Charlottenburg 2
Pension Bavaria
18.III.1927
PT UE zunächt muss ich Ihnen die Mitteilung machen,
dass ich die Zurückziehung Ihres Vorschlages nicht
zur Kenntnis nehmen kann. Vor allem war der Vor-
schlag nicht befristet. Die Zurücknahme aber war
jedenfalls keine faktische Zurücknahme, d. h. Sie sind nicht
von Ihrem Antrag zurückgetreten, sondern es war
eine konditionelle Zurücknahme: da ich mich nämlich
über den Vorschlag beleidigt und von ihm unbefrie-
digt zeigte, stellten Sie es mir anheim, den Vor-
schlag als ungeschehen anzusehen (eine Redewen-
dung, die fast nur im Zusammenhang mit kränken-
den Vorgängen Sprachgebrauch ist). Nun war ich
aber nicht in einer solchen Weise beleidigt,
dass ich durch die Zurückziehung des Vorschlages
zu versöhnen gewesen wäre, sondern in einer andern:
in einer solchen, welche nur gutgemacht wird, in-
dem man die Konsequenzen eben aus dem Vorschlag
selbst zieht. Ich hatte also keinen Anlass, von
Ihrem Versöhnungsvorschlag Gebrauch zu machen.
Ich möchte also doch Gewicht darauf legen, nun-
mehr auf Grund der von Ihnen im Prinzip bereits
zugestandenen „Freigabe für einen gewissen Zeit-
raum“ zu verhandeln.
Meine Beweggründe kennen Sie: die Entwicklung zum
„Babylonischen Turm“, die die UE seit ca 8 Jahren
durchgemacht hat, gegen welche ich stets Beden-
ken (berechtigte, wie sich zeigt) geäussert habe,

hat dazu geführt, dass ich im Riesenkomplex der Interessen der UE
nur mehr einen kleinen Raum einnehme, dass ich höchstens noch ei-
ne relative Grösse dort bin und dass sich demgemäss auch die
Leistungen der UE, was die Durchsetzung meines Werkes anbelangt,
nur mehr innerhalb des derzeit auf mich perzentuell entfallen-
den Spielraumes bewegen. Ich habe diesen Umstand schon auf so man-
nigfaltige Art dargestellt, dass es sich wohl erübrigt, heute
mehr darüber zu sagen. Wie immer das also ist, Eines steht fest:
Die UE die fast mein ganzes bisheriges Lebenswerk zur Verwaltung hat, ver
schafft mir darauf ein Jahreserträgnis von circa 7000 Schilling.
Das ist natürlich ein unhaltbarer Zustand. Abgesehen davon, dass
die UE seit dem Abschluss unseres letzten Vertrages soviel neue
Werke von mir bekommen hat, dass die Zahl der Werke die eineinhalb-
fache Höhe erreicht hat, dass dagegen aber die Einnahmen statt
wenigstens ebenfalls auf das eineinhalbfache zu steigen, wesentlich gesunken
sind; abgesehen davon also, dass die UE wegen der Mehrleistungen
für Ihren Babylonischen Turmbau in ihren Bemühungen und Leistungen
für mich nachgelassen hat, abgesehen davon habe ich noch den Scha-
den zu tragen, der sich aus der Lächerlichkeit ergiebt, dass ich
mit meinen Gegnern zusammen in eine Interessengemeinschaft ge-
zwungen bin, die meinen Interessen zuwiderläuft: ja das Interesse
dieser Gegner erfordert sogar die Bekämpfung meiner Bestrebungen,
und mein Verleger, der meine Interessen fördern sollte, ist genö
tigt seinen Babylonischen Turm zu pölzen, indem er mir eine Haxen
nach der andern ausreisst.
Dieser Zustand ist unhaltbar.
Ich bin soweit, dass ich von den Erträgnissen meines Komponierens
leben könnte; und zwar nicht wie ein Ziegelschupfer beim Babylo-
nischen Turmbau, sondern wie ein Mensch von heute, dessen Höchst-
leistungen nur von der UE, ihren Autoren und deren journalisti-
schem Anhang bestritten oder wenigstens bekämpft werden.

