Charlottenburg 2
Pension Bavaria
23.I.1927
PT UE, ich komme erst heute dazu, ihre letzten Briefe1 zu beant-
worten.
Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich es unerhört finde, dass
die ohnedies so verspätete Herausgabe meiner neuen Suite nun
wieder vollkommen grundlos, mit einer absolut sinnlosen Aus-
rede neuerdings verschoben worden ist. Ich habe nur aus ei-
nem Grund nicht sofort protestiert: weil das ganz bestimmt so
nicht weiter geht: ich behalte mir meine diesbezüglichen Be-
schlüsse zunächst vor.
Ferner muss ich zu der PS-Bemerkung Ihres Briefes vom 3.I.
folgendes erklären: ich habe Herrn Winter erklärt (und zwar
wiederholt!) dass ich jene Beträge, die ich im ver-
gangenen Jahr über die 500 Markzahlung hinaus behoben habe
auf das Konto „alte“ Werke belastet haben möchte. Da nun immer
wieder dennoch dieser Betrag auf das Konto „neue Werke“ ver-
rechnet wird, so muss ich nun erneuert an die Bedingungen
erinnern, die ich bei der letzten Neuregulierung unseres Ver-
trages gestellt und zugesagt erhalten habe:
I. dass mir, wenn ich Vorschüsse benötige, diese jederzeit bewil-
ligt würden („Betrachten Sie die Universal-Edition als Ihren
Bankier.....“ sagte mir damals Dir. Herzka)
II. Dass ich eine Garantie dafür verlangte, dass meine Einnahmen
eine gewisse Mindesthöhe erreichen müssen, da ich sogar da-
mals, als die Einnahmen noch weit höher waren, damit begreif-
licherweise unzufrieden sein musste. Nur, weil wir keine Möglich
keit fanden, diese Forderung in eine vertragsfähige Formel zu
fassen, wurde sie nicht im Vertrag erwähnt, aber ich glaubte
durch meinen Verzicht auf eine höhere Tantiemenzahlung, den
ich zu diesem Zweck selbst vorschlug, eine höhere Summe zu
erreichen, und nahm die mir damals gegebenen Versicherungen
als zureichend zur Kennt[n]is. Nichtsdestoweniger sind meine
Einnahmen trotzdem von Semester zu Semester bedeutend ge-
sunken, so dass ich für alte und neue Werke zusammen kaum
mehr erhalte, als damals für die alten allein.
Ich muss nun feierlichst erklären, dass ich der
UE keineswegs mein ganzes Lebenswerk anvertraut hätte,
wenn ich angenommen hätte, dass – aus welchen Gründen immer –
mir alle meine Werke, bis Op. 22 inclusive Harmonielehre und
Gurrelieder so wenig tragen werden, dass man mir diese Summe
nicht auf meine Halbjahresrechnung schreiben kann.
Ich erkläre, dass das keineswegs so weiter gehen kann!
Es ist Pflicht eines Verlages, der einem Autor soviel ver-
dankt, wie die UE mir, dass sie seinen Werken einen entsprechen
den Absatz zu verrechnen in der Lage ist. Wie sie das macht,
ist nicht meine Sache!
So muss ich also entschiedenst ersuchen (ohne dass ich
damit der notwendigen Regelung der obigen Frage vorgreife) mir
zuverlässig solange weiter den für meine neuen Werke abge-
machten Betrag monatlich regelmässig weiterzubezahlen, bis
ich auf den mir von Ihnen gemachten Vorschlag einer Aenderung

