einen Fehler gründlich gut machen. Meine Sache mag
es sein, Ihnen den Weg zu zeigen und die Bereitwillig-
keit. Aber ich kann mich ja auch mit dem Verhältnis
begnügen, das Sie für angemessen halten, da meine
sehr in Anspruch genommene Phantasie genug Beschäftigung
findet, an den Aufgaben, die sie sich selbst stellt.
Also: ich bin mit vorzüglicher Hochachtung Ihr Arnold Schönberg
24. Juli 1917
Sehr geehrter Herr Direktor, Ihre Entschuldigung kann mich natürlich nicht befriedigen. Vor allem, weil Ihr durch Ihre Nervosität hervorgerufenes Vorgehen gegen mich, sobald Sie wieder wegen eines Papierwaggons nervös sind, neuerdings ausbrechen kann, und Sie werden einsehen, dass es für mich nichts Verlockendes ist, der Sündenbock Ihrer Launen zu sein. Dann aber, weil Sie fast acht Wochen verstreichen ließen, ohne daß Sie Ihr Unrecht gut machten, statt mir sofort am nächsten Tag zu schreiben!! Ja sogar als Stein Sie daran erinnerte, wie Sie mich durch Ihr Benehmen beleidigt hatten, auch dann ließen Sie noch 4 Wochen verstreichen. Schließlich aber sehe ich mit alle dem, dass Sie sich wahrscheinlich gar nicht entschuldigt hätten, wenn nicht der Umstand, dass wir miteinander verkehren müssen, Ihnen eine recht ceremonielle Entschuldigung abgenötigt hätte. Da ich nun – ganz abgesehen von meinen Leistungen – als einfacher Bürger, wie jeder verlangen muss, dass er mich mit vollendeter Höflichkeit behandle, mit Rücksicht auf die Besonderheit meiner Leistungen sogar eine besonders auszeichnende Höflichkeit beanspruchen darf, da soweit es im Allgemeinen den Künstlern die Nervosität zugebilligt wird, während man von den Verlegern Ruhe und Maß mit Recht erwartet, so werden Sie einsehen, dass ich nicht damit zufrieden bin, wenn Sie schreiben „Sollten Sie sich dennoch unbegreiflicherweise(!!) durch irgend etwas verletzt fühlen –“. Denn daß ich verletzt bin und[?] dass das nicht „unbegreiflich“ ist, wussten Sie doch wohl sofort, als Sie ohne jeden Grund das Telefon Gespräch mit einseitiger Eigenmächtigkeit abbrachen. Sie werden wohl ebenso empfinden, wie ich, (oder nicht. – Soll ich es einmal probieren?) und werden verlangen, dass eine Unterredung nicht von dem einen eigenmächtig abgebrochen, sondern in gegenseitiger Uebereinstimmung geschlossen wird. Wer das anders empfindet, mit dem kann ich allerdings nicht weiter diskutieren; dem allein darf es unbegreiflich sein, wenn der Andre sich beleidigt. Soweit ich weiß, sind Sie hingegen sehr empfindlich. Ich frage nun:
Beanspruchen Sie eine andere Höflichkeit, als Sie sie mir beweisen wollen?
Das könnte ich Ihnen nicht geben; denn es giebt nur eine einzige Art von Höflichkeit. Die aber, die Gespräche abbricht, mag ich nur anwenden, wo ich jeden Verkehr abbreche! Empfinden Sie das anders?
Aber ich will mich aus folgenden Gründen mit Ihrer Erklärung zufrieden geben:
I. Weil ich dieses Werk noch fertig machen will (dennich muss, eh der Winter kommt, noch ein zweites schreiben) und das nicht weiter arbeiten kann, ehe ich über das Verlagstechnische nicht im Klaren bin.
II. Weil ich nicht aus Rachsucht unsere Verlagsbeziehungen stören will.
III. Weil ich mit Bestimmtheit darauf rechne, dass Sie mir beim persönlichen Zusammentreffen mit der nötigen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit durch eine herzliche Entschuldigung die Garantie geben werden, dass ich nicht mehr befürchten muss, wegen Papier der Sündenbock zu sein!
Da ich zur Fertigstellung des Buches cirka 2-3 Wochen brauche, drängt meine Zeit sehr. Ich bitte deshalb um umgehende Antwort. Wollen Sie mir vielleicht auch gleich diejenigen Nachmittagsstunden nennen, die Ihnen passen. Unsre Unterredung wird nicht kurz sein können, denn es sind einige Fragen zu besprechen. Außerdem: ich arbeite sehr angestrengt an der Komposition der „Jakobsleiter“, muss also auch etwas Spielraum haben. Wenn Sie auf noble Weise mich versöhnen wollten, würden Sie das berücksichtigen und würden auf einen Nachmittag zu mir kommen (ich habe aus Ärger und mit diesem langen Brief genug Zeit verbraucht, die mir jetzt unersetzlicher ist, als je) und alles in Ordnung bringen. Ich fände es gerecht, aber ich fordere es nicht, denn es ist Ihre Sache, ob Sie gute Beziehungen wiederherstellen wollen und einen Fehler gründlich gut machen. Meine Sache mag es sein, Ihnen den Weg zu zeigen und die Bereitwilligkeit. Aber ich kann mich ja auch mit dem Verhältnis begnügen, das Sie für angemessen halten, da meine sehr in Anspruch genommene Phantasie genug Beschäftigung[?] findet, an den Aufgaben, die sie sich selbst stellt.
Also: ich bin mit vorzüglicher Hochachtung Ihr Arnold Schönberg

24. Juli 1917


Ort erschlossen

The Library of Congress
Washington, D.C.
Music Division
Arnold Schoenberg Collection



Brief, Kopie

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 24. Juli 1917, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.487.

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