Zur Lösung dieses Problems sehe ich rein theoretisch nur folgende
Möglichkeiten:
I. Erhöhung und Sicherung meiner Einnahmen z. B. in der Form, die
ich zu Dr. Heinsheimer vorgeschlagen habe: dass nämlich mir pro
Werk eine fixe Summe zugesprochen wird, welche eventuell in jähr-
lichen Abzahlungen an mich geleistet würde und die als Garantie
einer Mindesteinnahme in der Weise zu gelten hätte, dass sie in
einem festgesetzten Zeitraum (z. B. 10 oder 15 Jahre), gleichviel ob
sie bis dahin durch Tantiemenanteile amortisiert ist oder nicht,
als verfallen anzusehen wäre, mein Conto also nicht mehr belas[te] -
tete, sodass alle von da an gutzuschreibenden Tantièmen mir bar
auszubezahlen wären. Ich habe eine Berechnung gemacht und dabei
herausbekommen, dass mir die UE wenn man Zinseszinsen rechnet, in
Wirklichkeit dabei ungefähr die Hälfte von dem geben würde, was
mir heute von anderen Verlegern angetragen wird: Dabei ist ja
noch mit einer Steigerung meines Marktwertes zu rechnen!
II. Eine eventuelle Lockerung meiner Bindung an die UE, welcher
zufolge ich eventuell der UE meine Werke von Fall zu Fall auf Grund der Angebote
anderer Verleger aber zu günstigeren Bedingungen überlassen könn-
te, wobei allerdings die in I) genannten Garantien geleistet wer-
den müssen. In diesem Falle könnte die gegenseitige Bindung, da
ja eine Gegenleistung der UE nicht erforderlich wäre, nur (wie
sagt man da?) „moralisch“ bestehen.
Rein theoretisch sehe ich zunächst keine andere gerechte Lösung.
Vielleicht entnehmen Sie den beiden Vorschlägen, dass sie keine Lösung
meiner Beziehung zur UE bezwecken, sondern eine gerechte Einigung.
In unserem gegenwärtigen Verhältnis bin ich im VerhältnisVergleich [zur] mit der
UE darum so ungünstig daran, weil die UE, in der Gewissheit, dass
die auf mich aufgewendeten Summen (da sie ja nur Vorschüsse und
keine Garantien sind) einmal hereinkommen werden, jede Konjunktur