unseres Vertrages eingehen werde.
Das wird zuverlässig in den nächsten Wochen schon ge-
schehen. Ihren Vorschlag: diesen Vorschlag zunächst als nicht
geschehen anzusehen, bin ich nämlich nicht in der Lage zu
akzeptieren: Im Gegenteil: ich werde ihn niemals
vergessen. Ich werde es immer im Gedächtnis behalten, dass
die UE. in einem Augenblick, wo sie glaubte, dass mein
Erfolg im Abnehmen sei (als ob ich jemals gestattet hätte,
mich nach meinem Erfolg zu beurteilen!) auf einen Teil mei-
nes Schaffens verzichten will; mich mit diesen Werken also
höflich vor die Tür setzt:!
Ja, es ist ein neuer Geist in die UE eingerissen. Ein ge-
rissener Geist. Mindestens von diesem werde ich mich
unbedingt trennen müssen.
Ich bin, mit vorzüglicher Hochachtung
Arnold Schönberg
Charlottenburg 2
Pension Bavaria
23.I.1927
PT UE, ich komme erst heute dazu, ihre letzten Briefe1 zu beantworten.
Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich es unerhört finde, dass die ohnedies so verspätete Herausgabe meiner neuen Suite nun wieder vollkommen grundlos, mit einer absolut sinnlosen Ausrede neuerdings verschoben worden ist. Ich habe nur aus einem Grund nicht sofort protestiert: weil das ganz bestimmt so nicht weiter geht: ich behalte mir meine diesbezüglichen Beschlüsse zunächst vor.
Ferner muss ich zu der PS-Bemerkung Ihres Briefes vom 3.I. folgendes erklären: ich habe Herrn Winter erklärt (und zwar wiederholt!) dass ich jene Beträge, die ich im vergangenen Jahr über die 500 Markzahlung hinaus behoben habe auf das Konto „alte“ Werke belastet haben möchte. Da nun immer wieder dennoch dieser Betrag auf das Konto „neue Werke“ verrechnet wird, so muss ich nun erneuert an die Bedingungen erinnern, die ich bei der letzten Neuregulierung unseres Vertrages gestellt und zugesagt erhalten habe:
I. dass mir, wenn ich Vorschüsse benötige, diese jederzeit bewilligt würden („Betrachten Sie die Universal-Edition als Ihren Bankier.....“ sagte mir damals Dir. Herzka)
II. Dass ich eine Garantie dafür verlangte, dass meine Einnahmen eine gewisse Mindesthöhe erreichen müssen, da ich sogar damals, als die Einnahmen noch weit höher waren, damit begreiflicherweise unzufrieden sein musste. Nur, weil wir keine Möglichkeit fanden, diese Forderung in eine vertragsfähige Formel zu fassen, wurde sie nicht im Vertrag erwähnt, aber ich glaubte durch meinen Verzicht auf eine höhere Tantiemenzahlung, den ich zu diesem Zweck selbst vorschlug, eine höhere Summe zu erreichen, und nahm die mir damals gegebenen Versicherungen als zureichend zur Kenntnis. Nichtsdestoweniger sind meine Einnahmen trotzdem von Semester zu Semester bedeutend gesunken, so dass ich für alte und neue Werke zusammen kaum mehr erhalte, als damals für die alten allein.
Ich muss nun feierlichst erklären, dass ich der UE keineswegs mein ganzes Lebenswerk anvertraut hätte, wenn ich angenommen hätte, dass – aus welchen Gründen immer – mir alle meine Werke, bis Op. 22 inclusive Harmonielehre und Gurrelieder so wenig tragen werden, dass man mir diese Summe nicht auf meine Halbjahresrechnung schreiben kann.
Ich erkläre, dass das keineswegs so weiter gehen kann! Es ist Pflicht eines Verlages, der einem Autor soviel verdankt, wie die UE mir, dass sie seinen Werken einen entsprechenden Absatz zu verrechnen in der Lage ist. Wie sie das macht, ist nicht meine Sache!
So muss ich also entschiedenst ersuchen (ohne dass ich damit der notwendigen Regelung der obigen Frage vorgreife) mir zuverlässig solange weiter den für meine neuen Werke abgemachten Betrag monatlich regelmässig weiterzubezahlen, bis ich auf den mir von Ihnen gemachten Vorschlag einer Aenderung unseres Vertrages eingehen werde.
Das wird zuverlässig in den nächsten Wochen schon geschehen. Ihren Vorschlag: diesen Vorschlag zunächst als nicht geschehen anzusehen, bin ich nämlich nicht in der Lage zu akzeptieren: Im Gegenteil: ich werde ihn niemals vergessen. Ich werde es immer im Gedächtnis behalten, dass die UE. in einem Augenblick, wo sie glaubte, dass mein Erfolg im Abnehmen sei (als ob ich jemals gestattet hätte, mich nach meinem Erfolg zu beurteilen!) auf einen Teil meines Schaffens verzichten will; mich mit diesen Werken also höflich vor die Tür setzt:!
Ja, es ist ein neuer Geist in die UE eingerissen. Ein gerissener Geist. Mindestens von diesem werde ich mich unbedingt trennen müssen.
Ich bin, mit vorzüglicher Hochachtung
Arnold Schönberg

23. Jänner 1927

25. Jänner 1927

Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 23. Jänner 1927, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.1281.

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