ausnützen kann, auch wenn sie mir schadet: die UE weiss, dass sie
an mir kein Risiko hat, sie hat mich billig in der Hand und lässt
sich darum Zeit: sehr schmeichelhaft, aber ich wünsche zur Ehre die
materiellen Korrelate. Ehre habe ich schon, selbst; aber Geld brau-
che ich! Vielleicht tauschen wir: vielleicht behält einmal die UE
die Ehre und lässt mir auch etwas Geld zukommen!
Ich möchte bitten, diese Verhandlungen aber ein bischen zu be-
schleunigen.
Bitte Herrn Direktor Herzka meine besten Grüsse und Wünsche für
seine Gesundheit zu senden.
Hochachtungsvoll
Charlottenburg 2
Pension Bavaria
18.III.1927
PT UE zunächt muss ich Ihnen die Mitteilung machen, dass ich die Zurückziehung Ihres Vorschlages nicht zur Kenntnis nehmen kann. Vor allem war der Vorschlag nicht befristet. Die Zurücknahme aber war jedenfalls keine faktische Zurücknahme, d. h. Sie sind nicht von Ihrem Antrag zurückgetreten, sondern es war eine konditionelle Zurücknahme: da ich mich nämlich über den Vorschlag beleidigt und von ihm unbefriedigt zeigte, stellten Sie es mir anheim, den Vorschlag als ungeschehen anzusehen (eine Redewendung, die fast nur im Zusammenhang mit kränkenden Vorgängen Sprachgebrauch ist). Nun war ich aber nicht in einer solchen Weise beleidigt, dass ich durch die Zurückziehung des Vorschlages zu versöhnen gewesen wäre, sondern in einer andern: in einer solchen, welche nur gutgemacht wird, indem man die Konsequenzen eben aus dem Vorschlag selbst zieht. Ich hatte also keinen Anlass, von Ihrem Versöhnungsvorschlag Gebrauch zu machen. Ich möchte also doch Gewicht darauf legen, nunmehr auf Grund der von Ihnen im Prinzip bereits zugestandenen „Freigabe für einen gewissen Zeitraum“ zu verhandeln.
Meine Beweggründe kennen Sie: die Entwicklung zum „Babylonischen Turm“, die die UE seit ca 8 Jahren durchgemacht hat, gegen welche ich stets Bedenken (berechtigte, wie sich zeigt) geäussert habe, hat dazu geführt, dass ich im Riesenkomplex der Interessen der UE nur mehr einen kleinen Raum einnehme, dass ich höchstens noch eine relative Grösse dort bin und dass sich demgemäss auch die Leistungen der UE, was die Durchsetzung meines Werkes anbelangt, nur mehr innerhalb des derzeit auf mich perzentuell entfallenden Spielraumes bewegen. Ich habe diesen Umstand schon auf so mannigfaltige Art dargestellt, dass es sich wohl erübrigt, heute mehr darüber zu sagen. Wie immer das also ist, Eines steht fest: Die UE die fast mein ganzes bisheriges Lebenswerk zur Verwaltung hat, verschafft mir darauf ein Jahreserträgnis von circa 7000 Schilling. Das ist natürlich ein unhaltbarer Zustand. Abgesehen davon, dass die UE seit dem Abschluss unseres letzten Vertrages soviel neue Werke von mir bekommen hat, dass die Zahl der Werke die eineinhalbfache Höhe erreicht hat, dass dagegen aber die Einnahmen statt wenigstens ebenfalls auf das eineinhalbfache zu steigen, wesentlich gesunken sind; abgesehen davon also, dass die UE wegen der Mehrleistungen für Ihren Babylonischen Turmbau in ihren Bemühungen und Leistungen für mich nachgelassen hat, abgesehen davon habe ich noch den Schaden zu tragen, der sich aus der Lächerlichkeit ergiebt, dass ich mit meinen Gegnern zusammen in eine Interessengemeinschaft gezwungen bin, die meinen Interessen zuwiderläuft: ja das Interesse dieser Gegner erfordert sogar die Bekämpfung meiner Bestrebungen, und mein Verleger, der meine Interessen fördern sollte, ist genötigt seinen Babylonischen Turm zu pölzen, indem er mir eine Haxen nach der andern ausreisst.
Dieser Zustand ist unhaltbar.
Ich bin soweit, dass ich von den Erträgnissen meines Komponierens leben könnte; und zwar nicht wie ein Ziegelschupfer beim Babylonischen Turmbau, sondern wie ein Mensch von heute, dessen Höchstleistungen nur von der UE, ihren Autoren und deren journalistischem Anhang bestritten oder wenigstens bekämpft werden.
Zur Lösung dieses Problems sehe ich rein theoretisch nur folgende Möglichkeiten:
I. Erhöhung und Sicherung meiner Einnahmen z. B. in der Form, die ich Dr. Heinsheimer vorgeschlagen habe: dass nämlich mir pro Werk eine fixe Summe zugesprochen wird, welche eventuell in jährlichen Abzahlungen an mich geleistet würde und die als Garantie einer Mindesteinnahme in der Weise zu gelten hätte, dass sie in einem festgesetzten Zeitraum (z. B. 10 oder 15 Jahre), gleichviel ob sie bis dahin durch Tantiemenanteile amortisiert ist oder nicht, als verfallen anzusehen wäre, mein Conto also nicht mehr belas tete, sodass alle von da an gutzuschreibenden Tantièmen mir bar auszubezahlen wären. Ich habe eine Berechnung gemacht und dabei herausbekommen, dass mir die UE wenn man Zinseszinsen rechnet, in Wirklichkeit dabei ungefähr die Hälfte von dem geben würde, was mir heute von anderen Verlegern angetragen wird: Dabei ist ja noch mit einer Steigerung meines Marktwertes zu rechnen!
II. Eine eventuelle Lockerung meiner Bindung an die UE, welcher zufolge ich eventuell der UE meine Werke von Fall zu Fall auf Grund der Angebote anderer Verleger aber zu günstigeren Bedingungen überlassen könnte, wobei allerdings die in I) genannten Garantien geleistet werden müssen. In diesem Falle könnte die gegenseitige Bindung, da ja eine Gegenleistung der UE nicht erforderlich wäre, nur (wie sagt man da?) „moralisch“ bestehen.
Rein theoretisch sehe ich zunächst keine andere gerechte Lösung. Vielleicht entnehmen Sie den beiden Vorschlägen, dass sie keine Lösung meiner Beziehung zur UE bezwecken, sondern eine gerechte Einigung. In unserem gegenwärtigen Verhältnis bin ich im Vergleich mit der UE darum so ungünstig daran, weil die UE, in der Gewissheit, dass die auf mich aufgewendeten Summen (da sie ja nur Vorschüsse und keine Garantien sind) einmal hereinkommen werden, jede Konjunktur ausnützen kann, auch wenn sie mir schadet: die UE weiss, dass sie an mir kein Risiko hat, sie hat mich billig in der Hand und lässt sich darum Zeit: sehr schmeichelhaft, aber ich wünsche zur Ehre die materiellen Korrelate. Ehre habe ich schon, selbst; aber Geld brauche ich! Vielleicht tauschen wir: vielleicht behält einmal die UE die Ehre und lässt mir auch etwas Geld zukommen!
Ich möchte bitten, diese Verhandlungen aber ein bischen zu beschleunigen.
Bitte Herrn Direktor Herzka meine besten Grüsse und Wünsche für seine Gesundheit zu senden.
Hochachtungsvoll
Arnold Schönberg

18. März 1927

21. März 1927

Arnold Schönberg Center
Wien
Archiv
Universal Edition Collection


Brief

Zitierhinweis:

Arnold Schönberg an Universal-Edition, 18. März 1927, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit den Verlagen Universal-Edition und Dreililien. Hrsg. von Katharina Bleier und Therese Muxeneder unter Mitarbeit von Jannik Franz und Philipp Kehrer, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Arnold Schönberg Center, Wien. Version 2.5 vom 26.05.2026. URL: https://www.schoenberg-ue.at/ue/letters/letter.1297.

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